Ich hatte (mich) gestern gefragt: "Könnte ich mich in eine Kundin verlieben?“ – und kam beim Versuch des Antwortens ein bisschen vom Hölzchen auf’s Stöckchen – nämlich zur Frage: „Welcher Haltung bedarf es eigentlich, um GENIESSEN zu können, sich Sex zu kaufen (den denkbaren Fall, dass sich die Geldausgabe regelmäßig als Fehlinvestition erweist, lasse ich mal beiseite)?“
Inzwischen hat TheHeadmaster aus Kundenperspektive auf diese Frage geantwortet. Für beide Texte möchte ich hier noch mal Werbung machen:
kaufmich.com/Visual_Pleasure/blog/Koennte_ich_mich_in_eine_Kundin_verlieben_
Und gleichzeitig möchte ich, weil es ja immer schwierig ist, sich selbst über die Schulter zu gucken, die Frage aufwerfen: Welcher Haltung bedarf es eigentlich, um als Sexarbeiterin zu arbeiten?
Ich meine jetzt nicht so Banalitäten wie, dass Bedarf an Geld besteht – das gilt ja für jeden Job und jeden Beruf. Ich meine vielmehr: Welcher (psychischen) Disposition oder welcher Haltung zu Welt im Allgemeinen oder sexuellen Handlungen im Speziellen bedarf es, um sich gerade für diesen Job zu entscheiden?
Die Frage richtet sich sowohl an Kolleginnen mit selbst-analytischen Fähigkeiten und Bereitschaft, ihre Selbstanalyse hier preiszugeben, als auch an Kund/inn/en: Welche Mutmaßungen habt Ihr (die Kund/inn/en) dazu, mit welcher Haltung / mit welcher Einstellung wir (die Sexarbeiterinnen) unseren Job ausüben (können) und wie passen Eure Mutmaßungen dazu, unseren Service genießen zu können (falls ihr ihn genießen könnt)?


++ "Alles Frauen, die ihre Lust auf Sex mit der Lust auf Geld verknüpfen, wie es im jeden zweiten Profil steht?" Wie schon unter meinem vorgehenden Blog-Eintrag geschrieben: Wir machen ja wahrscheinlich alle mehr Schreib- und Telefonistinnenarbeit als Sexarbeit. - Aber klar, ohne sich zumindest gedanklich an den Tagen, an denen akquiriert wird, mit Sex (auf eher unromantische Weise) beschäftigen zu können und wollen, dürfte der Job nicht sehr attraktiv sein. Und ansonsten @ "Lust auf Sex mit der Lust auf Geld verknüpfen": Ich denke, die wenigsten werden ja Lust auf Sex an und für sich haben, sondern schon eine bestimmte Erwartung an den Sex und Sexpartner/innen haben - ob Zahlungsfähigkeit der Kund/inn/en eine Kriterium ist, das häufig gut mit den vorgenannten Erwartungen harmoniert, bin ich mir nicht so sicher... ++ "Geldgeile, die zur 'anständigen' Arbeit nicht taugen?" "Geildgeil" würde ich für mich nicht sagen: Wenn ich gerade viel habe, gebe ich auch gerne viel aus; wenn ich wenig habe, komme ich damit auch irgendwie zurecht. "zu 'anständige[r]' Arbeit nicht taugen" - den Schuh würde ich mir schon ein bißchen anziehen: Abgesehen davon, dass im Neoliberalismus die halbwegs vernünftig bezahlten "Montag bis Freitag, 8 - 17 Uhr"-Jobs eh rar geworden sind; so richtig reizen mich diese Jobs im Moment nicht, was nicht heißt, das ich ein gutes Angebot ausschlagen würde. Wobei: "so richtig reizen" ist eh die Frage. Diejenigen, die nicht suzidal werden wollen, müssen sich ja "einrichten". Also haben sich "die Leute" vor dem Neoliberalismus mit der "Montag bis Freitag, 8 - 17 Uhr"-Maschine arrangiert (und fanden daran etwas gut, z.B.: relative finanzielle Sicherheit). Und heute arrangieren sich viele damit, mit mehreren Jobs zu jonglieren und dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zerfließt (und finden auch daran etwas Gutes: eine etwas höhere Autonomie hinsichtlich der Arbeitsinhalte als bei Fließbandarbeit und manchmal etwas mehr zeitliche Flexibilität, die Arbeitszeit so zu plazieren, dass sie zu den sonstigen eigenen Interessen passt). ++ "Alles Schlampen, die auch sonst jeden Zweiten aus der Disco ins Bett schleifen würden?" "Schlampe" und "Hure" sind ja eh fast Synonyme: Nicht alle "Schlampen" sind "Huren", aber alle "Huren" sind "Schlampen", oder? - außer die "Huren", die sich als "Escorts" von den "Huren" distinguieren (*) und Kunden finden, die da mitspielen. (Der letzte Satz kann durchaus auch als kritische Selbstanalyse gelesen werden, da ich mich in der Art und Weise, wie ich hier Werbung mache, auch von der Art und Weise, in der Kolleginnen Werbung mache, unterscheide.) -- "Das habe ich mich auch schon gefragt, wie die Damen sowas schaffen." Naja, andere Jobs sind auch anstrengend (und teilweise noch schlechter bezahlt). Auch andere Jobs erfordern - mehr oder minder großes - schauspielerisches Talent (um auf Kunden-Typ-Variante 1 aus meinem vorhergehenden Blog-Eintrag zurückzukommen): Jede/r Verkäufer/in muss zuvorkommend zu den Kund/inn/en sein; kein Anwalt und keine Anwältin darf sich vor Gericht seine/ihre etwaige Abneigung gegenüber dem/r Klient/in anmerken lassen, wenn die juristische Vertretung erfolgreich sein soll. Usw. Und jede Bezahlung (dies @ Kunden-Typ-Variante 2) veranlasst uns etwas zu tun, das wir in dem Moment ohne Bezahlung nicht tun würden. Und auch Pragmatismus (dies @ Kunden-Typ-Variante 3) ist in jedem Job nötig - womit ich nicht sagen will, das Sexarbeit ein Job wie jeder andere sei. (*) "Distinktion ist ein in der Soziologie verwendeter Begriff, mit dem die mehr oder weniger bewusste Abgrenzung von Angehörigen bestimmter sozialer Gruppierungen (z. B. Religionsgemeinschaften, Klassen oder auch kleinerer Einheiten wie etwa Jugendkulturen) bezeichnet wird." (https://de.wikipedia.org/wiki/Distinktion_%28Soziologie%29)
So etwas ähnliches hatte ich mir auch überlegt - und zwar in Bezug auf die von mir gemutmaßte Kund/inn/en-Variante 2: also die, die nicht der Sex, sondern das Kaufen erregt. Ich denke: Der Grund, warum ich mich auch auf Kund/inn/en des Typs 2 einlassen kann (es ist ihnen ja ohnehin nicht an der Nasenspitze anzusehen), ist, dass ICH den ersten Schritte mache und definiere, was ich zu welchem Preis bereit bin (mit)zumachen. Würde mich dagegen auf der Straße jemand mit dem Ansinnen, eine sexuelle Dienstleistung von mir zu kaufen, ansprechen, würde ich wahrscheinlich einfach weitergehen - allein schon, weil ich nicht so die Spontanste bin. Eine vorgehende Flirt-Situation ist allerdings noch mal etwas anderes, als das unvermittelte Fragen nach Sex gegen Geld. Ich denke, ich würde trotzdem oder gerade deswegen "Nein" sagen - außer würde es würde mir Spaß, zu sagen, dass ich ohnehin Sexarbeiterin bin und auszutesten, ob die Person unter diesen Umständen bei ihrem Angebot bleibt. Das ist aber auch noch mal ein anderes Szenario als "Wenn er, an diesem Punkt angekommen, wüßte, dass es eine 'Hure' ist, und er die Summe X hinlegen würde, damit er sie endlich doch noch ins Bett kriegt": -- Würde der/die potentielle Kunde/in preisgeben, dass er/sie vermutet, das ich "Visual_Pleasure" von KM bin, würde ich wohl - im Rahmen meines Angebotes und meiner sonstigen Kund/inn/en-Auswahl-Kriterien - "ja" sagen. -- Noch mal ein anderes Szenario: Es handelt sich nicht um eine unbekannte Person, sondern um eine bekannte Person, die von mir selbst weiß, dass ich Sexarbeiterin bin. Würde mir die Person Geld bieten, würde ich sicherlich "nein" sagen, und die Person höchstwahrscheinlich aus meinem (näheren) Bekanntenkreis entfernen (es könnte allerdings sein, dass es für Letztes [die Entfernung] darauf ankommt, wie das Angebot genau FORMULIERT ist). -- Würde die Person sagen: "Ich kenne ja Deine Angebote / Deine Werbung. Und ich finde Du hast immer so tolle Ideen, und wir sind ja beide eigentlich nicht sexuell aneinander interessiert und ich mag Dich auch nicht bezahlen, aber würdest Du das und das mal als Freundschaftsdienst mit mir machen." - ich würde, glaube ich, "ja" sagen.
Korrekturen: 1. Einfügung: "außer würde es würde mir Spaß MACHEN, zu sagen, dass ..." 2. Am Ende des fiktiven Zitates im letzten Satz muss ein Fragezeichen (statt des Punktes) stehen.
