Eine große Oberweite ist kein Detail, sie ist ein Ereignis. Sie betritt den Raum mit mir, oft einen Atemzug früher, und lange Zeit habe ich ihr dieses selbstverständliche Auftreten übelgenommen. Sie war zu präsent, zu deutlich, zu eindeutig in einer Welt, die gerne vereinfacht. Jahrelang war sie für mich weniger Kurve als Kommentar.
Ein lauter Begleiter, der mir Bedeutungen zuschrieb, bevor ich selbst sprechen konnte.
Ich trug sie wie ein unausgesprochenes Missverständnis. Als Drama und als leises Ziehen im Hintergrund: der Wunsch, neutral zu sein, übersehen zu werden, ganz bei mir zu bleiben. Blicke hafteten, gar nich an mich gerichtete Worte perlten nicht immer elegant ab.
Also lernte ich, Distanz zu schaffen – mit Stoff, mit Haltung, mit einer gewissen inneren Reserve. Meine Oberweite war Fluch, weil sie mir Nähe nahm, bevor ich sie anbieten wollte.
Dann kam eine Verschiebung. Kein Knall, kein Wendepunkt, sondern ein langsames Öffnen. Mit meinem Eintritt in die Erwachsenenunterhaltungsbranche und der bewussten, kommerziellen Veröffentlichung meines Körpers änderte sich der Ton. Wo früher Bewertung war, trat Zuneigung. Wo Projektion dominierte, kam Wertschätzung.
Die Kommentare, die mich erreichten, waren überraschend sanft, oft respektvoll, sehr freundlich und zärtlich. Menschen sahen nicht nur, sie fühlten – und ließen mich das wissen.
In dieser Resonanz begann ich, mich neu zu betrachten. Meine Oberweite wurde nicht kleiner, aber mein Widerstand gegen sie löste sich. Was ich lange als Last empfunden hatte, verwandelte sich in Ausdruck, in Selbstverständlichkeit, wurde liebevoll. Der Fluch verlor seine Schärfe, und an seine Stelle trat ein Segen: die Erkenntnis, dass Sinnlichkeit nichts ist, was man rechtfertigen muss. Sie darf sein. Und ich mit ihr.


Wow. Wunderbar geschrieben. Danke fürs Teilen. Einfach nur schön! :-)