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haus am seeeeeeeeeee

Er war aus dem Wasser gestiegen, hatte sich neben dem Becken in die Sonne gelegt und zu dösen versucht, Wibergs voluminöses „Chemielehrbuch für Mediziner“ als Kopfstütze benutzend. Aber daraus war nichts geworden, denn ein paar Minuten später hatte er einen dumpfen Einschlag gleich neben sich vernommen und war von oben bis unten nass geworden, war hochgeschreckt und hatte das Mädchen aus dem Wirbel dicht am Beckenrand auftauchen gesehen, ihre Augen erst geschlossen und danach gerade so blau wie die seinen.

Sie musste absichtlich so gesprungen sein und beim Eintauchen die Beine angezogen haben, hatte die Ellbogen auf der Beckenbegrenzung, das Kinn in die Hände gestützt und lächelnd gefragt: „Wohl nass geworden, Mister Universum?“

Er war aufgestanden und hatte auf sie hinuntergeblickt. Sie schien ihm gleich alt, hatte ein Madonnengesicht, brünette Haare, einen unglaublichen Mund und trug einen schwarzen Einteiler. „Wo kommst du Lauser denn her?“, hatte er gefragt und sich das Wasser von Brust und Armen gestreift. „Von ganz oben“, hatte sie ihn angestrahlt, auf den Turm gedeutet und ihm dann die Hand hingestreckt. Er hatte zugegriffen und das Mädchen mit einem Zug aus dem Becken geholt. Sie hielt seine Pranke fest, schüttelte sie und sagte: „Ina.“ Ihre Hand war im Vergleich zu der seinen schmal und glatt, fast wie die eines Kindes. „Christian“, hatte er gebrummt und sich nach dem tropfenden Buch gebückt.

„O je, das tut mir jetzt aber leid!“ Sie hatte versucht, den Wälzer mit seinem Handtuch trocken zu tupfen. „Medizinstudent?“ „Tiermediziner“, sagte er automatisch. Das Mädchen war sehr zierlich und hatte eine Wahnsinnsfigur. „Und jetzt pack dich!“

Aber sie hatte sich schon hingesetzt und das Lehrbuch in der Luft geschwenkt. „Das wird wieder. Ich hab dich vorhin schwimmen sehen. Du bist ein Professioneller, stimmt’s?“

„Und wenn?“

Das Mädchen hatte das Buch weggelegt, das Wasser aus seinen halblangen Haaren gedrückt und sie nach vorn genommen. „Du kommst von der langen Strecke“, hatte sie gesagt, „das sieht man dir an. Ein Versöhnungseis bei Sarcletti?“

Aus dem Versöhnungseis, das er zunächst als weiteren Einbruch in seine Sphäre gesehen hatte, waren später Tee, Endlosgespräche und noch mehr Tee geworden. Sie hatte eine Art, sich zu bewegen, die Augen zu verdrehen, mit ihren schmalen Händen zu gestikulieren und sie vertrat ihre Standpunkte so selbstbewusst und mit einem ganz eigenen Witz, dass er sich immer mehr zu ihr hingezogen fühlte. Sie konnte sich selbst parodieren, ohne plump zu wirken, und hatte einen wunderschönen Mund auch dann, wenn sie ihn verzog. Er hätte ihr stundenlang zusehen und zuhören können. Sie aß ihr Eis spielerisch wie ein Kind, leckte am Löffel und ließ ihn ganz lang im Mund und war doch erwachsener als er, kam ihm vor. Schon nach den ersten paar Minuten in der Eisdiele hätte er sie in den Arm nehmen und küssen mögen.

Als sie das Lokal gegen zehn Uhr verlassen hatten, wusste er, dass sie Medizin studierte und bis vor kurzem bei den Turmspringern des MSV aktiv gewesen war. Und sie wusste von ihm, dass er im Olympiakader der deutschen Beckenschwimmer für Sidney 2000 stand und vor vierzehn Tagen beim Vorphysikum in Chemie einen Schwanz gebaut hatte.

