Warum ist es so schwierig, Sex in Worte zu fassen? Bei Sonnenuntergängen gelingt es doch auch?
Sex war in der Literatur, und nicht nur dort, lange ein Tabu-Thema. Bis weit in die 50er- und 60er-Jahre war Sex in Büchern eine Leerstelle, ein Gedankenstrich gefolgt vom Satz: «Am Morgen danach ...»
Aber seither ist viel passiert, gerade in Sachen sexueller Freizügigkeit?
Ja, theoretisch sind wir nun komplett aufgeklärt, haben – dem Internet sei Dank – alles schon gesehen, haben uns an alles gewöhnt. Aber die Autoren müssen für den Sex erst eine Sprache finden, und das ist nicht so einfach. Man landet da sehr schnell in der Gossensprache. Sonnenuntergänge und Almwiesen werden schon seit Hunderten Jahren beschrieben. Beim Sex stehen wir erst am Anfang. Die Autoren ringen richtiggehend um die Worte – und das liest sich dann auch dementsprechend unerotisch.
In diesem Ringen um die Worte tappt fast jeder Autor irgendwann in die Metapherfalle, oder?
Au ja, ständig öffnen sich da Blüten, kullern Melonen, platzen Kiwis. Die ganze Flora wird herbeigezogen, wenn es darum geht, die weiblichen Geschlechtsorgane zu beschreiben. Wolfgang Schömel schreibt in «Zwei Tage, drei Nächte» von «lappigen inneren Schamlippen», die ihn «an die Ohren der chinesischen Morchel» erinnern.

