Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers

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Kürzlich ist in deutscher Sprache der autobiografische Comic des Kanadiers Chester Brown erschienen, der von seiner 10-jährigen Freier-Karriere handelt und durchaus als Aufklärungsbüchlein gelten kann. Seine Zeichnungen beschreiben seine Erfahrungen mit Escort Girls, aber auch Gespräche mit seinen Freunden, wo wir es mit sämtlichen Vorurteilen über das P6-Gewerbe zu tun bekommen, Diskussionen, denen Chester als bekennender Kunde sexueller Dienstleistungen nicht aus dem Weg geht.Eine rege Debatte um das Buch gab es schon bei seiner Veröffentlichung 2011 in den USA und Kanada. Der Freier: die Karikatur eines Mannes, der üblicherweise als arme und bemitleidenswerte Kreatur in seinem erbärmlichen notgeilen Dasein zum Zwecke des “Druckabbaus” durch die Welt der Gunstgewerblerinnen irrt. Dieses Bild wird üblicherweise in der Öffentlichkeit verbreitet, um den Mann zu disziplinieren. Hier setzt Chester einen Kontra-Punkt, den öffentliche Stimmen gerne geflissentlich ignorieren, wie auch der Autor dieser Buchrezension im Spiegel.

Die erfrischende Diskussion im Kommentar-Teil des gleichen Artikels zeigt jedoch, dass die diskriminierende Schau auf bezahlten Sex und seiner Akteure nicht mehr ohne weiteres auf fruchtbaren deutschen Boden fällt. Dank Prostitutionsgesetz und Internet kommt ein vielstimmiger Chor an die Oberfläche und das stimmt hoffnungsfroh im Hinblick auf den Umgang unserer Gesellschaft mit bezahltem Sex. Eine lesenswerte Würdigung dieses Buches fand ich in der Basler Zeitung. In der Mediathek von 3satist ein schönes Interview mit dem Hurenversteher Chester zu finden. “Danke” im Namen aller aufgeklärten Kunden-Männer und bekennenden Huren!Zu Chester’s Freierkarriere: In seiner früheren Beziehung lief es sexuell eher suboptimal. Als seine Freundin noch ihren Lover in die gemeinsame Wohnung einziehen lässt, ist es ganz aus. Chester beginnt, Internetforen zu durchforsten und Huren zu besuchen; auch vor dem Hintergrund des Scheiterns seiner langjährigen Beziehung denkt er laut über das uns allen bekannte romantische “Liebesideal” nach, das uns mit der Muttermilch eingeflösst wird. Es ist das Ideal der ungeteilten, exklusiven Liebe, hinter dem sich der egoistische Wunsch verbirgt, dass der oder die Angebetete sich gefälligst unseren alleinigen Aufmerksamkeitsansprüchen unterwerfen soll.Das romantische Liebesideal und die Liebes-Ehe, die daraus folgt, ist eine sehr junge Institution: vor ca. 200 Jahren von Staat und Kirche lanciert und forciert, bindet es Sex an Liebe, um die Libido seiner Staatsbürger unter Kontrolle zu bringen und die gemeinsame Aufzucht und Erziehung der Kinder zu garantieren. Dies ist übrigens umgekehrt auch für viele Huren der Grund, sich nicht zu outen. Karrierechancen, berufliche Neuorientierung sind sonst meist Essig, auch die Chance, einen Partner zu finden, der eine Frau mit ‘Vergangenheit’ akzeptiert, tendiert heutzutage immer noch gegen Null. Nur die Heilige wird schliesslich geehelicht oder verpartnert.Es ist wenigen mutigen Menschen mit liberalen Geist, auch Männern wie Chester Brown zu verdanken, dass sie etwas zur Aufklärung über das Erotikgewerbe beitragen, unaufgeregt und mit klarem Blick auf die sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft schauen, die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden üblicherweise stigmatisiert, sie in die Anonymität und Illegalität zwingt.Chester Brown’s Comic ist ein Plädoyer für eine vollständige Entkriminalisierung des Erotik-Gewerbes, ergänzt mit einem wunderbaren Anhang, wo er sich pointiert mit Prostitutionsgegnern und einer Politik auseinandersetzt, die nur dazu gemacht ist, Opfer zu schaffen.

Chester ist übrigens der Typus Kunde, den ich immer den aufgeklärten und rationalen Bucher, Kunde, Gast nenne, der für mich sowas wie der 6er im Lotto ist, was die Qualität eines Dates auszeichnet: die rationalen Kunden respektieren selbstbewusste Frauen wie uns, sie verwickeln sie nicht in moralische Diskussionen; sie geniessen einfach und es kommt ihnen darauf an, dass sie ihren Job freiwillig, gut und gerne macht, sie schauen nicht “auf uns”, machen aus der Geldübergabe kein Staatsgeheimnis und drängen nicht auf eine Beziehung unter Gleichen, die es aufgrund der Asymmetrie des Geldes garnicht gibt. Sie erwarten keine Hochzeitsnacht und schimpfen nicht auf Frauen, die sich als erfahren, also professionell zu erkennen geben. Bucher wie Chester schätzen Frauen wie uns und in dieser Wertschätzung schaffen sie den Rahmen, das eine Hure, ein Escort sich wohlfühlt. Dies nenne ich professionelles Dating, das beide Seiten mit einem guten Gefühl und zumeist einer schönen Erinnerung in den Alltag entlässt.

Dieser Aufklärungscomic für Erwachsene ist unbedingt lesenswert, auch Männern und Frauen empfohlen, die niemals ihren Fuß ins Erotik-Gewerbe setzen. Es lohnt sich dafür zu zahlen, auch für dieses Buch!

Chester Brown: Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers
Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
Verlag: Walde+Graf; Auflage: 1 (8. März 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3037740450
ISBN-13: 978-3037740453

 

2 Kommentare

  1. Pingback: Stille Heldinnen: In Nazi-Deutschland retteten Prostituierte verfolgte Juden – BesD e.V. Berufsverband Sexarbeit

  2. BlackBird69 on

    Hi,

    unabhängig von Deiner Rezension hatte ich mir das Buch aufgrund des Artikels im Spiegel gekauft. Eine sehr interessante, offene und stimmige Lektüre und eine ansprechende Sicht auf den dargebotenen Service.

    5 von 5 möglichen Sternen.

    BlackBird69

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