
BDSM zwischen Kopfkino und Wirklichkeit
„Ich will es extrem.“
„Keine großen Absprachen.“
„Überrasch mich.“
„Ich will die Kontrolle komplett verlieren.“
Solche Aussagen begegnen mir im BDSM-Bereich immer wieder. Auf dem Papier klingt vieles kompromisslos. Die Vorstellungen sind intensiv, die gewünschten Szenarien teilweise extrem und die eigenen Grenzen vermeintlich sehr weit gesteckt.
Doch zwischen einer Fantasie im Kopf und dem Moment, in dem sich diese Fantasie plötzlich real anfühlt, liegt manchmal eine erstaunlich große Distanz.
Und genau diese Distanz wird häufig unterschätzt.
Im Kopf besitzt man immer noch die Kontrolle
Kopfkino hat einen entscheidenden Vorteil: Man ist gleichzeitig Regisseur, Darsteller und Zuschauer. Selbst in einer Fantasie über vollkommenen Kontrollverlust besitzt man paradoxerweise weiterhin die Kontrolle.
Man bestimmt unbewusst das Tempo.
Man überspringt unangenehme Momente. Man weiß, was passieren wird. Man kennt die eigenen Gedanken und Gefühle. Und vor allem kann man die Fantasie jederzeit verlassen.
Eine reale Session funktioniert anders.
Plötzlich steht dort ein anderer Mensch.
Plötzlich weiß man tatsächlich nicht mehr jeden nächsten Schritt.
Eine Fixierung fühlt sich anders an, wenn man sie nicht gedanklich jederzeit lösen kann. Dunkelheit fühlt sich anders an, wenn man nicht selbst das Licht ausschaltet. Kontrollverlust fühlt sich anders an, wenn man ihn nicht mehr nur aus sicherer Entfernung betrachtet.
Und manchmal stellt ein Mensch erst genau dann fest:
Die Fantasie hat mich erregt. Die Realität überfordert mich.
Das ist ein Unterschied, den man nicht theoretisch wegdiskutieren kann.
Ein Erlebnis, das diesen Unterschied kaum deutlicher zeigen könnte
Eine meiner Sessions ist dafür ein beinahe perfektes Beispiel.
Am Abend zuvor meldete sich ein Mann sehr spontan und fragte eine Session für den nächsten Tag an.
Seine Vorstellungen waren deutlich: Er wollte unter anderem ein inszeniertes Entführungsszenario und möglichst wenig vorherigen Austausch darüber.
Ich stellte ihm weitere Fragen.
Er wollte jedoch gerade nicht alles vorher besprechen. Die Situation sollte für ihn möglichst unmittelbar beginnen und sich nicht dadurch verlieren, dass vorher jedes Detail des Ablaufs durchgekaut wird.
Also wurde innerhalb des vereinbarten Rahmens genau diese Atmosphäre geschaffen.
Am folgenden Tag begann die Inszenierung.
Und schon in den ersten Augenblicken zeigte sich etwas Interessantes:
Zwischen der Vorstellung davon, entführt zu werden, und dem körperlichen Erleben einer plötzlich real wirkenden Situation lag offenbar mehr, als er selbst erwartet hatte.
Während der Fahrt eskalierte dieser Unterschied.
Er schaffte es, über sein Telefon die Polizei zu kontaktieren.
Irgendwann hörte ich das Telefon sprechen und es wurde klar, was passiert war.
Später erklärte er gegenüber der Polizei sinngemäß selbst, dass er etwas gebucht hatte, dessen Wirkung er offenbar unterschätzt hatte.
Damit war ausgerechnet das passiert, was dieses Thema so deutlich macht:
Die Inszenierung hatte sich für ihn offenbar realer angefühlt, als seine Fantasie es vorher hatte erwarten lassen.
„Ich dachte nicht, dass es so ist.“
Später sprach ich mit ihm genau darüber.
Er hatte die Session kurzfristig angefragt. Er hatte das Szenario selbst gewollt. Er hatte ausdrücklich keinen ausführlichen Austausch über den konkreten Ablauf gewünscht.
Und trotzdem kam sinngemäß die Aussage:
Ich habe nicht gedacht, dass das so ist.
Meine Gegenfrage war entsprechend naheliegend:
Was hattest du dir unter einer Entführung vorgestellt?
Darauf gab es keine wirkliche Antwort.
Gleichzeitig meinte er plötzlich, er habe gedacht, dass vorher doch noch mehr Austausch stattfinden würde.
Das Interessante daran war: Genau diesen ausführlicheren Austausch hatte er am Abend zuvor selbst nicht gewollt.
Und für mich zeigt sich darin etwas, das weit über diese einzelne Session hinausgeht.
