Meine Liebste und ich haben mitten in der Woche gemeinsam einen Tag Urlaub. Kurzentschlossen fahren wir nach Hamburg, um dort einen abwechslungsreichen Tag zu genießen.
Wir beginnen mit Shopping in der Mönckebergstraße und landen später natürlich auch auf der Reeperbahn.
„Wo ist denn jetzt die Reeperbahn?“
„Ähm… Süße, wir stehen bereits drauf.“
„Was, hier??“
„Warst du hier etwa noch nie?“
„Nö. Irgendwie nicht.“
„Naja, aber man sieht doch, wo wir sind, ich meine…“
„Ich sehe nichts.“
„Was heißt denn, du siehst nichts?!“
„Naja, hier stehen ja gar keine Frauen rum.“
„Schatz, es ist 14 Uhr, ich meine…“
„Arbeiten die denn jetzt noch nicht?“
„Ähm, nein. Denke ich zumindest.“
„Doch, schau mal da!“
„Wo? Was?“
„Die da!“
„Liebste, das ist eine ganz normale Touristin.“
„Die sieht aber so aus!“
„So aus wie was?!“
„Wie eine, eine… Na so eine eben.“
„Wie eine Nutte, wolltest du sagen.“
„Sag dieses Wort nicht, das ist schrecklich!“
„Was soll ich denn sonst sagen??“
„Weiß ich nicht, Liebesdienerin oder so, aber nicht Nutte!“
„Na schön, also DAS ist sicher keine Liebesdienerin.“
„Woher weißt du das denn??“
„Weil sie einen Rucksack auf dem Rücken hat, deswegen!“
„Na und? Wer weiß, was die so alles dabei haben müssen.“
„Aber doch wohl nicht im Rucksack!“
„Aber sicher bist du dir auch nicht, oder!?“
„Doch, und jetzt lass uns weiter gehen!“
[Wir schlendern ab Millerntorplatz die Reeperbahn entlang Richtung Große Freiheit und schauen uns die bunten Shops und Kinos an.
Es ist absolut nichts los hier, was allerdings auch nicht weiter verwunderlich ist.
Während ich mir ab und zu mal die Spielzeugauslagen in den schmierigen Schaufenstern ansehe, beobachtet die Liebste mit Argusaugen jede Frau, die an uns vorbei kommt…]
„Und die da? Meinst du, die geht gerade zur Arbeit??“
„Nein.“
„Und die da hinten? Also die doch bestimmt!“
„Geh doch hin und frag sie.“
„Was soll ich denn fragen??“
„Ob sie eine Nu… Ähm, ob sie eine Liebesdame ist.“
„Nee, das traue ich mich nicht. Hinterher stimmt das nicht!“
„Was anzunehmen ist…“
„Ich will jetzt aber auch mal eine sehen!“
„Warum??“
„Wenn wir schon mal hier sind?!“
„Schatz, das hier ist die Reeperbahn und kein Zoo!“
„Frag doch mal jemanden.“
„Fragen? Was soll ich denn fragen?“
„Wo die sich alle verstecken.“
„Schatz, es ist einfach noch viel zu früh, die…“
„Frag doch mal den Typen da!“
„Wen! Den mit den 738 Tattoos?? Bin ich lebensmüde, oder was??“
„Warum nicht? Der sieht aus, als wüsste der das!“
„Ja klar, ich frage einen Zuhälter, wo seine Frauen sind!“
„Sage ich ja, der muss es wissen!“
„Der nimmt mir mein Portmonee ab und dich gleich mit!“
„Jetzt stell dich nicht so an.“
„Du spinnst wohl! MIR bedeutet mein Leben was!!“
„Oh, Schatz, Schatz, schau mal…“
[Der Typ mit den 738 Tattoos muss wohl gemerkt haben, dass wir über ihn sprechen; auf jeden Fall steuert er mit schnellen Schritten direkt auf uns zu!
Während mein Leben in Sekundenschnelle vor meinem geistigen Auge an mir vorbeirast und ich mir denke, dass es so schlecht eigentlich gar nicht war, greift die Liebste meine Hand und drückt feste zu.
Und schon steht er vor uns: ein 2m großer menschlicher Schrank, übersät mit teilweise undefinierbaren Hautzeichnungen, speckiger Lederweste, Nieten, Springerstiefeln und einem vernarbten Gesicht, das den Charme von mindestens 30 Jahren Bandenkrieg ausstrahlt.
Wahrscheinlich will er jetzt gleich wissen, was wir über ihn geredet haben; und noch bevor ich mir eine gute Antwort überlegen kann, legt er auch schon los: „Hat einer von euch mal Feuer für mich?“, fragt er und schaut uns erwartungsvoll an, ohne eine Miene zu verziehen.]
„Schatz, ähm, gib ihm doch mal Feuer…“
„Ähm, Moment, ich hatte da doch…“
[Ich krame aus meiner Jackentasche eine Schachtel Streichhölzer, die ich ein paar Tage zuvor zusammen mit der Rechnung in einer Bar erhalten habe. Was für ein Glück, denke ich mir, gebe die Schachtel an den Zuhälter und sage ihm, dass er sie ruhig behalten könne.
Da tritt die Liebste einen Schritt nach vorne…]
„Entschuldigung, Sie wissen doch bestimmt, wo hier was los ist?“
[Mit entgleisten Gesichtszügen wende ich meinen Kopf der Liebsten zu und frage mich, ob sie noch ganz bei Trost ist…
Doch noch bevor ich meine Hände um ihren Hals legen und feste zudrücken kann, antwortet der böse Lude schon:]
„Tut mir leid, ich komme aus Wien und habe auch keine Ahnung.“
„Wisst ihr denn was?“
„Nee, ist doch aber auch noch viel zu früh jetzt!“
Kopfschüttel…
(gefunden bei kopfschuettel.de)

