Paysex zwischen Märchen und Realität
Gerade scheint eine neue Serie zum Thema Escort on air zu gehen. Ich habe schon den Trailer gesehen. Und erste Kritiken gelesen. Ein Publikum wird sie finden. Doch wenn Medien durch das Thema Sexarbeit führen, entsteht am Schnittplatz fast immer dieselbe Schablone: Es wird eine besonders wilde Geschichte erzählt, aber die Realität sieht völlig anders aus. Ich halte ja die Coming of Age Verfilmung über die Hamburger Domina Manuela für sehr gelungen. Das war vor gar nicht so langer Zeit im ZDF und jetzt hat die ARD das Thema Paysex für sich auch entdeckt.
Ja, es gibt ganz bestimmt hübsche Fassaden im Paysex, genauso wie das klassische Rotlicht, das auf sein Milieu reduziert wird und zu dem ich stets auf Abstand gegangen bin. Was mir im Übrigen nie schwergefallen ist.
Abseits der Storylines und Scheinwerfer trifft man schlicht auf einen hoffnungslos überlaufenen "Markt". Zumindest in Deutschland, wo es wohl so viele Sexworker gibt wie in kaum einem anderen Land Europas. Und obwohl es so viele sind: Solidarität ist in diesem Kontext ein seltenes Gut, Verdrängungswettbewerb der Standard.
Es gibt viele unschöne Themen, über die Medien gerne schweigen: Gewisse Mechanismen, Freierforen und die gesellschaftliche Doppelmoral gehören dazu. Man(n) profitiert liebend gerne vom Paysex, aber im echten Leben darf bloß niemand aus dieser Szenerie auffallen oder stören. Gesellschaftlich betrachtet ist die Akzeptanz von Sexworkern im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Ich nenne sie schlicht voremanzipiert. Und daran können auch feministisch angehauchte Diskurse einzelner Sexworker rein gar nichts ändern.
Und trotzdem gibt es Gründe, die für diesen Weg sprechen, der keine Einbahnstraße sein muss. Vorausgesetzt, er verläuft wirklich selbstbestimmt. Doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und selbst wenn man diese Autonomie hat, landet man nicht auf Paradise Island, sondern auf einem ziemlich isolierten Posten. Ein Terrain, das wie gemacht ist für kompromisslose Einzelgänger. Man braucht ein verdammt dickes Fell und die Bereitschaft, gesellschaftlichen Vorurteilen stur die Stirn zu bieten.
Die Moral von der Geschichte ist deshalb weder reine Verbitterung noch bunter Medien-Hype: Freie selbstbestimmte Sexarbeit gibt es, aber sie ist selten und einsam.