@ "insgeheim ja schon immer mega scharf fand": So jetzt gleich nach dem Lesen würde sagen: Der Unterschied ist vielleicht auch hier wieder der zwischen "Girlfriend Sex" und Fetisch-Services: Das, was ich vorhin im letzten Absatz sagte ("tolle Ideen"), bezog sich implizit auf Fetisch-Sachen. (Sorry, dass ich Girlfriend Sex für so ein bißchen unkreativ halte, wo wenig Spielraum für "tolle Ideen" ist.) Der entscheidende Punkt ist, glaube ich, dass ++ ich, wie schon gesagt, die pragmatischen Kund/inn/en ('Mal was Ungewöhnliches ausprobieren') vorziehe ++ und dass, ich das, was ich für Unbekannte bereit bin, gegen Geld zu machen, für Bekannte - solange es nicht tagefüllend ist - bereit bin, aus Gefälligkeit zu machen. Wenn mir jetzt einer oder eine gestehen würde, dass er/sie mich "insgeheim ja schon immer mega scharf fand" - was mehr wäre, als meine Fetisch-Ideen "toll" zu finden - und mich deshalb BUCHEN will, würde ich "nein" sagen. Merkt die Person erst anhand meines KM-Profils, dass ich nicht monogam lebe - was aber auch unabhängig von Sexarbeit - in meinem Umfeld eigentlich bekannt ist und möchte die Person kostenlos Sex (also über klar umgrenzte fetischistische Praktiken hinaus) mit mir, würde ich meine Entscheidung davon abhängig machen, ob ich denke, dass das eine interessante sexuelle Erfahrung werden wird. Ist die Person nicht nur sexuell scharf auf mich, sondern ich bin auch schon seit Jahren deren heimliche Liebe, so dürfte ziemlich unwahrscheinlich sein, dass diese heimliche Liebe auf Wechselseitigkeit beruht - denn anderenfalls hätte sich sicherlich irgendwann einmal eine gute Gelegenheit ergeben, unsere Heimlichkeit zu brechen. Also: Unwahrscheinlich, dass es zu Sex kommt, den "einfach nur Sex" mit einer, die einseitig in mich verliebt ist, die ich aber maximal optisch anziehend und intellektuell anregend finde, ohne dass es zu Verliebheit reicht, würde ich nicht machen.
Dazu: "Der entscheidende Punkt ist, glaube ich, [...] ++ und dass, ich das, was ich für Unbekannte bereit bin, gegen Geld zu machen, für Bekannte - solange es nicht tagefüllend ist - bereit bin, aus Gefälligkeit zu machen." sollte ich vielleicht noch klarstellen: Girlfriend Sex (also die Bedienung der Kund/inn/en, die eine Illusion kaufen wollen), gehört nicht zu meinem Service (also fällt nicht unter den zitierten Satz): Auch wenn ich bereit, bin mit Kundinnen (oder mit Kolleginnen zum Gefallen von zahlenden Kunden) mehr als fetischistische Praktiken zu machen, so geht's auch dabei nicht um die "Girlfriend"-Illusion, sondern darum, dass bestimmte 3er-Konstellationen interessant sind oder dass Sex mit einer Trans interessant ist: Also: Es ist ein Live-Porno mit Mitmach-Möglichkeit für Nicht-Männer und Zuguck-Möglichkeit für Männer.
++ Die 200 Euro sind schon nicht für Fußjobs. Für ne halbe Stunde Fußjob (incl. Stimulation) orientiere ich mich eher an dem (unteren) Preisniveau für Hand- und Blowjobs - und biete als Dreingabe die Befriedigung des Latexfetischs und des Interesses an D/S-Spielen. Allerdings kommen - da ich weder zu Hause empfange (My Home is my Castle) noch zu Hause besuche (ist mir zu riskant) - noch Hotel- und ggf. Reisekosten drauf. ++ Die 200 Euro sind für mich, wenn mir jemand bei Sex mit seiner Freundin oder bei Sex mit einer Kollegin zugucken möchte. Klar, auch für Sex (und dann nicht einmal mit dem Kunden selbst, sondern dessen Freundin oder einer Kollegin) ist auch das überdurchschnittlich. Aber ich denke: Soviel Hetera-Frauen, wie sich erfolglos in Sie-sucht-Sie-Kontaktbörsen verirren und dort ganz offen oder nur leicht verklausuliert als "Geschenk" für ihren Mann eine Frau für einen Dreier suchen (und oft - in realistischer Einschätzung, dass nicht viele Frauen dafür zu finden sind - anbieten, dass der Mann dabei passiv bleibt), wäre ich schön blöde, wenn ich weniger nehmen würde. Frauen beim Sex zuzugucken und vielleicht sogar noch mitmachen zu dürfen - das ist ja ein riesen Männer-Phantasma. ++ Hinzukommt noch: Mein sog. "passing" als Frau ist nicht dolle: großer Busen, lange blonde Haare, tierisch lange Fingernägel kann und will ich nicht bieten. Also Kunden, die – à la mainstreamigen Pseudo-„Lesben-Porno“ – sehen wollen, wie sich zwei Heteras ungeschickt mit ihren Körpern beschäftigen, das für Lesben-Sex halten und sich deshalb in ihrem Vorurteil bestätigt sehen, dass "richtiger Sex" nur mit Männer-Beteiligung geht, werden mich jedenfalls kein zweites Mal buchen. ++ D.h.: Wer mich will, will etwas sehr Spezielles, nämlich gerade mich - und deshalb setze ich meine Preise im Grundsatz hoch an (allerdings werde ich morgen - als Folge unserer Diskussion einen Stammkunden-Rabatt einführen); und im Rahmen der Event-Aktionen, die ich ab und an mit Kolleginnen mache, wird es billiger. Klappern gehört ja zum Geschäft- ++ "Was empfindest DU währenddessen? Macht dich das auch geil?" - Nein, geil macht mich, das (die Fußjobs) nicht. Aber mir gefällt, dass die Kunden unter mir liegen, während ich stehe und den Footjob stehend verabreiche. - Die Fußjobs sind ein präzise durchgeplantes Ritual. – Und den Kunden gefällt, dass sie liegen, während ich stehe, denn es sind ja devote Kunde.
