Ein offener Brief an diejenigen, die glauben, sie könnten über Frauen in der Erotikbranche richten
Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll.
Aber irgendwann reicht es.
Es gibt Plattformen und Foren, in denen Männer sich gegenseitig über erotische Dienstleistungen austauschen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen. Jeder darf seine persönliche Erfahrung schildern. Jeder darf sagen, wenn ihm etwas gefallen oder nicht gefallen hat.
Aber eine persönliche Erfahrung ist noch lange nicht die absolute Wahrheit.
Und genau das scheinen manche zu vergessen.
Was mich stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der manche Männer dort über Frauen urteilen. Als wären wir Produkte, die man nach Punkten bewertet. Als wären wir eine Dienstleistung, die man nach einem Treffen öffentlich auseinandernehmen darf.
Und manchmal geht es längst nicht mehr um die Dienstleistung.
Dann wird persönlich beleidigt. Es werden Behauptungen aufgestellt. Frauen werden schlechtgemacht. Dinge werden ausgeschmückt oder möglicherweise sogar frei erfunden.
Und warum?
Weil jemand vielleicht enttäuscht war?
Weil eine Frau eine Grenze gesetzt hat?
Weil sie nicht so funktioniert hat, wie derjenige es sich vorgestellt hat?
Oder vielleicht einfach, weil zwei Menschen nicht miteinander harmoniert haben?
Das gibt niemandem das Recht, einen anderen Menschen öffentlich zu zerstören.
Ich finde es erstaunlich, wie viel Macht manche anonymen Schreiber sich selbst zuschreiben.
Sie glauben offenbar, mit ein paar Zeilen bestimmen zu können, ob eine Frau „gut“ oder „schlecht“ ist.
Ob sie empfehlenswert ist.
Ob sie angeblich ehrlich ist.
Ob sie angeblich sympathisch ist.
Und manchmal versuchen sie sogar, ihr Geschäft und damit ihre Existenz zu beeinflussen.
Aber wisst ihr was?
Ihr kennt diese Frauen nicht.
Ihr kennt nicht ihr Leben.
Ihr kennt nicht ihre Geschichte.
Ihr kennt nicht ihre Grenzen.
Ihr kennt nicht die Situation hinter einem Treffen.
Ihr kennt nur eure Version davon.
Und genau deshalb sollte man vielleicht manchmal einen Schritt zurücktreten und sich fragen:
Was, wenn diese Geschichte nicht vollständig ist?
Was, wenn zwei Menschen dieselbe Begegnung vollkommen unterschiedlich erlebt haben?
Was, wenn jemand aus Enttäuschung übertreibt?
Was, wenn eine Bewertung aus einer persönlichen Abrechnung heraus entstanden ist?
Und was, wenn ein Teil dessen, was dort geschrieben wird, einfach nicht stimmt?
Das Internet macht es unglaublich leicht, Dinge zu schreiben, die man einem Menschen niemals ins Gesicht sagen würde.
Anonymität kann Mut machen.
Leider manchmal auch skrupellos.
Ich möchte damit nicht sagen, dass jede negative Bewertung falsch ist.
Ganz im Gegenteil.
Ehrliche Kritik gehört dazu.
Wenn jemand eine schlechte Erfahrung gemacht hat, darf er das sagen.
Aber Kritik sollte bei der Erfahrung bleiben.
Sie sollte sachlich sein.
Und sie sollte nicht zur persönlichen demütigung werden.
Denn eine Frau aus der Erotikbranche ist kein Freiwild.
Sie ist kein Produkt.
Sie ist keine Sternchenbewertung.
Und sie ist schon gar nicht verpflichtet, sich von einem anonymen Mann im Internet definieren zu lassen.
Vielleicht sollten diejenigen, die solche Bewertungen schreiben, sich einmal vorstellen, dass ihre eigenen Namen, ihr eigenes Gesicht und ihr eigenes Privatleben unter einem solchen Beitrag stehen würden.
Würden sie dann genauso schreiben?
Ich bezweifle es.
Deshalb wünsche ich mir nicht weniger Meinungen.
Ich wünsche mir mehr Verantwortung.
Mehr Fairness.
Mehr Respekt.
Und vor allem ein Bewusstsein dafür, dass Worte Konsequenzen haben.
Denn hinter einem Profil steht ein Mensch.
Und dieser Mensch hat vielleicht mehr Stärke, mehr Persönlichkeit und mehr Rückgrat, als es ein anonymer Forenbeitrag jemals darstellen kann.
Ihr dürft eure Meinung haben.
Aber ihr besitzt nicht die Wahrheit über einen anderen Menschen.
Und schon gar nicht das Recht, ihn mit erfundenen oder verletzenden Behauptungen öffentlich zu zerstören.
Ich bin keine Sternebewertung.
Ich bin ein Mensch.
Und genau so möchte ich auch behandelt werden.
