Immer wenn sich neue Technologien durchsetzen, gibt es Stimmen, die warnen: wohlmeinende Bedenkenträger, die gesellschaftliche Schäden befürchten. Als die Schreibmaschine aufkam, wurde zum Beispiel argumentiert, sie könne die Handschrift ruinieren. Ähnliche Debatten gab es später bei der Fotografie, genauso wie bei Film, Fernsehen, das dumm mache, Internet und heute eben bei KI.
Gibt es überhaupt „die Sexindustrie“? Streng genommen ist der Begriff „Sexindustrie“ bereits ungenau. Eine Industrie ist klassisch eine gewerbliche Sachgüterproduktion. Das trifft auf Menschen in der Sexarbeit nicht zu. In der Praxis wird der Begriff „Sexindustrie" vor allem dann verwendet, wenn es um große Strukturen geht: Bordelle, Laufhäuser, Plattformen, Vermittlungsportale. Dort kann man tatsächlich von einer Industrie sprechen, weil es um Masse, Großbetrieb und einen Markt geht.
Für Sexworker*innen im engeren Sinne gilt das meist nicht. Viele sind allein, ohne einen größeren „Betrieb“ im Rücken, und müssen sich permanent an äußere Bedingungen irgendwie anpassen, oft aus einer prekären Situation heraus. Wer „Sexindustrie“ sagt, vermischt diese zwei sehr unterschiedlichen Ebenen: die einzelnen Personen und die großen Player.
Gerade deshalb ist die Frage „Verändert KI die Sexindustrie?“, wie ich finde, schief gestellt. Zumindest, wenn man sie auf Plattformen wie KM bezieht. Eine einzelne Sexworkerin hat hier kaum Möglichkeiten, KI sichtbar zu nutzen, weil das durch die individuellen Vorgaben der Plattform eingeschränkt bzw. untersagt ist.
Wichtig ist: Über solche Regeln wurde nicht abgestimmt. Sie sind auch nicht zwingend das Ergebnis konkreter Erfahrungen, denn dafür ist diese Entwicklung noch zu jung, und sie werden in diesem Falle auch nicht unbedingt von der Öffentlichkeit, also von Außen, eingefordert. Es sind Vorgaben und damit Rahmenbedingungen, an die sich die einzelnen Anbieterinnen anpassen müssen, ohne sie wirklich beeinflussen zu können.
Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass bestimmte Inhalte der Plattform selbst nicht völlig unabhängig von KI entstanden sein könnten. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Unternehmen nutzen solche Tools, wie fast alle Branchen, weil es dem Zeitgeist entspricht und effizient ist.
Technik ist nunmal immer „künstlich“, und dass sich die Mittel verändern, ist nichts Neues. Wir erwarten heute selbstverständlich Fotos in einem Profil. Eine handgemalte Zeichnung, wie es im Hochmittelalter üblich gewesen wäre, würde kaum jemand erwarten. Auch die Fotografie war in ihren Anfängen sehr umstritten und vielen Menschen sogar unheimlich. Was wir heute als „authentisch“ empfinden, ist oft einfach das, woran wir uns gewöhnt haben.
Gewöhnung braucht Zeit. Ich kann gut verstehen, dass Menschen Zeit brauchen, um sich an neue Entwicklungen anzupassen. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich ist ein dosierter Umgang sinnvoll: KI kann unterstützen, aber sie kann auch Distanz erzeugen, wenn sie zu offensichtlich oder einfach schlecht eingesetzt wird.
Verhindern lässt sich ihre Nutzung nicht. Kreativ eingesetzt, kann KI sogar im Ergebnis ganz schön sein. Problematisch wird es eher dort, wo KI marktregulativ oder kontrollierend eingesetzt wird, nämlich als Machtinstrument, nicht als Werkzeug. Aber ganz so weit ist sie auch noch nicht.
Am Ende wird KI wahrscheinlich genauso „normal“ werden wie die Technologien zuvor. Wir sprechen heute von Generationen, die durch ihre technischen Werkzeuge geprägt sind: Desktop, Laptop, Smartphone, , TikTok und nun wächst eben eine KI-Generation heran. In hundert Jahren wird man auf unsere Debatten zurückblicken und sie vermutlich genauso altmodisch finden, wie uns heute manche Ängste vor der Schreibmaschine vorkommen.


Auch ich habe mich am Begriff „Sexindustrie“ gestört (ist mir schon einmal bei Kaufmich begegnet und hat mich irritiert). Gemeint ist wohl Sexbranche „Sexindustrie“ kommt mir vor wie eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen, Denn laut Pons-Wörterbuch heißt Branche auf Englisch tatsächlich industry oder sector, beides auch im Dienstleistungsbereich. Vielleicht kann KI ja mal helfen, den idealen Sexpartner (bezahlt der unbezahlt) zu finden. Sosnt fällt mir nichts nützliches in der Sexbranche ein, aber wer weiß, was da noch kommt. Ja, ich denke auch, man sollte das nicht von vornherein alles ablehnen. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt hat sich auch mal vor Urzeiten über Computer lustig gemacht, würde auch niemandem mehr einfallen.
Sehr schön geschrieben @MelkingPoint. Wie alle deine Beiträge. Den Umfang der KI im Sexbusiness kann man jetzt nicht einschätzen. Sicherlich wird es viele Möglichkeiten für Nutzer und Anbieter/innen geben. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass sich das Onlinedating so stark etabliert. Als ich mich vor über 10 Jahren hier bei KM anmeldete, gab es hier kaum Damen, die Onlinedates teilweise bzw. ausschließlich anboten. Und jetzt... Ich wage zu behaupten, dass jetzt die Mehrheit der Anbieter/innen Onlinedating in ihr Repertoire aufgenommen hat. Ich schätze mal , es wird, wie bei Vielen, ein Auf- und Ab geben. Und sich schlussendlich mit On- und Offlinedating etablieren. Ich glaube aber nicht, dass das klassische Offlinedating mit echtem Hautkontakt völlig verdrängt wird. Wie sagte schon der Mathematiker und Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm im Film Jurassic Park (gespielt von Jeff Goldblum):" Das Leben findet einen Weg!"
Ich finde den Titel der Competition völlig falsch von km gewählt. Das km-Universum hat mit „Sexindustrie“ doch gar nichts zu tun. Sexindustrie ist die Porno- und die Sex-Toys-Branche ! Du, liebe MelkingPoint und die anderen Sexworkerinnen haben mit einer „Industrie“ nix zu tun. Man muss km hier einfach sagen : „Thema verfehlt“