Präservativ für die Seele: Der vorgetäuschte Orgasmus im Paysex
Manchmal liest man, dass nicht nur beim ersten Mal, sondern auch im Paysex Orgasmen regelmäßig vorgetäuscht werden. Die Gründe dafür sind wahrscheinlich weniger körperlicher als vielmehr emotionaler Natur. Beim Paysex liegt der Fokus oft darin, den Mann einseitig zu befriedigen. Ein simulierter Höhepunkt kann ihm das Gefühl geben, sein Erlebnis sei besonders befriedigend gewesen. Das steigert nicht nur seine Zufriedenheit, sondern auch die Bindung zwischen zwei Menschen. Ein schnellerer Abschluss des Beischlafs kann aus Effizienzgründen sowohl für den Mann als auch für die Sexarbeiterin nützlich sein, besonders an Tagen, an denen die Zeit knapp ist.
Ein weiterer Aspekt betrifft das emotionale Stressmanagement von Sexarbeitenden. Diese Tätigkeit erfordert es oft, eigene Gefühle beiseite zu schieben, um “professionell” zu agieren. Ich selbst empfinde den Begriff “professionell” im Paysex als schwierig. Und das hat etwas mit der Natur des Beischlafs als solches zu tun. Paysex im Sinne von Beischlaf ist immer ein Balanceakt zwischen Distanz und Nähe mit dem Anschein einer authentischen sexuellen Begegnung. Sex dient neben der Fortpflanzung auch dazu, die Bindung zwischen zwei Menschen zu maximieren. Doch diese natürliche Bindung ist bei Freiern und Sexarbeitern nicht erwünscht, obwohl sich das Bindungshormon ganz einfach trotzdem freisetzt. Das kann man nicht verhindern. Auch wenn man dieses Verhältnis als “professionell” beschreibt.
Vor diesem Hintergrund kann der vorgetäuschte Orgasmus aus vielen Gründen nützlich sein, um gewisse Grenzen besser zu wahren und einigermaßen Kontrolle über die Situation zu behalten. Der vorgetäuschte Orgasmus ist wie eine Art Präservativ für die Seele. Der ständige Drahtseilakt kann ansonsten für die Psyche von Sexarbeitenden sehr belastend sein, wenn man sich nicht etwas steuern kann. Man muss ständig zwischen der Rolle als Escort und den persönlichen Empfindungen trennen. Aber genau das ist ein elementarer Bestandteil dieses erotischen Handwerks. Und deshalb überlegt man sich als Sexworkerin sehr genau, wie weit man gehen möchte und was ganz einfach primär Spaß macht und kein persönliches Leid verursacht.
Ich habe mich auch schon beim Beischlaf-Paysex in Männer verguckt. Das passiert ganz einfach. Für mich selbst sind Sex und Erotik keine Inszenierung, sondern wahrhaftig. Denn das hat etwas mit echter Leidenschaft zu tun. Wenn diese nicht echt ist, dann wird es das Gegenüber fühlen. Deswegen habe ich schon vor längerer Zeit damit aufgehört, klassischen Beischlaf anzubieten, weil mir das zu nervenaufreibend ist zumindest im Girlfriendsex-Bereich. Die Emotionen, die klassischer Verkehr freisetzt, lassen sich nicht immer kontrollieren; diese ergeben sich einfach, wenn dann auch noch die Chemie stimmt und das häufiger stattfindet. Mit Schwäche oder einer Labilität hat das nichts zu tun. Es wäre mir auch zu anstrengend, mich selbst während des Beischlafs emotional abzuschalten. Es gibt auch andere, emotional weniger riskante Varianten des Paysex, die nicht so anfällig für diese Prozesse sind, wie beispielsweise der BJ.

