Erster Akt: Das gläserne Labyrinth
Wien an einem regnerischen Novemberabend hat etwas fast obszön Schönes. Die Lichter der Ringstraße spiegelten sich im nassen Asphalt, als das Taxi mich vor der Galerie im ersten Bezirk absetzte. Ich liebte diese Abende. Nicht wegen der Kunst – obwohl die modernen Skulpturen aus kaltem Stahl und rauem Beton durchaus ihren Reiz hatten – sondern wegen der Jagd.
Ich trug an diesem Abend ein dunkelgrünes Seidenkleid, hochgeschlossen am Hals, aber mit einem Rückenausschnitt, der tief genug reichte, um die Fantasie anzuregen, ohne vulgär zu wirken. Dazu meine liebsten Louboutins, deren roter Sohlenblitz bei jedem Schritt wie ein warnendes Signal aufleuchtete: Vorsicht!. Betreten auf eigene Gefahr!
Unter der Seide trug ich... nun, das würde der Glückliche erst später erfahren. Oder auch nicht. Das hing ganz von der qualität der Beute ab.
Ich betrat den Raum, nahm ein Glas Champagner von einem vorbeieilenden Kellner und ließ meinen Blick schweifen. Die übliche Mischung: alternde Mäzene mit zu jungen Begleiterinnen, aufstrebende Künstler mit zu viel Ego und zu wenig Talent, und dazwischen ein paar verlorene Seelen auf der Suche nach Bedeutung.
Und dann sah ich ihn.
Er stand etwas abseits, vor einer massiven Skulptur, die aussah wie ein geborstenes Herz aus Eisen. Er war groß, trug einen dunkelblauen Maßanzug, der seine breiten Schultern betonte, ohne sie zur Schau zu stellen. Kein Krawattenträger, das weiße Hemd war oben offen. Sein Haar war dunkel, leicht meliert an den Schläfen – ein Zeichen von Erfahrung, nicht von Alter. Er wirkte nicht gelangweilt, eher analytisch. Er scannte den Raum nicht nach Frauen ab, sondern beobachtete die Dynamik der Gesellschaft.
Ich bewegte mich langsam auf ihn zu. Finesse ist keine Frage der Eile. Ich stellte mich neben ihn und betrachtete ebenfalls das Eisenherz.
„Brutal“, sagte ich leise, ohne ihn anzusehen. „Aber ehrlich.“
Er drehte den Kopf. Seine Augen waren von einem intensiven Grau, intelligent und wachsam. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er mich musterte. Er begann nicht bei meinen Beinen oder meinem Dekolleté, sondern sah mir direkt in die Augen. Pluspunkt!
„Ehrlichkeit ist selten in diesem Raum“, antwortete er mit einer Stimme, die tief und ruhig war, wie ein gut gereifter Rotwein. „Arthur.“
„Madame“, antwortete ich nur und reichte ihm meine Hand. Er ergriff sie, nicht zu fest, nicht zu lasch, und führte sie kurz an seine Lippen, ohne sie wirklich zu berühren. Ein Hauch von alter schule.
Wir kamen ins Gespräch. Es war dieses verbale Fechten, das ich so liebe. Wir sprachen über die Kunst, über die Absurdität der Preise, über Wien, über die Oper. Er war eloquent, gebildet, schlagfertig.
Er forderte mich heraus, widersprach mir charmant, ließ sich nicht von meiner Aura einschüchtern. Ich spürte dieses vertraute Ziehen in meinem Unterleib, diese Mischung aus Vorfreude und Machtlust.
Er war intelligent genug, um zu wissen, dass hier gerade ein Spiel begann. Aber er wusste noch nicht, dass ich die Regeln bereits festgelegt hatte!
Nach einer Stunde, in der wir den Rest des Raumes völlig ausgeblendet hatten, neigte er sich etwas zu mir.
„Das hier...“, er deutete vage auf die Menge, „...wird zunehmend anstrengend!
Ich habe eine Suite im Park Hyatt. Der Champagner dort ist besser, und die Aussicht ist weniger... anspruchsvoll.“
Ich lächelte mein Finesse-Lächeln. Jenes, das Versprechen und Warnung zugleich ist. „Ich lasse mich ungern entführen, Arthur. Aber ich lasse mich gerne begleiten.“

