GEIL!
Dieses Wort ist hier sehr häufig zu finden. Aber woher kommt es überhaupt und wie(so) hat es sich sprachlich gewandelt?
Bereits im Althochdeutschen kannte man das Adjektiv geil, allerdings hieß es dort „aufschäumend beim Garen“. Später übertrug man diese Eigenschaft auf Menschen. Wer hochgestimmt, aber auch überheblich war, wurde als geil bezeichnet.
Im Mittelhochdeutschen Wörterbuch (1070 bis 1450) lassen sich für geil weitere Bedeutungen ausmachen, die im Laufe der Zeit hinzukamen. So kann geil nun zusätzlich zu den bereits präsenten Bedeutungen auch einfach nur fröhlich und glücklich meinen ebenso wie stolz, wild, ungestüm.
In dieser Zeit bildete sich unter anderem auch die sexuelle Bedeutung heraus. Dies liegt daran, dass man Tabuworte gerne mit neutraleren Begriffen umschreibt.
(So auch bei Übergewicht... statt sich oder jemanden anderen dick oder gar fett zu nennen, umschrieb man es irgendwann mit "sehr mollig" oder "Rubensfigur", aber das nur am Rande.)
Aus dem harmlosen „aufwallend, aufschäumend“ wurde auf der einen Seite „erregt, lüstern“ und auf der anderen Seite „üppig, wachsend“.
Jeder Gärtner kennt "vergeilte Triebe", also Pflanzen, die aufgrund von Lichtmangel dürr in die Höhe schießen.
Im prüden 19. Jahrhundert wurde "geil" dann selbst zum Tabuwort, da es fast nur noch als Synonym für sexgierig benutzt wurde und verschwand fast völlig aus der Sprache.
Statt Sex, bumsen, ficken oder nageln hat man, verniedlicht ausgedrückt, Geschlechtsverkehr (wobei das doch sehr klinisch klingt) oder schläft miteinander (was ja eigentlich Quatsch ist, weil wenn einer dabei einschläft, ist wohl irgendwas falsch gelaufen... nach dem Motto: "Schatz, wie lange hast Du gestern noch gemacht...?"
Bumsen ist übrigens ursprünglich auch gar kein obszönes Wort... Der "Bums" ist ein anderes Wort für "Schlag", so wird es auch gerne manchmal bei Auffahrunfällen verwendet.
Geil wurde irgendwann aber auch ein Wort in Jugendsprache.
„Eine Methode zu imponieren – sie ist unter Jugendlichen besonders beliebt – besteht darin, sich besonders farbig und expressiv auszudrücken“, schreiben Rudi Keller und Ilja Kirschbaum. Und was ist besonders farbig, expressiv und verstörend? Ein Tabuwort. Oder am Besten gleich ein aufgepimptes Tabuwort wie oberaffengeil oder leider geil (letzteres musikalisch verwendet von "Deichkind" in dem gleichnamigen Song).
Inzwischen hat es Einzug in die Werbung gefunden. Werbung soll ja auffallen und im Gedächtnis haften bleiben - was eignet sich da besser als ein Tabuwort? "Geiz ist geil" ist wohl der bekannteste Werbeslogan.
In diesem Sinne: Geile Triebe? - lasst uns lustvoll überschäumen! :)
[Quellen:
Beate Hennig (2007): Kleines mittelhochdeutsches Wörterbuch.
Constanze Fiebach/Goethe-Institut (2009): Von „aufschäumend beim Garen“ zum sexuellen Tabuwort: das Adjektiv „geil“.
Rudi Keller/Ilja Kirschbaum (2003): Bedeutungswandel: eine Einführung.]


TOLL! so amüsant kann Literaturkunde sein ;-) Merci, liebes Nordlicht, für die nette Wortrecherche. Ich kenne noch von meiner Jugend die streng sexorientierte Bedeutung von "geil" , das war echte Gossensprache... und nach und nach hat sich der Begriff immer grössere Bereiche im Sprachgebrauch erobert. Heute denkt sich keiner mehr was dabei, wenn ein Theaterstück als geil bezeichnet wird, oder ein Feuerwerk oder ein High-Tech-Smartphone. Ich benutze den Begriff auch gerne und ohne Hintergedanken. aber klar doch: in der ursprünglichen Bedeutung bin auch gerne geil - und freue mich wenn die Frau dann lustvoll aufschäumt :-)
In Zeiten von LOL und ROFL oder HDL ist es erfrischend Einen solchen Text von jemandem zu lesen, der weder von einer Uni noch von einer Schule dafür bezahlt wird. Mein Glaube an die Menschheit hat Auftrieb erhalten!!! Nachtrag: Das Wort "geil" hatte auch mal die Bedeutung "Formschön"... aber das nur am Rande...