Sexualität ist in meiner Geschichte sowohl fatal als auch revolutionär. Mein Alias, erst Maria, jetzt Frieda Graf erzählt davon:
Vor einigen Jahren begann ich mein Keramikstudium mit dem Vorhaben, eine überlebensgroße Vaterfigur aus Ton zu bauen. Sie sollte mich beschützen.
Die dafür angefertigten Glasurproben mussten 13-15 cm groß sein, sodass man Farbe und Schmelzverhalten daran erkennen konnte. Die Glasuren, jeweils mit einer eigenen Rezeptur, nannte ich Jim, Jack, John oder Charly,...
Und ja, vielleicht schmunzelst du schon: aus diesen Cowboys entwickelten sich Keramikdildos und du kannst dir vielleicht vorstellen, welche schelmische Freude ich dabei hatte, das ganze Institut mit einer schieren Fülle von „Glasurproben“ zu fluten - vor allem nachdem ich feststellte, welche tiefe Erfüllung und ekstatische Höhepunkte sie mir bereiten konnten, nachdem ich sie ganz nach meinen Wünschen formte ;-)
Als Pendant zur Vaterfigur entstand später eine Variante aus Glas, die Mariendarstellungen aus der Kunstgeschichte aufgreift.
Die kalten Dildos bekamen in Gestalt flauschiger Felletuis ein Gegenüber: Das Harte darf ins Weiche, Männliches und Weibliches ergänzen sich in einem sehr, sehr sinnlichen Spiel...
Frieda Graf klingt mondän und hat Charakter. Einer Intuition folgend, benannte ich diese lustvollen Objekte nach meiner Großmutter väterlicherseits.
Auch nach ihr bin ich benannt, Frieda ist einer meiner Zweitnamen.
Welche emanzipatorische Kraft die Geste des Benennens in sich trägt, war mir in diesem Moment nicht bewusst:
1939 herrschte Krieg und Frieda Graf musste den Hof in der Schweiz verlassen, auf dem sie zu einer Hauswirtschaftslehre gegangen war.
Schwanger vom Hofherrn oder irgendwem, wir wissen es nicht, kehrte sie zurück in den rauen Schwarzwald und brachte meinen Vater - damals einen „Bastard“ - zur Welt. Notgedrungen heiratete sie einen jähzornigen Witwer, unter dem mein Vater litt.
Man kann sich den schmerz von Mutter und Sohn vorstellen, die Verluste und die Zerrissenheit.
Mein Vater reiste viel später in die Schweiz um seinen Vater zu suchen - niemand weiß, was er dort fand, er sprach nie darüber. Er und seine Mutter Frieda nahmen dieses Geheimnis mit ins Grab.
Diese Geschichte ist kein Einzelfall und Frauen wie auch Männer leiden unter einer Moral, die Sexualität derart dämonisiert. Diese ist ihrem Wesen nach doch lustbasiert und vergänglich aber sie bestimmt, wie wir leben und lieben. Dieses Konzept strukturiert unsere ganze Gesellschaft, bis heute.
Aber die Zeiten ändern sich und ich finde darin meinen eigenen, künstlerischen Umgang mit diesen Widersprüchen: ein sehr befreiendes progressives Biographieren.
Durch mein kürzlich erlebtes Coming Out spüre ich eine Anbindung an die Frauen meiner Familie, ich stelle mich in die Reihe meiner Ahninnen. Frieda Graf ist jetzt mein Alias und mein künstlerisches Schaffen verbinde ich so mit der Arbeit als Escort.
Das macht mich unglaublich dankbar, ich werde ein Stück vollständiger, erwachsener. Ich werde mehr ich selbst.
So persönlich diese Zeilen sind – sie erzählen auch von etwas, das größer ist als ich:
Von Würde, Sichtbarkeit und dem Geschenk, das unter jedem Tabu liegt.
❤️