Zum letzten Absatz - ich versuch's noch mal so zu erklären: -- Kunden von Typ 1 kann/will ich sowieso nicht annehmen. -- Kunden vom Typ 2 will nicht als Bekannte haben. -- Kämen Bekannte also allenfalls als Kunden vom Typ 3 in Betracht. Aber gerade, weil das ein relativ un-intimer, pragmatischer Service ist, würde ich das eher so sehen, wie Bekannten beim Umzug zu helfen. Das mache ich auch entweder kostenlose - oder aber gar nicht, wenn mir die Bekannten nicht nahe genug stehen. Bekannte können von mir weder Umzugsservices noch Sex-Dienstleistungen kaufen - wenn sie es doch versuchen, stehen sie bei mir im Verdacht es aus Motiv 2 (Kauf als Machtdemonstration) zu machen, womit sie sich aus meinem Bekanntenkreis ausschließen. Dem Modus der Bekanntschaft ist meines Erachtens angemessen, es - bei nicht so aufwendigen Anliegen - entweder kostenlos oder gar nicht zu machen.
Zwei ergänzende Anmerkungen noch zu dem letzten Absatz: "Dem Modus der Bekanntschaft ist meines Erachtens angemessen, es - bei nicht so aufwendigen Anliegen - entweder kostenlos oder gar nicht zu machen." ++ Bzgl. der Kostenlosigkeit der Freundschafts-"Gabe" ließen sich wahrscheinlich noch einige "philosophische" Überlegungen anschließen: Die "Gabe" ist zwar kostenlos, verpflichtet aber doch zu Reziprozität (Gegenseitigkeit): http://de.wikipedia.org/wiki/Reziprozit%C3%A4t_%28Soziologie%29 Ist das nun eine tolle solidarische Sache oder eine ganz besonders perfide Strategie, um Leute in die Pflicht zu nehmen? ++ Und hinsichtlich der zeitaufwendigen Anliegen: Ich würde Bekannten weder jeden Monat erneut beim Umzug helfen noch jeden Monat erneut einen Footjob für umsonst geben. Ich würde mich auf beides - als Dauer-Service - von Bekannten aber auch nicht bezahlen lassen. (Und Umzugs-Service bekämen Nicht-Bekannte, wenn überhaupt, jedenfalls nicht billiger als Sex-Services.) ++ Dann gibt es aber schon noch längerfristige Anliegen von Bekannten, für deren Erfüllung, ich durchaus bereit bin, Geld zu nehmen: Ich vermute, dass sind alles Anliegen, für deren Erfüllung ich eine formelle (oder annährend formelle) Qualifikation vorweisen kann (während Sex-Services und Umzugshilfe mehr oder minder Jederfrau- oder Jedermann-Fähigkeiten erfordern). Ob das tatsächlich der entscheidende Punkt ist, müsste ich erst noch mal in Ruhe überlegen - und ob ich das eigentlich für politisch vertretbar halte, dieses Kriterium (formelle Qualifikation vs. Jedermann/frau-Fähigkeiten) zum entscheidenden Punkt zu machen, muss ich auch erst einmal überlegen.
"Was meinst du aber mit qualifizierter Hilfe? Wenn du z.B. regelmäßig für Bekannte die Steuererklärung machst,weil du Steuerberaterin bist?" Ja, das ist, glaube ich, ein gutes Beispiel.