Mach Dich schick, wir gehen aus! André textet mir Zeit und die Adresse einer bekannten Hotelbar. Ein entspannter Abend mit meinem besten Freund - genau was ich jetzt brauche.
Aufgebrezelt und gut gelaunt erreiche ich das Hotel. Die Lobby ist brechend voll. Ein paar Plakaten im Eingangsbereich entnehme ich dass es sich um eine internationale Konferenz handelt. Eine von vielen in meiner Heimatstadt. Begleitet von Gesprächsfetzen und verhaltenen Jazzklängen aus leicht knarzenden Lautsprechern, bahne ich mir den Weg durch die Anwesenden. Jeder ist angemessen herausgeputzt und trägt ein Namensschild mit Landesflagge das ihn einer Firma oder Delegation zuordnet. Dazwischen Kellner mit Tabletts voller Sektgläser. Ich will gerade den schweren Samtvorhang zur Seite schieben, der Lobby und Bar trennt, als ich merke wie mich jemand beobachtet.
Ich drehe mich um und entdecke einen Mann um die 50, Brille, groß, wenig Haar dafür etwas mehr Bauch. Er steckt in einem Nadelstreifenanzug, der ihn teuer aber unvorteilhaft aussehen lässt. Der Nadelstreifenmann steuert direkt auf mich zu. Sein Namensschild entlarvt ihn als Herrn B von Firma A. Er macht einen weiteren Schritt in meine Richtung, ich einen zurück, er zwei nach vorn. Schließlich bleibt er so nah vor mir stehen, dass ich befürchte, sein Aftershave wird gleich mein Parfüm auscanceln. Instinktv setze ich mich wieder in Bewegung. Er folgt mir. Mir reicht es. Ich bleibe vor dem Vorhang stehen, drehe mich um. Er steht da, starrt an mir runter, wieder rauf, sucht mein Namensschild und scheint verwirrt. Ja, denke ich, such nur. Ich trage keine Hundemarke, ich bin nicht im Dienst. Er streckt den Finger aus, zeigt auf die Stelle wo mein Namensschild sein müsste und ist dabei den Mund aufzuklappen. Ich will jetzt nicht reden. Also nicke ihm kurz zu, wünsche ihm "Bonne soirée", ignoriere dabei geflissentlich die deutsche Flagge auf seinem Namensschild, und schiebe mich an ihm vorbei durch den Vorhang.
André sitzt bereits an der Bar. Ich gehe zu ihm, er zieht mich in die Arme. Dann macht er eine Kopfbewegung in Richtung Vorhang. "Was hast Du denn da angeschleppt?" Ich drehe den Kopf und erspähe den Mann aus dem Foyer. Och Nö! "Ich kenn den Kerl nicht. Der ist leicht creepy." Ich erzähle André mein Erlebnis in der Lobby. "Ich hasse es wenn Leute einem so hinterherscharwenzeln. Das ist als ob Du einen Magneten verschluckt hast und ständig hängt Dir einer am..." "Hier, trink erstmal was." André drückt mir grinsend ein Cocktailglas in die Hand und bewahrt mich vor verbalen Entgleisungen. Mein bester Freund legt einen Arm um meine Schulter. "Keine Sorge, jetzt wenden wir uns schöneren Themen zu."
Wir plaudern eine Weile. Ein letzter Blick zum Vorhang, der Nadelstreifen-Typ ist weg. André nimmt einen schwarz glänzenden Umschlag aus dem Jacket, schiebt ihn über den Tresen zu mir. Dann sieht er sich verschwörerisch um und tut als suche er nach Beobachtern. "Hier, für Dich. Kleine Überraschung. Schau ruhig nach. Ich bin gleich wieder da." Dann zwinkert er mir zu, steht er auf und läuft Richtung Lobby. Ich werfe einen kurzen Blick in den Umschlag ohne den Inhalt herauszuziehen. Wow. Ich muss lächeln. André kennt mich eben.
Gerade will ich einen weiteren Schluck vom Cocktail nehmen, als sich jemand sehr dicht neben mich an den Tresen schiebt. Ich sehe Nadelstreifen. Mist. Es ist der Mann aus dem Foyer. Lord have mercy, denke ich, aber da legt er schon los.
To be continued...

