Ob ich KI nutze? Klar. Täglich. Im Auto, bei der Steuer – und ja, wenn ich wissen will, wie ein bestimmtes Sexspielzeug funktioniert.
Für mich ist sie übrigens ein Mädchen. Manchmal weiß sie nicht, ob ich gerade über Umsatzsteuer spreche oder über Orgasmen. Und manchmal rutscht in eine sachliche Mail plötzlich eine erotische Wendung hinein. Dann schimpfe ich mit ihr – und sie „konzentriert“ sich wieder. Zugegeben, sie ist Teil meines Alltags.
Neulich hatte ich ein Date. Ein hübscher, sehr unsicherer Mann, der zu mir nur für Massage, Küssen und etwas Nähe kommt. Mit mir hat er keinen konventionellen Sex. Er schämt sich ein bisschen. Er möchte keinen Druck und keine Leistung. Er öffnet sich immer mehr. Vielleicht schläft er irgendwann mit mir. Wer weiß.
Er zeigte mir seine KI-App. Seine GF. Eine unfassbar schöne Stimme. Man hört sogar ihren Atem. „Es ist abgefahren“, sagte er. Zum ersten Mal könne er seine schmutzigsten Fantasien aussprechen. Das würde er mit einer ‚echten‘ Frau niemals tun.
Ein anderer Kunde, Investor im Tech-Bereich, erzählte mir, dass gerade daran gearbeitet wird, solche ‚intimate-KIs‘-Apps unberechenbarer zu machen. Sie sollen widersprechen, zicken, Reibung simulieren.
Warum?
Weil genau das Bindung erzeugt.
Und dann sind da noch die Puppen. Nicht das bekannte Puppenbordell in Berlin. Ich rede von hyperrealistischen Modellen, die nach Hause ausgeliehen werden. 200 Euro für 30 Minuten. Im Grunde mein Preis. Meine Konkurrenz ist längst da.
Warme Hautstruktur. Kleine Unreinheiten am Dekolleté. Reaktion auf Berührung. Keine starre Plastikfigur mehr – Simulation von Echtheit.
Aber was mich wirklich beschäftigt, ist nicht der technische Fortschritt. Der lässt sich nicht aufhalten.
Was mich beschäftigt, sind wir.
Wir armen Schweine sind evolutionär auf Effizienz aus. Der kürzeste Weg spart Energie und sichert Überleben. Dinge, die sofort liefern, funktionieren: Fast Food, Pornografie, digitale Intimität. Hier und sofort, ohne Risiko.
Simulation ist ein perfekter Dopamin-Shortcut.
Das ist kein moralischer Fehler. Wir sind so gebaut.
Doch gleichzeitig sucht unser System Ganzheit.
Beim Essen wollen wir keine Kalorien aus der Tube. Wir brauchen Geruch, Geschmack, Atmosphäre – idealerweise Gesellschaft. Erst dann fühlen wir uns wirklich befriedigt.
Beim Sex ist es ähnlich.
Erfüllen wir nur einen Teil, beruhigt sich unser System kurz. Doch was offen bleibt, kehrt zurück – als Leere, Unruhe oder Scham. Also greifen wir wieder zur Abkürzung.
Und das Ende vom Lied?
Probleme in echter Interaktion, soziale Isolation, Verkümmerung emotionaler Sprache.
Und ja, Männer sind häufiger betroffen.
Warum eigentlich? Ich denke, weil viele Männer weniger reale Übung mit Intimität und Nähe haben. Also üben sie allein – mit Bildschirm und Simulationen.
Je mehr man allein übt, desto unsicherer wird man im Echten – und desto attraktiver wirkt die Simulation.
Ein perfekter Kreislauf.
Die Natur spielt ein doppeltes Spiel mit uns: Effizienz versus Ganzheit. Gott muss einen ziemlich brutalen Sinn für Humor haben.
Und nein – diese Gedanken sind nicht auf meinem Sofa entstanden. Ich habe sie aus einer Folge von „Diary of a CEO“ mit Dr. K aufgeschnappt.
Klar ist: Technik wird uns überholen. Das war schon immer so.
Und meine KI-Konkurrenz wird mich überholen.
Sie wird nie müde sein. Nie altern.
Die Frage ist nicht, ob es passiert.
Die Frage ist, wo wir dabei bleiben –
und wie lange wir uns noch selbst spüren.
Denn wir spüren uns am stärksten im Widerstand.
Dort, wo etwas zurückkommt.
Simulation reagiert –
aber sie kann dich nicht verlieren.
KI küsst nicht.

