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Zartbitter [6 Ideen für ein Coming Out]

  • Gepostet am 22.01.2018 09:21

Was wäre diese Welt ohne ihre vielen kleinen Geheimnisse? Sie sind die Ahoj-Brause für die Seele. Mit Vorsicht zu genießen, nur für Fans und genau deshalb so herrlich prickelnd. Sie machen jeden Blick aufs Handy ein wenig verstohlener, jedes Date einen Tick verruchter. Wunderbar verboten und so leicht wie die zarte Spitze des Negligés auf Deiner Haut.

Ich liebe Geheimnisse. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem sie anfangen schal zu werden. Plötzlich ist alles nur noch halb so süß; statt prickelnder Leichtigkeit klebt eine zähe Masse aus Unsicherheiten und „was-wäre-wenns“ zwischen den Gehirnwindungen. Manchmal haben die Gedanken sogar einen herben Nachgeschmack: Weiß es jemand? Und wenn ja was mache ich jetzt? Wird jetzt jeder Besuch daheim zum Walk of Shame? Was, wenn es einer der Kollegen spitz kriegt? Ach, und wenn schon, ist schließlich mein Leben. Mein Körper, meine Regeln. Warum mach ich mir überhaupt so viele Gedanken, hatte ich doch anfangs kein Problem mit - bin ich jetzt spießig? Ein spießiges Flittchen? Wait, what?!? Ok, keine Panik. Meine Familie hat bestimmt was gemerkt. Da gibt es ein paar Dinge, die können sie gar nicht übersehen haben. Die können Veränderung wittern! Vielleicht stellen sie mich dann auf Momox (die Werbung sagt schließlich: da kann man Sachen verkaufen, die man nicht mehr lieb hat...) Vielleicht sollte ich einfach reinen Tisch machen. „Hey, Tante Polly, ich bin jetzt Nutte. So richtig professionell. Du weißt doch, ich wollte immer schon mit Menschen arbeiten.“ Ugh. Kommen Dir diese Gedanken bekannt vor? Bist Du hin- und hergerissen ob Du Dich als Escort „outen“ sollst? Glückwunsch! Du befindest Dich in der Zartbitter-Phase. Das Gedankenkarussell dreht auf Hochtouren. Danke Großhirn, Du kleine Drama-Queen!

Wir spulen vor: Du hast Dich entschieden Dein Geheimnis mit ausgewählten Menschen zu teilen. Wie so oft im Leben kommt's nicht so sehr auf das "Was", sondern auf das "Wie" an. Daher hier ein paar (augenzwinkernde) Ideen für Dein Coming Out...

Nummer 1: Show me the money
Du bist smart und verstehst Dich auf Zahlen? Dann solltest Du die wirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund stellen. Ich mein, hey, spätestens seit Warren Buffet wissen wir, dass wirklich reiche Menschen mindestens sieben verschiedene Einkommenskanäle haben – warum solltest Du Dich da auf EINEN Mann festlegen? Auch sexuelle Vorlieben lassen sich ganz wunderbar mit Passiva und Aktiva erklären (if you get my drift...;-). Was immer Du tust, zeig ihnen, dass Du einen soliden Business Plan und eine klare Strategie hast! Du weißt wie der Markt in Deiner Stadt aussieht und welche Wünsche Deiner Kunden Du mit Deinem Nischen-Unternehmen befriedigst. Du hast analysiert was die Konkurrenz zu bieten hat (zeig den Mitwissern Deines Vertrauens ein paar Seiten, sie werden schon sehen, dass Dein Profil keine Massenware ist. Du hast Branding verstanden!). Du hast eine klar definierte Zielgruppe („Was? Nein! Natürlich date ich nur Männer zwischen 30 – 45 Jahren mit Traumprinz-Qualitäten. Andere kommen gar nicht infrage. Es sei denn sie stehen auf einer der Forbes-Listen. #Perspektivwechsel“). Wenn nötig, nenn Zahlen. Stundensatz, Fixkosten für Make up, Stay ups & Kondome. Variable Kosten für etwaige Toys. Am besten, Du verpackst alles in bunte Infografiken und lässt ein paar Fachbegriffe fallen: „Wisst Ihr, ich arbeite jetzt b2c, bin beim Kunden all over und mein USP sind Shiatsu-Massagen mit veganem Sesamöl aus Japan.“ Wenn sie es dann immer noch nicht verstanden haben, sag ihnen, dass „Mergers & Acquisitions“ auch im Datingbereich funktionieren. Und überhaupt – welcher Gentleman mit Geschäftssinn würde sich nicht über ein unvergessliches return on investment freuen...?!?

