Diesen Karfreitagmorgen fasste ich mir ein Herz und begann:
„mama, du weißt, ich lebe schon immer ein recht unkonventionelles Leben und du bist Überraschungen von mir gewohnt…“
So offenbarte ich meiner Mutter mein Dasein als Escort.
Daraufhin erzählte sie mir, sie habe auf meinem Schreibtisch an Weihnachten das Schreiben vom Finanzamt über die Anmeldung des Prostituitonsgewerbes liegen sehen und fragte nun, ob also „küssen verboten“ sei.
Die tollen Erlebnisse, meine persönliche Entwicklung, die unglaubliche Bestärkung, die ich seit ganz genau zwei Jahren erfahren durfte, habe ich abgesehen von meiner schwester nicht mit meiner Familie geteilt, aus angst Sorgen zu bereiten.
Es entspricht nicht meinem Naturell, mich zu verstecken und ich wollte mit meiner Mutter durch meine Wahrheit verbunden sein.
Ich musste lachen, nein küssen ist nicht verboten… Meine Mutter sagte, dass sie sich überhaupt nicht wundere:
„Du hast ja schon so viele verschiedene Sachen gemacht, hast auf dem Bau gearbeitet“. Sie fragte lediglich - sehr pragmatisch - was sie den Nachbarn sagen solle.
„Ich hatte mir das früher auch mal überlegt, es blieb aber bei dem Gedankenspiel…“.
Das ist also meine Mutter!!!
Mit meiner schwester bereitete ich dieses Coming out mit sehr vielen behutsamen Gedanken vor. Wir waren uns nicht sicher, wie sie es verkraften würde. Tief in mir fühlte ich natürlich, dass meine Mutter sehr unbefangen ist aber ich hatte sie dennoch völlig unterschätzt!!!
Als sich später eine spontane Buchung zu ergeben schien während ich mit den beiden unterwegs war, schlug meine Mutter vor, sie könnte mich dort hin fahren und wieder abholen….
Kurz darauf, wir waren eingeladen zum Essen, fragte meine Tante und ihr Mann nach den neuesten Entwicklungen ihrer Nichten. Ich wollte, dass meine Mutter sofort erlebt, dass sie sich selbstverständlich mit den ihr nahstehenden Personen austauschen kann, also offenbarte ich auch hier meine Wahrheit.
Und wieder: eine völlig unaufgeregte und empathische Reaktion, keine Sorgen, kein Verurteilen und vor allem: keine Scham und Beschämung, dafür Offenheit und Anerkennung.
Meine Rolle in der Familie war lange nicht einfach, ich ging immer ungewöhnliche Wege, habe unangenehme Dinge ausgesprochen, habe mir viele Konflikte eingehandelt und das war oft schwer.
Stolz war meine Familie, wie ich das Referendariat als Gymnasiallehrerin abgeschlossen habe - was aber jetzt geschehen ist, rührt an einer viel tieferen Ebene: ich werde geliebt und akzeptiert, egal, was ich tue. Das habe ich nie vorher so deutlich spüren können.
Aber es geht noch weiter:
All das Gesagte manifestierte sich in der Geste meiner Tante:
„Komm, ich hab was für dich!“
In ihrem Schlafzimmer zauberte sie Spitzenunterwäsche von Dior, Seidenbodys und sehr heiße Kleider aus ihrem Schrank und gab sie mir und meiner schwester zur Anprobe.
Meine Mutter war wohl fassungsloser darüber, dass ihre eigene schwester diese heißen Teile besaß als über mein Outing!
Wie schon meine beste Freundin, die jetzt Mutter ist und mir ihre heißgeliebten Designerklamotten gab und wie meine schwester, die einen neuen Job begonnen hatte und ihre eleganten Teile aussortierte, sagte auch meine Tante:
„Ich brauche diese Kleidung nicht mehr, das ist jetzt für dich, du kannst es besser brauchen“ und schenkte mir ihre violetten Lederstiefel.

