Ich habe es wirklich öfter, dass mich Männer anschreiben und aus einem kurzen „Hallo“ plötzlich ein stundenlanger Chat wird. Wir schreiben nicht nur ein paar Nachrichten hin und her, sondern verbringen teilweise richtig viel Zeit bei WhatsApp. Man lernt sich kennen, tauscht Bilder aus, spricht über das Alter, über Vorlieben und natürlich irgendwann auch darüber, wie ein Treffen aussehen könnte.
Am Anfang ist alles locker und sympathisch. Die Chemie stimmt und man merkt schnell, dass beide Lust darauf haben, sich auch persönlich kennenzulernen. Es wird überlegt, wann man Zeit hat, welcher Tag passt und wo man sich treffen könnte. Mal wird ein Outdoor Treffen ausgemacht, mal soll es bei mir stattfinden. Teilweise wird sogar schon ganz genau besprochen, wie man sich das erste Treffen vorstellt.
Was ich dabei besonders interessant finde, ist, dass die Gespräche manchmal weit über das eigentliche Treffen hinausgehen. Es wird über die Beziehung gesprochen, über die Ehefrau, über Probleme zu Hause und darüber, was gerade im eigenen Leben nicht so gut läuft. Manchmal gebe ich sogar Tipps und höre mir die Geschichten an, obwohl ich eigentlich nur eine nette Bekanntschaft für ein Treffen sein sollte.
Ich bin dabei nicht einfach nur zu gutmütig. Die Männer schicken mir vorher ein kleines Taschengeld dafür, dass ich mir die Zeit nehme und wir uns so intensiv unterhalten. Und genau deshalb mache ich diesen Blog auch nicht wegen eines einzelnen Mannes. Es ist etwas, das mir mit mehreren Männern schon passiert ist.
Und dann kommt irgendwann der Tag näher.
Alles ist ausgemacht. Man hat sich auf einen Termin geeinigt. Man hat sich vielleicht schon wochenlang geschrieben. Bilder wurden ausgetauscht, Vorstellungen besprochen und die Vorfreude war da. Eigentlich geht man davon aus, dass das Treffen zu hundert Prozent stattfinden wird.
Und dann wird es plötzlich still.
Keine Antwort mehr. Nachrichten werden nicht gelesen oder bleiben unbeantwortet. Und irgendwann, manchmal eine Stunde später, manchmal sogar erst am nächsten Tag, kommt dann die Nachricht.
„Ich kann mich doch nicht mit dir treffen. Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Ehefrau.“
Ganz ehrlich, ich kann das sogar nachvollziehen.
Ein schlechtes Gewissen zu haben ist menschlich. Jeder Mensch hat seine Gefühle und manchmal merkt man eben erst kurz vor einer Entscheidung, dass etwas für einen selbst nicht richtig ist. Wenn man überhaupt kein schlechtes Gewissen hätte, wäre das wahrscheinlich auch nicht besonders menschlich.
Aber genau da frage ich mich jedes Mal, warum muss man das erst kurz vor dem Treffen merken?
Kann man diese Gedanken nicht vorher mit sich selbst ausmachen?
Warum verbringt man viele Stunden im Chat, schreibt sich über Tage oder Wochen, tauscht Bilder aus, erzählt persönliche Dinge, spricht über die Beziehung und plant sogar ganz konkret ein Treffen, wenn man eigentlich schon vorher weiß, dass man es wahrscheinlich nicht durchziehen kann?
Ich erwarte von niemandem, dass er seine Ehe oder sein Leben wegen eines Treffens aufs Spiel setzt. Wenn das schlechte Gewissen am Ende stärker ist, dann ist das eben so. Dafür habe ich Verständnis.
Was ich mir nur wünsche, ist ein bisschen mehr Ehrlichkeit von Anfang an.
Denn auch auf meiner Seite steckt Zeit dahinter. Zeit für Gespräche, Zeit für Nachrichten und Zeit dafür, jemanden kennenzulernen. Wenn man mir wochenlang das Gefühl gibt, dass das Treffen wirklich stattfinden wird, dann ist es natürlich enttäuschend, wenn am Ende genau in dem Moment der Rückzieher kommt.
Also liebe Männer, überlegt euch vielleicht vorher, was ihr wirklich wollt.
Ein heißer und sympathischer Chat kann Spaß machen. Flirten kann Spaß machen. Fantasien austauschen kann Spaß machen. Aber wenn aus dem Chat irgendwann ein konkreter Termin wird, dann sollte man sich auch vorher ehrlich fragen, ob man diesen Schritt tatsächlich gehen möchte.
Denn ein schlechtes Gewissen kann man verstehen.
Aber vielleicht sollte man es nicht erst am Tag des Treffens bekommen.
