Interview mit Melanie, politische Aktivistin für Sexworker Rechte

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In unserer Reihe Interviews mit politischen Aktivistinnen, lassen wir diesmal Escort Melanie zu Wort kommen.

 

Wie alt bist Du? Und wo lebst Du?

Ich bin 37 Jahre alt und leben in der Nähe von Bielefeld.

 

Hast Du verschiedene Branchen in der Sexarbeit kennengelernt?

Nein, nicht wirklich. Ich mache seit Jahren Haus- und Hotelbesuche und bin damit eigentlich ganz glücklich. Ich hab mal überlegt auch in andere Bereiche zu schnuppern. Aber ich glaub den ganzen Tag wo sitzen und warten ist nicht meins. Das bekomme ich ja schon mal mit, wenn ich Kolleginnen besuche, die ein Studio oder kleines Bordell haben.

 

Seit wann engagierst Du Dich im Bereich Sex Arbeiter Rechte?

Seit ungefähr 2 Jahren.

 

Warum engagierst Du Dich?
Warum ich so doof bin, und meine komplette Freizeit dafür opfere, das frag ich mich selbst oft…. Daran bist indirekt du Schuld lach. Ich hab immer wieder Texte und Kommentare von dir gelesen und die haben mein Interesse für das Thema geweckt. Dann habe ich Ende 2012 am Sexworker Only Day in Bochum teilgenommen und dort viele andere Kolleginnen kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt ging auch gerade die Debatte in diversen Talkshows mit Alice im Wunderland los und kurz darauf kam das ganze ins Rollen. Mit Johanna Weber und Elli haben wir kurzerhand beschlossen und zusammen zu tun, worauf dann kurz danach die Idee zum Berufsverband erstand. Der dann ungefähr ein Jahr später am 13. Oktober 2013 gegründet wurde. Seit dem bin ich eben viel im Hintergrund aktiv.
Ich denke, jede/r von uns hat eine Stimme und sollte diese auch nutzen. Und da leider nur wenige die Möglichkeit haben sich aktiv einzubringen, sei es aus finanziellen oder privaten Gründen (Stigma), ist es umso wichtiger sich irgendwie zu engagieren. Wenn ich nichts dafür/dagegen mache oder sage, dann brauch ich mich hinterher nicht beschweren, wenn ein Gesetz kommt, das ich so nicht wollte. Ich hab es aber zumindest dann versucht.
Es ist nicht alles rosarot, aber die Lügen die da permanent über uns und unsere Branche verbreitet werden, regen mich einfach auf. Ich hatte schon immer einen großen Gerechtigkeitssinn, insofern engagiere ich mich dafür, das eben nicht nur die eine Seite gesehen/gehört wird, sondern auch die, die es betrifft, nämlich wir Sexarbeiter selbst. Es äußern sich ständig Menschen zu dem Thema in der Öffentlichkeit, die noch nicht eine Sekunde in dem Job gearbeitet haben. Oder noch schlimmer: Die sowieso mit Sexualität ein Problem haben. Das ist ungefähr so als wenn Veganer die Regeln für die fleischverarbeitende Industrie aufstellen würden. Ruckzuck würde da jede Metzgerei dicht gemacht.
Und ungefähr so ergeht es uns gerade. Statt einer sachlichen Diskussion die auf Fakten beruht, schiebt jeder seine eigenen moralischen Werte in den Vordergrund. Oder tut zumindest so. Welcher Politiker oder gar Politikerin gibt öffentlich Stellung dazu, was in deren Schlafzimmer “normal” ist.. wäre vielleicht mal ganz interessant.

