Meine schwangere Freundin sieht mich aufmunternd an. "Es ist ja nur eine Woche bei der Verwandtschaft. Und 2024 klappt es bestimmt mit der großen Liebe. Ich hab ein gutes Gefühl!". Ich drehe innerlich die Augen. "Klar", sage ich. Ihr Gesicht wirkt plötzlich etwas blässlich, sie sieht mich entschuldigend an. "Erste Tür links", sage ich und sie stürmt los. Während sich das gute Gefühl in meinem Badezimmer übergibt, mache ich eine geistige Notiz nächstes Jahr Weihnachten auf eine einsame Insel zu ziehen.
Alle Jahre wieder muss ich mich nämlich beim Heimatbesuch fragen lassen, warum ich denn noch immer Single bin. Dass ich als Escort unterwegs bin haben sie locker genommen. 50 Wochen im Jahr wissen sie auch, dass ich auch solo glücklich bin. Aber Single zum Jahresende ist für sie eine Todsünde. Und jedes Jahr tun sie deshalb alles, um mich doch noch vor Neujahr an den Mann zu bringen.
Vor einer Woche hat meine Mutter mir mitgeteilt, dass meine n ihre Verlobten mitbringen. Sie schickte mir eine Skizze der Personen am Tisch und kästelte alle Paare ein. Nur ich war kastenlos. Ob mir was auffalle, wollte sie wissen. Ich textete zurück: "wird eng unterm Baum". Ich fragte sie ob mein Cousin Sean kommt. Der ist wie ich chronisch Single und der einzige der mir beistehen könnte. "Ja. In Begleitung", schreibt n. Mist. So ein mieser Verräter!
Kaum daheim angekommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Mein Onkel teilt mir noch im Flur mit "Du bist doch jung und frisch! Da muss jetzt mal etwas Beständigkeit in Dein Leben." Ich erinnere ihn an die Beständigkeit seiner letzten drei Ehen. Er trollt sich. n fliegt mir um den Hals, nimmt meine Tasche. "Schön dass Du da bist, Jana. Beeil Dich, André wartet sicher schon." Sie zwinkert mir verschwörerisch zu.
Mit verschränkten Armen lehnt André am Türrahmen des kleinen Cafés. André ist das, was man in meiner Heimatstadt als beau gosse bezeichnet. Ein Bild von einem Mann. Seit ich denken kann sind wir befreundet. Unsere Mütter denken, wir seien füreinander bestimmt. Wir denken das kein bisschen. Ausserdem steht André auf Jungs. Als er mich sieht, tippt er sich mit dem Finger an die Mütze. Same procedure as last year, Jana? - Same procedure as every year! Dann gehen wir hinein, trinken heiße Schokolade, plaudern, lästern und amüsieren uns über alle, die stehenbleiben und uns versichern wir seien "so ein schönes Paar".
Auf dem Heimweg ruft jemand meinen Namen. "Jana! Ihr Vater sagte ich könne Sie hier finden. Sie sehen sehr hübsch aus. Wie lange bleiben Sie?" Oh Gott, denke ich, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. "Hallo Jean-Louis." JL ist der Sohn eines Kollegen meines Vaters, um die 30 und ein sehr netter Kerl. Allerdings spricht er mit der Geschwindigkeit eines Faultieres. Ich sage mir, dass der arme Mann ja nichts dafür kann, Opfer eines perfiden Familienplans geworden zu sein und wir unterhalten uns eine Weile.
"Und?", will mein Vater wissen als ich heimkomme. "Hast Du ihr etwa das Faultier auf den Hals gehetzt?", schaltet sich Tante Polly ein. "JL ist Leistungssportler. Sprinter!", protestiert mein Vater. "Donnerwetter", sagt Polly, "dass der vor 30 Jahren mal der schnellste gewesen sein soll, kann man sich kaum vorstellen." Ich nutze die Chance, schleiche in das mir zugedachte Zimmer, schließe die Tür, ziehe entnervt den Rolli übern Kopf und suche in BH und Jeans meine sieben Sachen zusammen. Jetzt eine heiße Dusche! "Da ist ja mein Date", kommt es aus einer Ecke hinter mir. Sean! Mein Cousin hockt auf dem Bett und grinst schief. Mit schwarzen Haaren und Bart schaut er aus wie eine Kopie von Drew McIntyre. Bevor ich den Pulli wieder anziehen kann, wirbelt er mich um die eigene Achse schaut an mir runter und befindet: "kann sich doch sehn lassen, Cousinchen. Jetzt ab unter die Dusche und schick gemacht. Ich habe allen gesagt, ich bringe eine ganz tolle Frau mit. Auf die Gesichter am Tisch bin ich gespannt! Die werden froh sein wenn sie erfahren, dass wir weiterhin Single sind."