Gestern am Telefon: meine älteste Freundin.
Seit über 30 Jahren kennen wir uns. Vieles haben wir gemeinsam erlebt, noch mehr getrennt. Und trotzdem sind wir einander geblieben.
Sie kennt fast alles von mir. Nur die Frau, die ich in den letzten eineinhalb Jahren auch geworden bin, kennt sie nicht.
Ihre Beziehung wirkt im konventionellen Sinn perfekt: Haus, Kinder, Stabilität, Verlässlichkeit. Ein Bilderbuch nach außen.
Nur Sex gibt es keinen. Seit Jahren.
„Weißt du“, sagt sie leise, „nachts habe ich manchmal diesen Traum. Zärtlichkeiten mit einem fremden Mann. Immer wieder derselbe.“
"Zärtlichkeiten".
Unser Wort aus Jugendtagen, als wir uns nicht trauten, „Sex“ zu sagen.
Sie benutzt dieses Wort noch immer. Ich nenne die Dinge inzwischen anders.
Ich frage sie vorsichtig, ob sie sich vorstellen kann, so für immer zu leben. Ob sie je an eine Affäre gedacht hat. Oder ob sie glaubt, dass ihr Mann vielleicht eine andere hat. Er ist doch auch 'nur ein Mensch'.
Sie schüttelt den Kopf.
„Nein. Er hat niemanden. Sex war nie seins. Und ich … ich kann mittlerweile auch nicht mehr mit ihm. Es ist ja fast wie mit einem Bruder.
Eine Affäre? Nein. Das würde alles sprengen. Dann müssten wir uns ja trennen.“
Ich nicke. Verständlich. So habe ich früher auch gedacht.
Sobald ich in einer Beziehung einen anderen Mann begehrte, bekam ich angst. Für mich war das ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Wenn wir uns wirklich lieben, dachte ich, darf es keinen anderen geben.
Also beendete ich Beziehungen – gute Beziehungen. Nicht, weil ich nicht geliebt habe, sondern weil ich mein eigenes Begehren nicht einordnen konnte.
Und ich ging.
Ich hielt es für einen Hinweis darauf, dass etwas faul ist. In mir. In uns.
Heute sehe ich das anders.
Mein Begehren ist kein Defekt. Es ist einfach da.
Ich mag unterschiedliche Energien. Unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Arten zu sprechen, zu küssen, sich vorzutasten.
Ich mag die, die langsam näher rücken.
Und auch die Direkten, die kaum Geduld haben.
Und ich liebe unterschiedliche Hände auf meiner Haut.
Sichere Hände. Zögernde Hände. Hände, die wissen, was sie tun. Hände, die zuerst fragen.
Jede Hand fühlt sich anders an.
Kann man alles in einer Person finden?
Ich habe noch niemanden getroffen – weder eine noch einen –, der im Begehren alles in einer einzigen Person gefunden hat.
Habt ihr?
Vielleicht muss man das auch gar nicht.
Lange dachte ich, Lust und Liebe seien dasselbe.
Und dass man sich entscheiden muss:
Heilige oder Hure.
Rein oder maßlos.
Exklusiv oder moralisch fragwürdig.
Ich habe lange versucht, in diese Logik zu passen.
Heute weiß ich für mich nur:
Begierde ist eine eigene Bewegung. Sie folgt Impulsen, die sich moralisch nicht disziplinieren lassen.
Meine Freundin träumt nachts von ihren Zärtlichkeiten mit einem fremden Mann. Ich lebe meine – ohne mich vor mir selbst zu schämen.
„Sag, Emmy“, sagt sie irgendwann, „wie siehst du das eigentlich? Was würdest du an meiner Stelle tun?“
Ich schweige.
Ich darf ihr meine Sicht nicht aufstülpen.
Aber wenn ich sprechen würde, würde ich sagen:
Dass für mich das Ausleben von Sehnsüchten nichts mit Wahllosigkeit zu tun hat, sondern mit Lebenshunger und mit der Erkenntnis, wie verdammt vergänglich alles ist.
Dass ich zwar an (Ver)Bindungen glaube – jedoch nicht an Monogamie.
Und dass diese meine Einstellung Konsequenzen hat.
Man muss dann mit mehreren Wahrheiten leben.
Das ist manchmal schwer tragbar.
Aber das ist der Preis.
Aber darüber spricht man nicht.
Man behält die Fassade.
Man hält den Mund.
Und irgendwann kommt ein sehr angenehmer Punkt, an dem die Notwendigkeit verschwindet, alles erklären zu wollen und zu müssen.

