Interview mit Aktivistin Tanja über Sexarbeiter-Rechte

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Das Interview mit Aktivistin und Escort Tanja_Regensburg, im Vorstand des BesDwurde mit Ariane G. geführt

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Wie alt bist Du? Und wo lebst Du?

Ich lebe seit 10 Jahren in Bayern, in der Metropole der schönen Oberpfalz, genauer gesagt in Regensburg

Mit 53, das ist mein reales Alter, bin ich wahrscheinlich nicht mehr das jüngste Escort, aber ich kann mich über mangelndes Interesse von Männern nicht beklagen 😉

 Wie lange arbeitest Du schon als Escort?

Ich habe vor 8,5 Jahren die ersten Erfahrungen gemacht und seit 8 Jahren arbeite ich selbständig als Independent

Hast Du verschiedene Branchen in der Sexarbeit kennengelernt?

Durch meine Neugierde getrieben und dadurch, dass ich von Anfang an versucht habe, mich im Internet zu vernetzen mit Kolleginnen, habe ich mehrere Arbeitsplätze ausprobiert und mir angesehen.
Zum Teil hab ich darüber auch Berichte geschrieben.

Ich habe in einer Massage Wohnung angefangen, hab Haus-und Hotelbesuche gemacht, Escort beim escortservice23, dann tageweise in einer Wohnung des es23, die ich mit Kolleginnen selbst eingerichtet hatte, gearbeitet. Irgendwann wollte ich Kolleginnen aus dem Internet persönlich kennenlernen und bin an deren Abeitsplätze gefahren um zu sehen, wie es sich in anderen Bereichen arbeitet.
Hab in einem Privathaus gearbeitet, für mich auch heute noch eine der schönsten Locations Susie in Pirmasens, war in Wohnungen mit mehreren Kolleginnen und Hausdame, Einzelapartments, die man alleine mietet, irgendwann wollte ich auch Clubs kennen lernen, da arbeitete Nasti… deshalb war ich im Sakura in Böblingen, mehrmals und einmal auch im Paradise in Leinfeld Echterdingen, ich war im “berühmten” Pussyclub in Fellbach. Das war sehr lehrreich für mich und ich habe meine Einstellung zu Pauschalclubs geändert, durch die Gespräche mit Kolleginnen dort und meine Eindrücke.
Ich hab mir auch das Arbeiten in einem Laufhaus angesehen, und mich dort eingemietet…
Hab aber im Lauf der Zeit meine komplett eigene Nische gefunden und mache heute fast nur noch Escort und Hoteltage. Wenn ich zuhause bin, dann kann man mich in einer netten Wohnung besuchen, bzw bei mir dort übernachten.

Seit wann engagierst Du Dich im Bereich Sex Arbeiter Rechte?

seit ca 2007
zunächst als Moderatorin bei sexworker.at

dann in Kundenforen.

Warum engagierst Du Dich?

Wenn ich für mich merke, etwas läuft schief, kann ich leider meinen Mund nicht halten und rede nicht nur, sondern versuche etwas zu bewegen.
Für mich was Sexdienstleistung eine große Chance selbstbestimmt, und vor allem zeitlich flexibel selbständig und erfolgreich zu arbeiten.

Oftmals gab es Missverständnisse zwischen Kolleginnen und Kunden, und es gab Zank und einen für mich nicht akzeptablen Umgang miteinander.

Deshalb hab ich versucht Einblick zu geben in meine/unsere Lebenswelt und unseren Alltag und ich denke schon, dass ich einiges dadurch bewegen konnte.
Ich bin Kolleginnen virtuell immer beigestanden, wenn ich das Gefühl hatte, sie werden ungerecht behandelt und können sich nicht selbst wehren.

Ich habe schon 2007 gemerkt, dass sich etwas verändert und war der Meinung, wenn wir uns nicht zusammenschließen, um selbst “Regeln” für uns aufzustellen, werden wir irgendwann von außen reguliert werden.
Das passiert dann aber von Leuten, die keinen Einblick und keinen Bezug zu unserer Arbeit haben, und sich deshalb auch nicht einfühlen können.

