Wenn zwei sich bewusst auf eine körperliche Begegnung einlassen, ist es einfach.
Umso leichter im unbekannten Rahmen. Reize, Kontext – und der Körper reagiert.
Ein einfaches Spiel.
Oder?
Reaktion ≠ Verbindung
Spannung ≠ Bedeutung
Nähe ≠ Tiefe.
Tatsächlich?
Immer?
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Irgendwo, irgendwann, in einem Französischunterricht, sprang mir ein Satz ins Auge:
Lea et Jules sont polyamoureux et vivent chacun avec d’autres partenaires.
Ganz selbstverständlich. Als würde dort stehen, dass sie morgen zusammen Kaffee trinken.
Ich grinste, machte ein Bild und schickte es meinen Freunden mit dem Kommentar:
„Was wäre ein Franzose ohne plaisir? Klar – ein Deutscher.“
Da mir damals die Erfahrung fehlte, kapierte ich gar nicht, was da stand. Für mich war das alles eins: Polyamorie, Promiskuität – mehr Partner, mehr Auswahl, mehr nicht. Alles dasselbe.
Heute sehe ich den Unterschied klar.
Promiskuität beginnt mit einem Impuls.
Ihr Statement ist klar: Ich will.
Polyamorie beginnt mit dem, was sich danach nicht einfach wieder abduschen lässt.
Ihr Statement ist komplexer: Ich bin berührt.
Promiskuität lebt im Moment,
Polyamorie lebt im Danach.
Promiskuität bestätigt,
Polyamorie verändert.
Und dazwischen liegt ein sehr feiner Grat – umso feiner im Escort-Rahmen: Man darf sich gegenseitig nicht zu viel gefallen, aber auch nicht zu wenig.
Zu wenig – und er kommt nach dem ersten Date nicht wieder.
Zu viel – und er kommt nach ein paar Dates nie wieder.
So kann man die schönsten Dates verlieren. Nicht, weil sie schlecht waren, nicht, weil der Reiz verschwindet, sondern weil sie zu stimmig wurden.
Weil es irgendwann nicht mehr nur die Vorfreude auf ein begrenztes Wiedersehen ist, sondern jemand beginnt, sich einzuschleichen.
In Gedanken. Im Alltag. An Stellen, an denen er nichts verloren hat-
Unmerklich.
Und unmerklich kommen andere Namen.Andere Bilder-
Meine Muse. Meine Wintersonne. Mein Geschenk. Meine Poesie.-
Man genießt es und spiegelt es, indem man dem anderen dieses Bild zurückgibt. Und beginnt, sich ineinander aufzuladen.
Und für einen Moment sieht man sich wirklich.
Ich frage mich manchmal: Passiert es uns – oder erzeugen wir es selbst, weil wir genau das fühlen wollen, obwohl wir wissen, dass es keinen Platz hat. Nicht in einem Leben, das längst gefüllt ist.
Also geht man auf Abstand.
Wir sind hier doch schließlich keine Franzosen.
Ich habe den Eindruck, wir akzeptieren immer mehr, dass Körper und Treue nicht zwingend zusammengehören. Aber Herz und Treue – klar, die gelten als in Stein gemeißelt.
Doch was ist, wenn das Herz kein Einzimmerapartment ist, sondern ein Haus mit mehreren Räumen – und jeder davon hat seine Berechtigung?
Wenn dem so ist, dann bedeutet es nur eines:
eine emotionale Bindung verschwindet nicht, nur weil es eine zweite gibt – oder gar eine dritte entsteht.
Das ist keine Beliebigkeit.
Das ist eine Gleichzeitigkeit.
Wir akzeptieren ganz selbstverständlich, dass man mehrere Kinder lieben kann. Ohne Abstriche und ohne Rangliste. Niemand verlangt, dass man sich entscheidet.
Warum glauben wir dann, dass das, was wir als Erwachsene empfinden, sich gegenseitig ausschließen muss?
Vielleicht sind Gefühle gar nicht exklusiv. Vielleicht sind sie gar nicht dazu gedacht, es zu sein. Vielleicht ist es einfach nur unsere Vorstellung davon.
Es ist doch schon viel, überhaupt etwas fühlen zu können.
Nur hat nicht alles davon Platz in den Strukturen, die uns schützen. Oder ehrlicher gesagt: in den Strukturen, die wir schützen.
Und beides verlangt uns etwas ab –
das, was uns hält
und das, was uns bewegt.
Nicht immer aus derselben Quelle.
Oft genug nicht.

