Die Zukunft der Sexualität

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Über die klassische Aufklärung bis zur modernen Partnerschaft und welch große Rolle Online-Dating heutzutage in unserer Gesellschaft spielt, schreibt Euch unser Gastautor D3adEnd. Wie habt Ihr Euch in Eurer Sexualität entwickelt? Benutzt Ihr Online-Partnerbörsen? Kommentiert uns Eure Erfahrungen! 

Während bei den frühen Menschen der Geschlechtsverkehr – wie bei Primaten – wohl an die fruchtbaren Tage der Frau und an die Jahreszeit gebunden war (Säugetiere gebären nicht in einer Jahreszeit, in der das Nahrungsangebot knapp ist), wurde im weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte die Sexualität immer mehr von der Fortpflanzung abgekoppelt und hinsichtlich der Praktiken verfeinert. Die Gefühlsebene gewann an Bedeutung (Minne, romantische Liebe…); die arrangierte Ehe wurde zunehmend durch die Heirat aus Liebe abgelöst; die gesellschaftliche Kontrolle des Sexualverhaltens (bis hin zu Eheverboten) nahm ab; kirchliche Vorschriften verloren an Bedeutung (z.B. Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs); die Entdeckung immer besserer Verhütungsmittel führte zur zunehmenden Entkoppelung von Sexualität und Zeugung; “neue” Sexualpraktiken verbreiteten sich schnell, als sie von den Medien bekannt gemacht wurden; technische Hilfsmittel und Medikamente zur Steigerung des sexuellen Empfindens wurden entwickelt.

Solche Veränderungsprozesse sind noch längst nicht abgeschlossen. In diesem Artikel sollen einige ausgewählte Entwicklungstrends der letzten 20 Jahre skizziert und in die nahe Zukunft fortgeschrieben werden.

Die totale Aufklärung

In den letzten Jahren hat sich die Menge an Informationen zum Themenkreis Sexualität vervielfacht. Zeitschriften, Zeitungen und Bücher wetteifern mit dem Internet, wer noch detailliertere Texte und entsprechende Fotos (bzw. Videos) veröffentlicht. Die Bandbreite der Informationen reicht von lexikalisch-komplex über zielgruppenspezifisch-umfassend, journalistisch-korrekt und erotisch-literarisch bis hin zu aufreißerisch-vulgär. Bücher wie z.B. “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche oder die Roman-Trilogie “Fifty Shades of Grey” von E.L. James sind zu Bestsellern geworden; entsprechende Filme haben eine weite Verbreitung gefunden. Jeder Mensch – egal ob Kind oder Senior – kann sich inzwischen mühelos und (auch) kostenfrei Informationen über alle nur denkbaren sexuellen Fragestellungen besorgen. Dies hat eindeutig zu einer enormen Zunahme der Breite und Differenziertheit entsprechender Kenntnisse bei Menschen jeder Altersgruppe geführt – wobei sie in der Regel bei jüngeren Personen umfassender und komplexer als bei älteren sind. Kinder werden immer früher mit Informationen und Darstellungen rund um das menschliche Sexualverhalten konfrontiert. Insbesondere bei älteren Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden kann man eine “Sexualisierung” ihrer sozialen und kulturellen Lebenswelt beobachten. Es ist schwer vorstellbar, dass in den kommenden Jahren neue Aspekte des Sexualverhaltens “entdeckt” werden, die noch nicht thematisiert wurden. Versuche, Kindern den Zugang zu Informationen, Bildern und Videos über Sexualität zu erschweren, dürften auch in Zukunft weitgehend erfolglos bleiben, da sie innerhalb ihrer Peergroups weit verbreitet sind. Mit der Alterung der Generationen werden die Kenntnisse zukünftiger Senioren über das menschliche Sexualverhalten aber umfassender und differenzierter sein als dies heute der Fall ist.

Der neue Partnermarkt

Seit einigen Jahren nutzen vor allem Erwachsene neben Chatrooms und sozialen Netzwerken zunehmend Kontaktbörsen oder Partnervermittlungen im Internet, um entweder (kurzfristige) Sexualkontakte herbeizuführen oder längerfristige partnerschaftliche Beziehungen anzubahnen. Laut Statista (2015c) gab es im Jahr 2013 rund 98 Mio. Mitgliedschaften bei deutschsprachigen Online-Dating-Börsen – aber nur 8,1 Mio. aktive Nutzer/innen, die somit in der Regel bei mehreren Börsen registriert waren. Kontaktbörsen bieten gegenüber Zeitungsannoncen den Vorteil, dass sich die jeweilige Person umfassender, detailreicher und aussagekräftiger präsentieren kann. Allerdings kann sie ihren “Online-Steckbrief” auch “schönen”. So ist das erste Treffen oftmals enttäuschend, wird die Beziehung schnell wieder abgebrochen. Online-Börsen, die (anonyme) sexuelle Kontakte vermitteln, erleichtern “Seitensprünge” und können damit die Stabilität einer bereits länger bestehenden Partnerschaft bzw. Ehe gefährden. Sie können aber auch Personen mit speziellen sexuellen Bedürfnissen, die in der dauerhaften Beziehung nicht befriedigt werden, helfen, einen entsprechenden Partner zu finden (z.B. bei Bisexualität). Single-Börsen erleichtern die Suche nach einer festen Beziehung. Daneben gibt es Online-Partnervermittlungen, die sich von Kontaktbörsen z.B. dadurch unterscheiden, dass sie von Wissenschaftler/innen entwickelte Persönlichkeitstests einsetzen, Profile redaktionell überarbeiten und nur sehr wenige, gezielte Vorschläge machen.

Laut einer repräsentativen Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos (2015) aus dem Jahr 2014, bei der 1.000 Internetnutzer/innen zwischen 16 und 70 Jahren befragt wurden, suchen nur 16% der Nutzer/innen von Online-Portalen nach erotischen Kontakten, 25% hingegen nach einer festen Partnerschaft. In der erstgenannten Gruppe waren 52% der Befragten erfolgreich. In der zweiten Gruppe fanden 56% der Personen einem festen Partner. Inzwischen beginnt etwa jede dritte Partnerschaft im Internet. Bedenkt man, dass in den nächsten Jahren die Jobs eher noch stressiger werden, mehr Menschen an Abenden oder an Wochenenden arbeiten müssen und die berufliche Mobilität weiter zunehmen wird, so werden Single-Börsen und Online-Partnervermittlungen wahrscheinlich noch an Bedeutung gewinnen: Sie erleichtern es Menschen, trotz dieser Lebensbedingungen potenzielle Partner zu finden. Zugleich erweitern sie den Partnermarkt über den (kleinen) Kreis von Freunden, Bekannten und Kollegen hinaus.

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