 

Du hast die Online-Plattform voice4sexworkers http://www.voice4sexworkers.com ins Leben gerufen. Welche Wünsche und Ziele verbindest Du mit dieser Seite?
Meine Idee dafür ist daraus entstanden, dass es zwar den Berufsverband gibt, oder auch Beratungsstellen, es für diese Organisationen aber immer schwer ist auch einfach mal Tacheles zu reden. Oder es gibt Kolleginnen die sich nicht dazu öffentlich äußern möchten, weil man mit solchen politischen Themen den ein oder anderen Kunden vergrault. Politisches Engagement ist halt nicht sexy…. Deswegen V4S, weil sich dort jeder frei zu jedem Thema äußern kann ohne etwas befürchten zu müssen, weil das bei uns auch anonym möglich ist. Ein weiterer Vorteil ist, das man eben all diese Meinungen und Informationen an EINEM Ort gebündelt hat, und es sich nicht über zig Blogs im Internet verteilt. V4S ist absolut frei und unabhängig. So können wir auch mal Aktionen, wie zb im September in Nürnberg, als wir ganz spontan Bundesfamilienministerin Frau Schwesig vor einer Beratungsstelle abgefangen und zur Rede gestellt haben. Da wir keine Fördergelder oder öffentlichen Mittel erhalten, kann uns niemand den Mund verbieten.

 

Wie ist Deine Meinung zum aktuellen Eckpunktepapier zum sog. Prostituiertenschutzgesetz?
Volksverarsche, wenn ich das so sagen darf. Bzw je nachdem wie man es liest. Es entsteht hierdurch sicher kein Schutz für Prostituierte. Wohl aber eher vor ihnen. Das betonen viele Politiker ja auch immer wieder gern, dass Prostitution eingedämmt werden soll. Die geplante Anmeldepflicht wird sicher viele in Deutschland lebende Frauen mit Familie und “normalen” Beruf dazu zwingen entweder illegal ohne eine solche Anmeldung zu arbeiten. Oder sie werden wohl mit der Sexarbeit aufhören. Die Migrantinnen wird das weniger interessieren, denn wenn sie nach 2-3 Monaten nach Hause fahren, erfährt dort ja niemand davon, dass sie hier als Prostituierte gemeldet waren/sind.
Die geplante Erlaubnispflicht für Betriebe wird wohl auch dafür sorgen, dass so manchem Betrieb diese Erlaubnis aus irgendwelchen Gründen versagt wird. Es wird ja “Ermessenssache” des Sachbearbeiters sein. Bei kleinen Bedenken, dass eventuell irgendwann mal Probleme sein könnten, kann eine solche Erlaubnis ja abgelehnt werden. Wir müssen nur nach Österreich oder in die Schweiz gucken, da sieht man heute schon wunderbar was passiert. Die kleinen Betriebe müssen dicht machen. Die großen überleben, weil sie es sich leisten können. Hier wird also genau entgegen der selbstbewussten und selbständigen Sexarbeiterin gearbeitet, die man ja angeblich eigentlich fördern möchte. Genau diese werden nicht die finanziellen Mittel haben, um sämtliche Auflagen etc zu erfüllen. Ab 2 Frauen soll es ja schon Erlaubnispflichtig werden. Kolleginnen können sich dann keine Arbeitswohnung mehr teilen und sich gegenseitig Sicherheit bieten.
Und bei all den Auflagen, die Betreiber dann erfüllen sollen, werden viele Sexarbeiter förmlich in die Scheinselbständigkeit getrieben. Sieht man auch gerade schön in Österreich. Erst werden unsinnige Gesetze geschaffen und dann genau diese als Druckmittel genommen, um den Frauen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen in Form von Umsatzsteuer etc.
Das einzig positive in dem Eckpunktepapier ist der Verbot der Werbung für AO.

 

Was wäre für Dich die ideale rechtliche Situation, um Sexarbeit zu regulieren?
Ich bin ja immer für Recht und Gesetz. Aber bitte erst dann, wenn ich vor dem Gesetz auch gleich behandelt werde. Solange wir diskriminiert werden, uns der Wechsel in andere Berufe dadurch erschwert wird, unsere Kinder Ausgrenzung erfahren müssen, bin ich gegen unsinnige Gesetze die das Ganze noch verschlimmern. Erst Entstigmatisierung und Entkriminalisierung, dann können wir uns an einen Tisch setzen und über die Regelung der Sexarbeit nachdenken. So lange sich daran nichts ändert, vor allem der Wille dazu bei den Gesetzgebern nicht vorhanden ist und sich viele von uns vor der Gesellschaft verstecken müssen, wird sich die ganze Branche nicht ändern.

 

Vielen Dank Melanie für das Interview!

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