Ich führe seit einigen Tagen eine sehr angeregte Diskussion mit TheHeadmaster über die Fragen, welche Haltung notwendig ist, um den Kauf von Sexarbeit genießen zu können, und umkehrt, welche Einstellung notwendig ist, um Sexarbeit leisten zu können / zu wollen, und welchen Einfluss beides auf die Wahrscheinlichkeit hat, sich bei der Arbeit in Kund/inn/en zu verlieben und auf die eventuelle Bereitschaft, für Freund/inn/en und Bekannte zu arbeiten (also sexuelle Services gegen Geld auch für Letztere zu bieten).
Dazu hatte ich am Sonnabend formuliert: „gleichzeitig möchte ich, weil es ja immer schwierig ist, sich selbst über die Schulter zu gucken, die Frage aufwerfen: Welcher Haltung bedarf es eigentlich, um als Sexarbeiterin zu arbeiten?“ (kaufmich.com/Visual_Pleasure/blog/Welche_Einstellung_ist_noetig__um_Sexarbeiterin_zu_sein_)
Jetzt habe ich doch mal versucht, mich bei mir selbst auf die Psycho-Coach zu legen bzw. mir selbst über die Schulter zu schauen – und bin zu folgendem Zwischenergebnis gekommen.
Wenn meine Mutmaßung vom Freitag stimmt, dass es drei mögliche Haltungen gibt, die ermöglichen, den Konsum von bezahlter Sexarbeit zu genießen, so müsste es also drei komplementäre Haltungen auf die Anbieter/inn/en-Seite geben, um als Sexarbeiter/in erfolgreich zu sein:
++ Die Kund/inn/en, die die perfekte Girl- bzw. Boyfriend-Illusion haben wollen, benötigen Sexarbeiter/innen, die ein hohes schauspielerisches Talent haben und bereit sind, dies bei der Sexarbeit einzusetzen.
Unter diesem Gesichtspunkt bin ich eine grottenschlechte Sexarbeiterin: Ich kann eh schlecht schauspielern, und bei der Sexarbeit will ich es auch gar nicht.
++ Die Kund/inn/en, für die der Kauf von Sexarbeit weniger eine erregende sexuelle Erfahrung als vielmehr eine erregende Machtdemonstration ist, bedürfen Sexarbeiter/innen, die bereit sind, sich dem/r Kunden/in zu unterwerfen (oder zumindest diesen Eindruck zu vermitteln).
Auch dafür bin ich nicht sonderlich geeignet. Trotzdem komme ich mit dem zweiten Kund/inn/en-Typ unter einer Bedingung gut zurecht. Dazu schrieb ich gestern schon in einer Antwort an TheHeadmaster: „Ich denke: Der Grund, warum ich mich auch auf Kund/inn/en des Typs 2 einlassen kann (es ist ihnen ja ohnehin nicht an der Nasenspitze anzusehen), ist, dass ICH den ersten Schritte mache und definiere, was ich zu welchem Preis bereit bin (mit)zumachen.“
Anders gesagt: Ich versuche, bei dem Machtspiel mitzuhalten. Ich sehe die Sache nicht so, dass mich der/die Kunde/in mit seinem/ihrem Geld dazu bewegt, etwas zu machen, das ich ohne das Geld nicht machen würde (was allerdings, distanziert betrachtet, trotzdem wahr ist). Vielmehr bewege ich den/die Kunden/in mit meiner Bereitschaft, etwas Bestimmtes zu machen, dazu, mir Geld zu geben, dass er/sie mir ansonsten nicht geben würde.
Versucht der/die Kunde/in dagegen von mir etwas zu bekommen, dass ich nicht anbieten möchte, dann clasht es, weil ich mich dann dem/r Kunden/in nicht unterwerfe und kein Vertrag zustande kommt – um zwei Beispiele zu nennen: Eine Hetero-Paar, das unbedingt wollte, dass ich die Frau ohne Dental Dam lecke, und ein Mann, der meine Füße unbedingt ohne Latexstrümpfe lecken wollte.
++ So, jetzt kommen meine Liebingskund/inn/en: Die Pragmatischen; sie wollen einfach mal etwas ausprobieren bzw. sehen wollen – ohne Macht-Psychospiel und ohne Begehrensschwüre drumherum. Damit komme ich gut klar: Was ich vereinbare, setze ich auch um. Das ist das, was dann ansteht. Und ich bin auch ‚calvinistisch’ genug sozialisiert (wer gut arbeitet, kommt in den Sexhimmel – oder so ähnlich), dass ich das, was ich vereinbart habe, dann sehr gut mache. Würde ich es nicht sehr gut machen, würde ich es nicht vereinbaren.
Also, pragmatische Kund/inn/en: Her mit Euch!


"Hört sich irgendwie danach an, ald wenn du dir die gegebene Situation schön reden woltest" Ja, ein bißchen ja. Diesen Einwand hatte ich in meiner Klammer-Anmerkung ("was allerdings, distanziert betrachtet, trotzdem wahr ist") schon vorweggenommen. Trotzdem hat auch diese Medaille zwei Seiten: Genauso wenig, wie ich bspw. den Fußjob geben würde, wenn der Kunde nicht zahlen würde, würde der Kunde nicht zahlen, wenn ich mich nicht bereit erklären würde, den Fußjob zu geben. Also, ja: Solange beide Seiten der Medallie kommunikativ zur Geltung kommen scheint mir die Situation noch "vertretbar" sein. - Und ansonsten: Ein gewisses Anbieter/innen-Selbstbewußtsein ist in jeder Branche gut, um die Preise zu halten. - Diejenigen, die wissen, das sie etwas bieten und dafür etwas verlangen können, sind in einer besseren Verhandlungsposition, als diejenigen, die ihr Honorar zum "Taschengeld" kleinreden und um "Schwänze" betteln, weil sie vermeintlich "geil" sind. Und diejenigen, die um Arbeit betteln, weil sie sich ohne Arbeit nichts Wert fühlen, sind in einer schlechteren Verhandlungsposition, als diejenigen, die wissen, dass sie etwas zu bieten haben und dem Markt ab und an mal ihr Angebot entziehen (s. GDL-Streik). Wobei schon klar ist: Leider haben nicht alle die Ressourcen, ihr Angebot dem Markt ab und an mal entzuziehen; und umso mehr Anbieter/innen und umso vereinzeltere Anbieter/innen, umso schlechtere Möglichkeiten, am Mark halbswegs vernünftige Konditionen durchzusetzen.