Bordellroman: Der heilige Skarabäus

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Der 1909 veröffentlichte Roman beschreibt das Rotlichtmilieu Wiens um die Jahrhundertwende. In der Prostitutionsliteratur gilt der Roman als Skandalbuch, das bis 1926 sogar 40 Neuauflagen erlebte. Der Roman spielt rund um ein Bordell, dem Rothaus, und beschreibt den Aufstieg von einer schäbigen Absteige zum erotischen Salon und dessen Niedergang. Es handelt sich auch um eine kritische Sozial- und Gesellschaftsstudie, die detailreich das Thema Prostitution ausleuchtet.

Milada ist die Hauptperson des Romans, ein uneheliches Kind, das im Bordell aufwuchs, und die zunächst stolz auf ihre begehrte Mutter ist, die schwarze Katherine, die als Hure im Rothaus anschafft. Später wendet Milada sich von der Prostitution zunehmend ab, als sie begreift, dass die Gesellschaft Prostitution als verachtenswert betrachtet. Milada erlebt das Milieu zunächst als etwas völlig normales bis sie sich in eine intellektuelle Betrachterin der Szene verwandelt und auch die Schattenseiten wahrnimmt.
Bildung erfährt sie im Austausch mit Kunden und dem Lesen politischer Literatur und gewinnt so an Selbstbewusstsein. Schliesslich verlässt sie das Bordell, um in die Berge zu ziehen, wo sie ein Kinderheim in der Steiermark gründet. Die Autorin verknüpft dies mit einer sozialen Utopie, wo Frauen abseits der Männerwelt zusammenleben.

Das Buch beschreibt das Vergnügen der Bürger, auch an dem ständigen Nachschub an „jungen und frischen Menschenmaterial“. Der Mädchenhandel blüht, die Polizei schaut weg oder macht mit, der Korruption geschuldet. Die Autorin kritisiert die Doppelmoral der Gesellschaft und die patriarchale Ordnung, die der Prostitution, „dem traurigen Gewerbe“, zugrunde liege und löste damit seinerzeit einen handfesten Skandal aus. Die Kunden sind Grenzgänger zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Rotlichtmilieu, darunter Aristokraten und Schriftsteller, die sich im Salon mit der roten Laterne vergnügen; die Prostituierten landen mit zunehmendem Älterwerden im Elend, falls sie nicht noch einen passenden Ehemann finden.

Man wundert sich, wie aktuell der Roman erscheint, wenn man Vergleiche in die Gegenwart zieht. Auch damals schon gab es eine Rangordnung im Prostitutionsgewerbe zwischen Strassenstrich, Absteige und schickem konzessioniertem Salon, wo die sauber registrierten Kontrollmädels verkehrten. So formuliert die geschäftstüchtige Bordellbetreiberin Goldscheider ihre Philosophie: „Das ganze Leben ist ein grosser Markt. Entweder man kauft oder man verkauft, anderes gibt es nicht.“

Die in die Jahre kommenden Prostituierten werden durch die Jungen ausgetauscht, ein stetiger Fluss an jungen Frauen sorgt für Abwechslung bei den Kunden. Auch werden die wechselnden Bordellbetreiberinnen und einzelne Frauen portraitiert inklusive ihrer Mundart, was beim Lesen manchmal etwas beschwerlich ist.

Insgesamt betrachtet ist dieser 620 Seiten Schmöker durchaus lesenswert, wenn man sich für die Geschichte dieses Gewerbes interessiert. Dieser „Unsittenroman“ wurde übrigens von den Nazis beschlagnahmt und war seither in Vergessenheit geraten, bevor er bei einem neuen Verlag wieder das Licht der Welt erblickte.

 

Der heilige Skarabäus – Roman – Else Jerusalem (Hrsg. Brigitte Prof. Dr. Spreitzer)

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