Am Anfang sagte ich mir :
„Ich mache das genau ein Jahr – dann höre ich auf.“
Ein Jahr ist vorbei.
Und ich bin immer noch hier.
Und da sitze ich nun,
starre auf mein Profil
und kann keinen „Delete“-Knopf drücken.
Worum geht das?
DAS GELD
Nicht mal am Anfang war es das Geld.
Es war der schnelle Reiz, der Kick.
Das Gefühl, plötzlich etwas Verbotenes zu tun,
anders zu sein, Grenzen zu überschreiten, sich lebendig zu fühlen.
Und wenn es wirklich nur ums Geld ginge,
hätten viele Kolleginnen, die ich beobachte, längst aufgehört.längst genug gespart .
Die sind aber immer noch da.
Geht es doch nicht um Geld?
verletzUNGEN
Ich glaube, in uns allen hier,
die sich verkaufen –
und in denen, die kaufen –
ist eine Leere.
Und man sucht es in euch,
in jedem von euch.
Und man gibt es euch,
jedem von euch.
Geballte Anerkennung.
Geballte Wertschätzung.
Geballte Zuneigung.
Geballte Begierde.
Geballte Bestätigung.
Sich
ohne Namen, ohne Identität,
kurz, intensiv, gesehen und geschätzt zu fühlen.
GEWOHNHEIT
Dieses Leben zog mich schnell rein.
Schnell, laut, glänzend.
Ich gewöhnte mich an schöne Orte,
an leichte Erfolge,
an teure Schuhe,
an ein Leben, das sich größer anfühlte als der Alltag.
Und plötzlich wirkte „normal“ fremd.
Arbeiten.
Kochen.
Wandern.
Alltag.
SELBSTWERTGEFÜHL
Als ich anfing, war ich wütend und unsicher.
Ich fühlte mich ungesehen als Frau.
Und ich bekam hier diese Bestätigung –
nicht nur dafür, dass ich schön bin,
sondern dafür, dass ich begehrenswert bin.
Egal mit welchem Diplom,
egal mit welchem Namen,
egal mit welchem Wissen –
für einen Moment war ich für euch wichtiger
als eure Frau,
euer Chef,
eure Welt.
Das war meine .
Zu spüren, dass ich das 'bewirken' kann,
einfach, weil ich ich bin.
Und ich habe angst,
dass ohne dieses Gefühl
der Entzug kommt.
ADRENALIN UND KONTROLLE
Ich entschied, mit wem, wann und wie.
Ich konnte Nein sagen zu Männern,
die an der Spitze der Nahrungskette stehen,
die sonst alles dürfen
und nicht jede haben können.
Das gab Macht.
Und diese Macht macht süchtig.
Und ich befürchte,
ohne diese Macht
fühle ich mich unsichtbar.
SEX UND SELBSTERKENNTNIS
Vielleicht war es auch der Sex.
Anonym, kontrolliert, echt.
Nie hat sich jemand 'umsonst' so sehr um mich bemüht.
Nie fühlte ich mich so frei.
Nie könnte ich meine Lust
bei jemandem, den ich kenne,
so zeigen.
Und ich frage mich,
wenn ich das alles nicht mehr habe –
will ich dann ohne leben?
DIE ILLUSION DES AUSSTIEGS
Ich sage mir,
es geht immer noch ums Geld.
Ich muss dies erledigen,
ich muss das erledigen.
Aber geht es wirklich darum?
Oder wurde dieses Leben
zu meiner Rolle,
zu meiner Identität,
zu meinem Schutz,
zu meinem Ich?
Ich hoffe nicht.
Nur noch ein halbes Jahr.
Vielleicht drücke ich den Knopf ja doch.
Nicht heute.
Aber irgendwann.
Und vielleicht fühlt sich das dann an
wie das erste Mal,
als ich dachte, ich sei frei.

