* fürs bessere Verständnis schau gern zuerst in Teil 1 'Operation Pudelmütze'
Noch knapp zwei Tage bleiben, bevor es aus dem hohen Norden wieder in die platte Realität geht. Zwei wundervolle Tage, in denen ich die Welt draußen einfach vergesse. Sie ist eh dick mit Schnee bedeckt. Den Großstadttrubel habe ich längst ausgeatmet. Mit der eisigen Luft strömt auch die Ruhe in meinen Körper. Jedesmal wenn man ins Freie tritt, ist die Wand aus Kälte ein Schockmoment. Es prickelt auf der Haut wie tausend kleine Nadelstiche, lässt Hände und Füße mehr als einmal taub werden, mein Date muss mich gelegentlich auffangen oder aus dem Schnee retten, weil die Beine nicht mehr tragen. Dennoch: Alles fühlt sich unglaublich lebendig an. Ich merke wie sich trotz gelegentlicher Frier-Attacken die Muskeln entspannen, der Kopf den Alltagstrubel zur Seite schiebt. Nachdem ich mich wohl oder übel damit abgefunden habe, dass großes Makeup hier oben völlig sinnlos ist und mein Date mich auch au naturel anschaut wie ein verliebter Welpe, erlaube ich mir, mich für den Augenblick ganz ok zu finden. Kälte soll ja eh gut gegen Falten sein.
André erkundigt sich gelegentlich per Text, ob ich schon erfroren bin und leitet Bilder unserer Freundinnen von ihren Escort-Einsätzen in Dubai und Bali weiter. "Scheint, Du bist die Frau fürs Grobe", kommentiert André, als ich Fotos aus dem Schnee sende. "Ja", tippe ich zurück "ich machs wie Springsteen: tougher than the rest, honey" und dann füge ich hinzu:
"Vergiss Bali. Es ist umwerfend schön hier oben. Ich würde mit niemandem tauschen wollen." Als ich das Handy ausmache wird mir klar, dass ich das wirklich so meine. Die Abgeschiedenheit, die Kargheit, die eisige Kälte, der Schnee, das alles sorgt dafür, dass ich mich wie in einer Seifenblase fühle. In weniger als 36h wird sie platzen. Dennoch für den Moment sind die Probleme irgendwie draußen geblieben. Ein Blick auf mein Date sagt mir, dass er sich im selben Schwebezustand befindet. Wir lernen uns besser kennen, als uns lieb sein könnte, lachen viel, verbringen den Abend eingekuschelt am Kamin.
In der Nacht habe ich Durst. In weißem Schlüppi, weißem Schlafshirt und weißen Flauschsocken schleiche ich in die Küche. Nach zwei Schritten friere ich. Kurzum greife ich zur weißen Pudelmütze. Ganz in weiß sehe ich aus wie ein Schnee-Gespenst. Nur gut, dass mein Date schläft. Das Feuer im Kamin flackert noch schwach und wirft kleine Schatten. Ich erinnere mich an meine Grundschulzeit in Frankreich. "Wenn uns kalt ist, hilft Bewegung", hatte die Lehrerin uns damals eigebläut. Und so versuche ich es mit ein paar Hampelmännern vorm Kamin, hüpfe auf und ab, schwinge die Arme. Nur gut, dass mein Date schläft. Mir wird gerade klar, wie kurios meine Aufwärmsprünge aussehen müssen, als hinter mir jemand sagt: Janaaaa?!?
Sch... Ich möchte sterben. Mit gesenktem Kopf drehe ich mich um. Als ich unter der Mütze hervorschiele, sehe ich wie sich mein Date vor Lachen krümmt. "Ich habe riesige Schatten an der Wand gesehen", bringt er prustend hervor. "Ich dachte da ist ein Tier im Haus!" Ich murmele etwas unverständliches. Und dann lachen wir gemeinsam. Mein Date und das Jana-Tier.
Die restliche Zeit schaffe ich ohne größere Fauxpas. Und als es Zeit für die Rückreise wird, weiss ich, dass ich die Zeit hier oben vermissen werde.