Nummer 2: Fürs Familienalbum
Du bist kreativ und inszenierst gern? Dann ist dieser Tipp für Dich! Versammele Deine Lieben zum Familienfoto. Stell den Selbstauslöser ein, zähl bis drei und lass alle "Jana/[Dein Name] ist ein Callgirl" rufen. Emotionen garantiert! Was immer passiert, keep smiling!

Nummer 3: Mach die Miley
Ok, Du hast's einfach drauf. Du spielst nicht nach den Regeln. Wozu auch? Regeln sind da um gebrochen zu werden. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Du trägst Deinen Undercut mit Stolz, Deine Selfies sind einen Ticken zu lasziv und Dein Klingelton spielt Drakes "I got enemies, got a lot of enemies". Kurzum: Du bist die Inkarnation von Miley Cyrus - nur dass Dein "wrecking ball" doppelt so viel Schwung hat. Folgerichtig ist Dir egal, was die Welt denkt. Warte ja nicht auf den richtigen Moment, just do it! Du lehnst Dich einfach lässig an den Türrahmen, setzt die Augenlider gelangweilt auf Halbmast und sagst "Ich bin Escort. Klar soweit?". Andere gehen Babysitten, Du hast eben Sex. So what? Und Abgang. RESPECT, sister.

Nummer 4: Kaffeeklatsch
Musst Du's Deinen Mädels schonend beibringen? Nun, was gibt's besseres, als eine Runde Kaffee und ein richtig gutes Frauengespräch? Wenn Du es lieber durch die Blume sagen willst, mach den Barista zu Deinem Verbündeten und lass die Bestellung für sich sprechen: regular flat white für die Mädels und einmal "skimmed latte, hand-crafted, extra shot, searing hot & whipped cream on top für Jana/[Dein Name]". Wahlweise funktinoiert auch - je nach Deinen Serviceangaben - "dripped with room for milk"...Verstehst Du jetzt, warum die bei Starbucks immer nach Deinem Namen fragen?

Nummer 5: First Lady Bootcamp
Historisch interessiert? Dann wird es Dich freuen zu hören, dass einige berühmte Frauen als Escort angefangen haben. Du hast also eine steile Karriere vor Dir! Das hier ist Dein Trainingslager. Marilyn Monroe, Joan Collins und last but not least Miss Nancy Reagan. Und in nicht allzu ferner Zukunft: Du. Willkommen in dieser illustren Runde. Also, liebe Eltern, kein Grund zur Sorge. Und was Deinen Freund angeht: Baby you can drive my car, yes, I'm gonna be a star ;-)

Nummer 6: Ein Song für Dich
Music was your first love? Großartig! Dann brauchst Du nur noch den passenden Song, um Dein Umfeld aufzuklären. Ob Black Eyed Peas (I drive these brothers crazy / I do it on the daily / they say I'm really sexy und so weiter) oder Patrica Kaas (Les hommes qui passent, maman / ne me donnent jamais rien que de l'argent...). Die Auswahl ist endlos. Wenn sie Deinen KM-Nickname wollen, spiel "Dirty Diana", "Sexy Chic" oder "if you seek Amy" (ja, ich bin fies, ich weiß...) und wenn Du alle weiteren Fragen abwehren willst, greif zu Klassikern à la Meredith Brooks (Und jetzt alle: I'm a b****). Bonuspunkte wenn Du danach im Moonwalk den Raum verlässt.

Wie der geneigte Leser bemerkt haben dürfte, ist die ein oder andere Lösung etwas, nun ja, over the top. Aber vielleicht hilft Tipp Nummer 7: Keep it simple. Was immer Du tust, teil Deine Ahoj-Brause nur mit Leuten, die es 100% wirklich wert sind, Seemann. Und gib den Auserwählten ein bisschen Zeit die prickelnde Horizonterweiterung zu verarbeiten. Verwirrung, Fragen und Angstszenarien werden zur Sprache kommen. Vertrau mir, ich bin durch diese Wasser gesegelt und die See war ganz schön rau. Aber hey, irgendwann sah ich Land und zwangsläufig landet man im nächsten Hafen. Von daher: Mast- und Schotbruch. Und wenn sie mir nach meinem "Geständnis" doch die Freundschaft kündigen? Nun, dann wars vorher vielleicht auch nur eine Freundschaft auf Raten. Dann braucht Dein Bekanntenkreis vielleicht eine Detox-Kur. Oder musikalisch ausgedrückt: just beat it!

Wenn Ihr mich nun bitte entschuldigen würdet. Ich hab ein bittersüßes Geheimnis zu teilen ;-)

In diesem Sinne: enjoy your dates & don’t f*** it up.
Jana

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