Ich habe immer wieder versucht Kolleginnen dafür zu sensibilisieren, aber leider bin ich da auf taube Ohren gestoßen.. es hieß immer, bei uns ändert sich nichts, was du nur hast… typisch deutsch, du willst für alles Regeln.

Ganz ehrlich…. ich bin nicht glücklich, dass ich Recht behalten habe.
Aber ich bin sehr froh, dass jetzt mittlerweile viele Kolleginnen es so sehen wie ich und anfangen für ihre Rechte einzutreten, und sei es nur mit einer passiven Mitgliedschaft im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen.

ENDLICH gibt es eine Stimme, die auch gehört wird, auch wenn es unheimlich viel Arbeit ist und massiven persönlichen Einsatz fordert, wie ich als einer der Vorstände aus eigener Erfahrung weiß.

Wie ist Deine Meinung zum aktuellen Eckpunktepapier zur Änderung des
Prostitutionsgesetzes?

Ich befürchte, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist, denn ein Eckpunktepapier ist nichts anderes wie eine Voraberklärung in welchen Punkten sich die Regierungsparteien einig sind und worüber sie eigentlich gar nicht mehr diskutieren wollen…
Meiner Meinung nach sollen wir, die Öffentlichkeit und die Presse sich daran abarbeiten, dass wenn es zum eigentlichen Gesetzentwurf kommt, das Interesse erloschen ist und dann nur noch durchgewunken werden kann.
Vor allem lässt mich das Gefühl nicht los, dass da noch mehr kommt, wovon heute noch gar nicht die Rede ist….

Viele Punkte gehen an unserer Arbeitswirklichkeit vorbei und schützen uns nicht wie laut propagiert, sondern dienen nur dazu, uns unsere Arbeit unmöglich zu machen.

Registrierungs und Anmeldepflicht

Hier wird mit Begriffen gearbeitet, die der “Ottonormalmensch” kennt und die er als für alle gültig gut heißt. Deshalb denkt er nicht nach und schreit im vorauseilenden Gehorsam JA, das ist gut, müssen ja alle…

Allerdings geht es hier nicht um eine Registrierung als Bürger oder als Selbständiger sondern wir werden der erste legale Beruf sein, der bei der Polizei des Heimatortes als Prostituierte registriert wird. ( Datenschutz wird versprochen, aber heute schon zeigt auch meine persönliche Erfahrung, dass er nicht gewährleistet ist!)
Wir sollen dann einen “Hurenausweis” bekommen , den wir künftig dann zusätzlich zum Pass Kontrolleuren, Betreibern, Polizei und Kunden vorzeigen müssen.
Anmeldung bedeutet auch nicht anmelden beim Finanzamt ( diese Pflicht gibt es ja schon) sondern wir müssen dann künftig, wenn wir die Stadt verlassen zum arbeiten, uns bei der zuständigen Polizeidienststelle am Heimatort abmelden mit Angabe des Ortes an dem wir arbeiten wollen, dort sollen wir uns dann bei der dortigen Polizei anmelden, dass wir jetzt da sind, und wielange wir beabsichtigen zu bleiben, um uns am Ende wieder abzumelden und am nächsten Ort anzumelden oder zuhause zurück melden.
Das gilt so wie es jetzt beabsichtigt ist für alle Sexdienstleisterinnen, egal ob Escort oder Straße, egal ob Laufhaus oder Club usw.

So können wir alle Punkte durchgehen., aber das würde wahrscheinlich den Rahmen des Interviews sprengen

Kannst Du Dich damit anfreunden? Welche Kritik erhebst Du?