Die Luft draußen war schwülwarm gewesen und der Mond zeigte einen Hof. Er hatte seine Ducati neben ihrem Mini-Cooper abgestellt; im Licht der Straßenlaterne schienen das Rot seiner Maschine und das der Autokarosserie völlig gleich. Er hatte den Integralhelm aufgesetzt, das Visier geöffnet und auf sie hinuntergeblickt. Ihre Miene hatte nichts verraten, aber ihre Augen waren ebenso unruhig in seinem Gesicht unterwegs gewesen wie zuvor in dem Café. Als ob sie in ihm etwas gesucht hätten. Er hatte den Helm wieder abgenommen, über den Rückspiegel gehängt, sie wortlos zu sich heraufgehoben und geküsst. Sie klammerte sich nicht an ihn, sondern sie hielt ihn fest, ganz sicher, ganz ruhig, und sog sofort seine Zunge in ihren Mund. Er hatte das Gefühl gehabt, dass sie ihn hielt und dass sie ihn küsste.

Danach war sie in seine unaufgeräumte Wohnung mitgekommen. Sie hatten sich ausgezogen und waren übereinander hergefallen, erst wild, dann zärtlich und danach gleich noch wilder. Er war noch nie so auf ein Mädchen abgefahren. Ein Mädchen, das genau gewusst hatte, wie man sich berührte und wo man sich anfasste, und das dabei so gekommen war wie sie.

Gegen Mitternacht waren beide fix und fertig gewesen. Er hätte nur noch schlafen mögen, die Arme und Beine um sie geschlungen, ihren Atem an seinem Hals spürend, die ganze Nacht lang, bis in alle Ewigkeit. Aber sie hatte ihn weggeschoben, war aufgestanden, hatte sich angezogen und im Spiegel ihr Gesicht kontrolliert. „Ich muss dann mal wieder“, hatte sie gesagt. Es war das erste Mal, dass er bedauerte, dass ein Mädchen danach gleich wieder verschwand. Er hätte gern mit ihr zusammen wach werden und den ganzen Sonntag mit ihr verbummeln mögen.

Sie hatte wohl die Enttäuschung in seinen Augen gelesen, denn sie hatte ihm ihre kühle Hand auf die nackte Schulter gelegt. „Ich kann nicht die ganze Nacht über bleiben. Jetzt noch nicht. Wenn Du möchtest, treffen wir uns am Donnerstagnachmittag wieder im Dantebad, bei schönem Wetter.“ „Und bei schlechtem?“ Sie hatte mit ihrem Augenbrauenstift eine Handynummer an die Wand neben der Tür geschrieben, ihn noch einmal geküsst und war dann gegangen.

Er war es nicht gewöhnt, von einem Mädchen bestimmt zu werden, und hatte sich vorgenommen, am Donnerstag keinesfalls ins Bad zu kommen, selbst wenn es 40 Grad im Schatten gehabt hätte. Aber als er sich Stunden, nachdem sie gegangen war, immer noch schlaflos hin und her gewälzt, ihr Haar immer noch auf seiner Brust, den Geruch ihres Parfüms immer noch auf seinem Kopfkissen geahnt und die vielen zarten Berührungen dort, wo sie so gut taten, immer noch gespürt hatte, ihr Flüstern immer noch in seinem Kopf war und das tiefe „Uuuhh!“, das sie ausstieß, wenn es ihr kam und das so gar nicht zu ihrem zierlichen Körper gepasst hatte, war es vorbei mit diesem Vorsatz. Er war beim Morgengrauen aufgestanden, hatte im Badezimmerspiegel auf sein stoppeliges Kinn geblickt und gewusst, dass er sich verliebt hatte.

*

Ina war alles andere als das coole Mädchen gewesen, das sie beim Abschied gegeben hatte. Sie hatte schon eine ganze Reihe Bekanntschaften hinter sich und auch mit ein paar von ihnen geschlafen, aber immer das Gefühl dabei gehabt, benutzt zu werden und nicht das zu bekommen, was ihr eigentlich zustand. Es waren Jungs gewesen, die vor lauter Aufregung die elementarsten Dinge vergaßen, falls sie davon überhaupt eine Ahnung hatten. Es hatte ihr nie Probleme bereitet oder gar wehgetan, sie wieder fallen zu lassen.

