Manchmal frage ich mich, wann echtes Interesse eigentlich so selten geworden ist.
Nicht Aufmerksamkeit.
Nicht Neugier.
Nicht dieses schnelle „Man schaut mal“.
Sondern wirkliches Interesse.
Dieses ehrliche Wahrnehmen eines Menschen.
Ohne Eile.
Ohne Hintergedanken.
Ohne ständig schon beim Nächsten zu sein.
Ich habe oft das Gefühl, dass viele heute zwar kommunizieren – aber kaum noch wirklich zuhören.
Man schreibt nebenbei.
Antwortet zwischen zwei Terminen.
Führt Gespräche, während der Blick schon wieder woanders ist.
Und vielleicht merkt man genau deshalb inzwischen sofort, wenn jemand tatsächlich aufmerksam ist.
Wenn Fragen nicht nur gestellt werden, um etwas zu erreichen.
Sondern weil ehrliches Interesse da ist.
Denn genau das fühlt man.
Ob jemand wirklich wissen möchte, wer da vor ihm sitzt.
Oder ob er einfach nur versucht, möglichst schnell ans Ziel zu kommen.
Vielleicht ist unsere Aufmerksamkeitsspanne kleiner geworden.
Vielleicht sind wir durch Social Media, Dating-Portale und permanente Reize daran gewöhnt, ständig weiterzuziehen.
Immer könnte noch etwas Interessanteres kommen.
Noch attraktiver.
Noch einfacher.
Und genau dadurch verlieren viele etwas sehr Wertvolles:
Tiefe.
Denn echte Begegnungen entstehen nicht zwischen zwei Ablenkungen.
Sie entstehen dort, wo man sich Zeit nimmt.
Wo man präsent bleibt.
Wo ein Mensch nicht nur „eine Möglichkeit“ ist.
Vielleicht wirkt echtes Interesse heute genau deshalb fast schon ungewöhnlich.
Weil echtes Interesse Ruhe braucht.
Und Ruhe ist in dieser Welt selten geworden.
Wie seht ihr das?


Weil echtes Interesse unwichtig geworden ist. In einer egozentrischen Gesellschaft sind eigene Bedürfnisse und Erwartungen priorisiert, andere sekundär. Der Wunsch nach Nähe, Liebe und Fürsorge ist nur noch rudimentär vorhanden, werden als Schwäche wahrgenommen und möglichst unterdrückt oder abgelehnt. Kompromisse, Zurückstecken eigener Bedürfnisse zum Wohle eines Partners oder anderer, reflektieren oder emotionale Skills werden bedeutungsloser. Eine Folge unserer durch Werbung, antiauthoritäre Erziehung, konsequenzarmes Fehlverhalten verursachten Freiheit, die Ordnung und Miteinander, Fürsorge und Selbstlosigkeit, Liebe und Partnerschaft bedeutungslos macht.... Es entstehen überspitzt egoistische Zombies...
Ich möchte an meinen Ausführungen in Deinem anderen Blog anknüpfen. Heute in der digitalen Welt reicht der Klick auf ein Profil und ein kurzes anonymes Anschreiben ist schnell geschrieben. Für einen Anruf bei einer Escort-Dame vor 40 Jahren musste ich zunächst meine eigene Hemmschwelle überwinden – denn ich wusste nie, wer ist am anderen Ende der Leitung dran und wie reagiert die Dame. Auf eine Chiffre-Anzeige in den Erotik-Kontaktmagazinen zu antworten, war eine mentale Herausforderung. Ich habe so manches Anschreiben tagelang mit der Hand vorformuliert – ursprüngliche Gedanken verworfen und immer wieder umgeschrieben. Die Endfassung wurde dann fein säuberlich mit einer Schreibmaschine getippt und abgeschickt. Den Brief musste ich dann unter Angabe der Chiffrenummer an die Zeitung bzw. das Magazin schicken – und auf Antwort hoffen. Was will ich damit sagen. Früher musste ich die Dame von meinen Qualitäten und von meinem echten Interesse überzeugen. Die digitale Welt hat bei der Kontaktaufnahme manches vereinfacht – einiges aber auch zu einfach gemacht. Mit einem 08/ 15-Anschreiben wie: „Hi, wie geht´s – willst Du mich kennenlernen?, hast Du heute schon was vor?, usw.“, konnte man früher keine Dame von sich überzeugen und dieses grottenschlechte Niveau wird von Euch bezaubernden Damen zurecht beklagt.