Nein, ich kann mich damit nicht anfreunden, außer dem Werbeverbot für unsafer Praktiken wie AO dienen diese Eckpunkte nicht unserem Schutz wie angekündigt, sondern sollen Polizeirechte ausdehnen und die Gesellschaft vor Prostitution schützen.
Prostitution soll eingedämmt werden Es wird nicht differenziert zwischen sichtbarer und nicht sichtbarer Prostitution, und den verschiedenen Bedürfnissen, die sich daraus ergeben.
Wir bekommen Hürden in den Weg gelegt, die es vielen unmöglich machen legal zu arbeiten, die dadurch, dass sie sich nicht registrieren lassen können, ohne Folgen befürchten zu müssen ( alleinerziehende Mütter, Frauen mit Hauptjob usw) kriminalisiert werden und schutzlos arbeiten, oder eben aufhören müssen.
Durch diese Maßnahme wird genau das gefördert, was ungewollt ist. Es entsteht eine Parallelgesellschaft, in der man sich Schutz (auch vor der Polizei) erkaufen muss und Abhängigkeiten, in die keine Frau will.

Mich stört massiv, dass Menschenhandel ausschließlich auf Sexarbeit reduziert wird und damit bekämpft werden soll Prostitution zu regulieren.
Ausbeutung wird in allen anderen Bereichen stillschweigend hingenommen und sogar noch gefördert, siehe Pflege, Landwirtschaft, Industrie, Zeitarbeit, 1-Euro Jobs, Billiglohnjobs usw.

Was wäre für Dich die ideale rechtliche Situation, um Sexarbeit zu
regulieren?

Zunächst muss Sexarbeit entkriminalisiert werden und es muss weiter daran gearbeitet werden diesen Beruf zu entstigmatisieren.
Anerkennung als freier Beruf unter Sonstige Berufe
Dann müssen alle Bereiche in der Sexarbeit differenziert betrachtet werden und je nach Arbeitsbereich Regelungen getroffen werden um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Abieterinnen zu verbessern.
Sperrgebiete müssen abgeschaft werden und nur als pragmatische Lösungen bei Problemen für sichtbare Prostitution unter Einbeziehung von Bürgern, Sexarbeiterinnen, Betreibern und Politik verhandelt werden.

Angestelltenverhältnisse sehe ich maximal in Pauschalclubs, im Massagebereich, bei Agenturen und eventuell bei der Sexualbegleitung als möglich, aber nicht als zwingend. Es sollte Sexdienstleistern freigestellt sein, ob sie eine Anstellung möchten oder lieber freiberuflich arbeiten.
In allen anderen Bereichen ist das nicht möglich ohne dass die Mobilität der Frauen leidet und sie gezwungen sind dann an einem Ort zu bleiben, auch wenn sie das nicht möchten.
Zudem muss es ein Bundesgesetz werden, bei dem die Länder verpflichtet sind das 1:1 umzusetzen, denn sonst gibt es weiterhin Behördenwillkür in den einzelnen Bundesländern.
Siehe München, das sich von Anfang an geweigert hat das Prostitutionsgesetz von 2002 umzusetzen und 97% der Stadtfläche zum Sperrgebiet erklärt hat.
In die Verhandlungen zu einer Erweiterung des Prostitutionsgesetzes müssen Sexarbeiterinnen als Experten mehr mit einbezogen werden.
Begrifflichkeiten müssen im Vorfeld genau definiert werden, damit alle mit der selben Grundlage arbeiten.
Der Bund muss finanzielle Mittel zur Verfügung stellen für den Ausbau der kostenlosen Gesundheitsberatung für sexuell aktive Menschen ( nicht nur Sexarbeiterinnen und Kunden, sondern alle die häufig wechselnde Sexpartner haben)
Runde Tische müssen in allen Bundesländern regelmäßig unter Einbeziehung von Experten etabliert werden.
Berufsberatung (für Neulinge) und Programme für berufliche Umorientierung (anderer Job) müssen finanziert werden usw

Ich befürworte die Einführung einer Bürgersozialkasse für alle Selbständigen, um Kranken und Rentenversicherung möglich zu machen, denn die Hürden der gesetzlichen Krankenkassen sind für die meisten Selbständigen aller Berufe zu hoch.

Es wird noch ein langer und mühsamer Weg, aber wir sollten uns nicht abhalten lassen ihn mit zu gehen und mit zu gestalten.

Vielen Dank für das Interview! Und weiterhin viel Kraft wünsch ich Dir!

Links:
——
[1] http://sexworker.at
[2] http://www.berufsverband-sexarbeit.de
[3] mailto:tanja@berufsverband-sexarbeit.de