Als sie an jenem Sonntagmorgen nach Hause gekommen war, stieg sie nicht gleich zu ihren Zimmern in den zweiten Stock der Villa hinauf, sondern war unten in der Küche vor einem Glas Milch sitzen geblieben und hatte in eine Selleriestange gebissen. Dann war sie in Tränen ausgebrochen. Sie hatte geglaubt, alles falsch gemacht zu haben. Sich ihm sofort so hemmungslos hinzugeben und ihn dann doch gleich wieder zu verlassen. Wie stand sie jetzt da? Sie fühlte ihn noch in sich, seine Wärme, seine Kraft und die Beherrschung, die dahinter saßen, sein Achtgeben auf sie, seine Ruhe und die Sicherheit, zu wissen, was sie von ihm erwartete, nichts Fahriges, Übertriebenes, Verkrampftes, nichts Falsches.

Wenn er nun nichts mehr von sich hören ließe? Sie seufzte tief auf, trank einen Schluck und wischte sich über die Augen, als sie leise Schritte kommen hörte. Jemand legte ihr von hinten die Hände auf die Schultern und drückte sie sanft.

„Was ist denn so schlimm, dass man um halb zwei Uhr morgens Milch trinken, Sellerie knabbern und dazu weinen muss?“

Ina hatte den Kopf zurück gebogen und nach oben in das Gesicht ihrer Mutter geblickt. „mama, ich hab mich verliebt!“

*

Als sie am Donnerstag ins Stadion kam, erkannte sie Christian sofort. Er schwamm auf der abgesperrten Bahn einen ruhigen Viererzug, atmete nach rechts, sein großer Körper ein gerader Schatten ganz knapp unter der Wasseroberfläche, die muskulösen Arme so locker nach vorn gebracht und ihre Kraft danach unsichtbar an das Wasser abgebend. Sie verfolgte den Schleppzeiger der Uhr am Ende der 50 m-Bahn. Er schwamm einen 33er Schnitt von Salto zu Salto, ohne viel mit seinen Beinen zu machen.

Sie legte sich zu den anderen Badegästen, die auf den breiten Betonstufen der Tribüne in der Sonne brieten, und sah ihm weiter zu. Sie verglich seinen Stil und die scheinbare Leichtigkeit, mit der er trotz seiner Größe durchs Wasser glitt, mit allem, was er vor ein paar Tagen mit ihr im Bett gemacht hatte und sie versuchte sich vorzustellen, wie sein Herz damals geschlagen hatte und wie es wohl jetzt gerade schlug. Und wie es wohl wäre, wenn sie am Ende dieser Schwimmstrecke stünde und glühend heiß, wie sie gerade war, in seinen Armen verzischte.

Nein, sie würde sich diesem Wesen nicht noch einmal hinbgeben können. Was hätte sie ihm denn noch anzubieten? Lockere Sprüche, ein paar nette Gesten, ihre Weiblichkeit, die ihre Unschuld verloren hatte? Sie wurde mutlos und war drauf und dran, das Bad wieder zu verlassen, als er anschlug. Sie hatte nicht mitgezählt, aber er hatte bestimmt mehr als zweitausend Meter hinter sich. Er schnaufte ein paarmal tief durch, den Kopf beim Ausatmen unter Wasser haltend, stemmte sich aus dem Becken, nahm die Schwimmbrille ab und schlenderte über den Rasen auf die andere Seite, wo er unter einem Baum eine Decke und sein Zeug liegen hatte. Er tat dies so ohne weiteres, als ob niemand da wäre, der ihm Aufmerksamkeit schenkte oder hinterher blickte. Er schüttelte seine blonde Mähne aus und legte sich auf den Bauch, den Kopf seitlich auf den verschränkten Armen. Man sah kaum, dass er atmete.

Ina erhob sich und ging zum Sprungturm.

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