Als Escort in der Vorstellungsrunde
Neulich wollte ich an einem Kurs teilnehmen. Der genaue Inhalt ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist: Es war ein Kurs im echten Leben, mit ganz normalen, durchschnittlichen Menschen. Die meisten davon waren Frauen. Wunderbar. Ich habe mich riesig auf diesen Kurs gefreut. Den Dozenten kannte ich auch schon. Dann kam der große Tag – ausgerechnet ein Streiktag der BVG. Das bedeutete für mich einen großen Umweg mit der S-Bahn. Normalerweise halte ich mich mit Haribo zurück, aber in dieser Situation hatte ich es nötig. Mein innerer Unruhezustand wurde nämlich schon seit Tagen von der Sorge getrieben, die mir typische Prozeduren in solchen Kursen bereiten. Vor allem die Vorstellungsrunde. Was soll ich, als Escort, den Leuten sagen, was ich mache? Klar, ich könnte offen darüber sprechen, das wäre für mich im ersten Moment vielleicht kein Problem. Doch dann würde ich definitiv in eine Schublade gesteckt werden, in der ich für die Dauer eines immerhin mehrmonatigen Kurses nicht sein wollte.
Die anderen Teilnehmerinnen, die größtenteils aus dem sozialen Bereich kamen, schienen mir durchaus neugierig. Sie wollten wissen, wo ich wohne, wie alt ich bin. Natürlich antwortete ich oberflächlich bereitwillig. Ich hielt mich aber in weiteren Details so bedeckt wie möglich und lenkte mit Nebenkriegsschauplätzen ab, die mir Fragen nach meiner Tätigkeit ersparten. Wie macht man das? Ich erzählte ihnen von irgendwelchen Schwächen, die ich mir aus den Fingern gesogen hatte, mit denen ich die Anwesenden im richtigen Moment etwas ablenken konnte: Perfektionismus. Mein großes Problem sei ja eigentlich mein Perfektionismus, der mich von allen möglichen Vorhaben abhält. Stimmt auch eigentlich, aber das ist halt ein anderes Thema. Ich finde aber, dass es schwierig ist, in einer Gruppensituation mit Außenstehenden über so etwas Sensibles wie einen persönlichen Escortkontext zu sprechen. In gewisser Weise kann man mir hier einen tendenziellen demanzipatorischen Ansatz unterstellen, denn natürlich wäre es unter emanzipatorischen Gesichtspunkten besser darüber offen zu rden. Aber wenn man anderen Leuten etwas sagt, egal was, dann muss man sich auch immer überlegen, was man ihnen damit eigentlich mitteilt oder mitteilen möchte. Ich finde, dass Sexarbeit zu privat und persönlich ist, als dass ich das mit jedem mal so nebenbei oder hochoffiziell in einer Vorstellungsrunde locker bequatschen möchte.

