Es gab eine Zeit in meinen Spätzwanzigern, in der ich mein Leben sehr präzise durchgeplant hatte. Ich arbeitete an meiner Promotion in Kunstgeschichte, träumte von einem eigenen Galerieprojekt und brauchte schlichtweg Geld – ohne mir dafür die Nächte in schlecht bezahlten Gastro-Jobs um die Ohren zu schlagen. Transaktions-Dating war für mich die perfekte, pragmatische Lösung: klare Verhältnisse, Zeit gegen Aufwandsentschädigung, kein Beziehungsdrama.
An einem verregneten Donnerstagabend hatte ich eine Verabredung mit einem neuen Kunden in einer stilvollen Hotelbar. Ich war erschöpft von der Woche und stellte mich mental auf das übliche Programm ein: ein bisschen Smalltalk, ein verklemmter Typ und schnelle Pflichterfüllung.
Dann traf ich Jan.
Jan – eigentlich ein absolut konventioneller Typ – saß im besten Anzug an der Bar und strahlte eine Nervosität aus, die man sonst nur von teenagern vor dem ersten Schultanz kennt. Kaum hatte ich mich gesetzt und meinen Gin Tonic bestellt, wollte er die „Formalitäten“ abwickeln. Er druckste herum, lief rot an und schob völlig verlegen ein Kuvert über den Tisch.
Ich musste unwillkürlich lachen und schob das Geld direkt zu ihm zurück. „Jan“, sagte ich, „wir haben noch nicht einmal getrunken. Du zahlst hier nicht für Fließbandarbeit, sondern für eine schöne Zeit. Entspann dich.“
Was als kühle Dienstleistung gedacht war, entwickelte sich zu einem der faszinierendsten Abende, die ich seit Langem hatte. Jan taute langsam auf, und plötzlich redeten wir stundenlang über moderne Kunst, gescheiterte Lebensentwürfe und die Absurdität des modernen Beziehungsmarktes. Die Chemie zwischen uns war phänomenal – wenn auch auf eine wunderbar intellektuelle Weise.
Nach drei Stunden Tränenlachen neigte sich der Abend dem Ende zu. Als wir vor dem Hotel standen, zog Jan treudoof wieder das Kuvert heraus.
Ich sah ihn an, schüttelte den Kopf und musste lächeln. „Weißt du was? Ich hatte heute den anstrengendsten Tag der Woche und dachte, ich müsste gleich jemanden bespaßen. Stattdessen hatte ich einen fantastischen Abend. Das geht heute aufs Haus – wir sind quitt, weil du meinen Tag gerettet hast.“
Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange, stieg ins Taxi und sah im Rückspiegel, wie er völlig perplex im Nieselregen stand, das Geld noch immer in der Hand.
Wir haben uns nie wiedergesehen. Aber dieser Abend hat mir etwas wichtiges gezeigt: Egal, wie sehr wir versuchen, Zeit, Nähe und Intimität in starre Verträge zu pressen, um uns abzusichern – am Ende sitzen sich immer noch zwei Menschen gegenüber. Und echte menschliche Zwischenbeziehungen halten sich selten an das, was im Skript steht.

Was für eine schöne Geschichte, die nur das Leben schreiben kann...