Lockdown - Fluch oder Segen?


Anonymous

Empfohlene Beiträge

Mit dieser Frage bin ich "ins Gericht" gegangen und habe lange für ein Urteil gebraucht.

Der Lockdown 2.0 im November 2020 hat etliche Branchen hart getroffen - er kam ganz plötzlich und wollte einfach nicht enden.
Als Unternehmer beschrieb ich meine Situation damals wie folgt:
"Es ist ein unerträglicher emotionaler Zustand in dem ich mich gerade befinde - ich bin gefangen in der Verzweiflung darüber keine Kontrolle mehr über die geschäftliche Situation zu haben und verspüre unbeschreibliche Existenzangst."

Die ersten drei Monate drehten sich meine Gedanken nur darum, ob und wie man diesen endlos erscheinenden Lockdown übersteht - das Geld wurde täglich knapper und der Verstand schien allmählich zu verkümmern...eine meiner Eigenschaft ist schon immer Ungeduld gewesen - alles musste immer am besten sofort funktionieren und wenn nicht dann bin ich sprichwörtlich "mit dem Kopf durch die Wand".

Blockiert in dieser Wartestellung wurde mir ab dem vierten Monat bewusst, dass es nichts bringt sich in diesem Gedankenkarrussel zu verlieren und dass gerade rein gar nichts mehr in meinen Händen liegt - als erstes beschäftigte ich mich einmal genauer mit meiner ungewissen Zukunft ohne mich dabei weiter an mein Geschäft zu fesseln - was gibt es für Alternativen, was könnte Plan B sein, wie kann ich meine Zwangspause nun sinnvoll nutzen?

Ich begann ein Fernstudium zur Erweiterung meines Maklerscheins, welcher seit Jahren schon in einer Schublade für schlechte Zeiten "herumoxidierte".
Den Input, welchen ich dabei erfuhr brachte mich dann gänzlich zum Umdenken - plötzlich beschäftigte ich mit der Frage nach dem Sinn in meinem Leben...früher wurde ich oft gefragt, was für Hobbies ich denn hätte und meine Antwort war: "Ich hab keine Zeit für Hobbies - mein Hobbie ist mein Geschäft."

So war es und so dachte ich - in dem Moment, als mir bewusst wurde wie traurig es eigentlich war "Sklave meiner eigenen Existenz" zu sein und womit ich damals dafür eigentlich bezahlt habe...ich reflektierte wie viel Druck ich mir all die Jahre selbst machte - immer perfekt sein zu müssen - finanziell unabhängig zu bleiben - stets nach mehr zu streben, etc...ich hatte Höhen und Tiefen, aber nie eine gesunde Balance in meinem Leben...dies führte zu regelrechten Raubbau an der eigenen Person - ich spielte mich selbst kaputt - 24/7 und das 365 war ich nur auf meinen Betrieb fixiert - ein absoluter Controll-Freak...ich war impulsiv, in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, vernachlässigte die Familie und war langsam aber sicher dem Alkohol zugeneigt - quasi gefangen in einer tiefen Depression kurz vor einem Burn-Out.

Doch als plötzlich dieser ganze Stress, den ich mir zum großen Teil selbst machte, von mir abfiel, fing ich an mich ganz auf mich und meine Bedürfnisse zu konzentrieren - alles was schädlich für mich war, entfernte ich soweit wie möglich aus meinem Leben - ich begann mit Dingen, die ich schon immer tun wollte, es jedoch ständig vor mir herschob, weil ich mir früher einfach keine Zeit dafür gegönnt habe - ich begann beispielsweise mit dem Klavierspielen und meldete mich bei Babbel an, verbann den Alkohol, ernährte mich wieder bewusst, etc...heute geht es mir endlich wieder gut, weil ich mir einige kleine Inseln für die verdienten Auszeiten schaffen konnte.

Mein Fazit: Für mich war der Lockdown mehr als nur eine Zwangsstillegung meines Berufs, sondern ein Prozess, um mit mir selbst ins Reine zu kommen und mir einen besseren Lebensweg aufzuzeigen - er hat mich entschleunigt und in meiner inneren Mitte ankommen lassen...doch der größte Effekt daran war, dass das Wort Geduld endlich in meinem Vokabular existiert ;)

Und jetzt ihr...war der Lockdown ein Fluch oder Segen für Euch?

  • Ich liebe es! 6
  • Gefällt mir 1
Link zu diesem Kommentar

Sehr positive Entwicklung, Respekt.

Ich befürchte allerdings das es nicht jedem gelungen ist den "Segen" in der Situation zu finden.

Deine Geschichte zeigt aber deutlich das es nur Sinn macht den "Segen" zu suchen anstatt zu "fluchen".

  • Ich liebe es! 1
Link zu diesem Kommentar

Wie immer im Leben: Beides!

Ich hatte das große Glück, dass ich sozial nicht verkümmern musste, da ich einige Leute um mich herum hatte. Beruflich war ich lange vor Corona darauf eingestellt, meinen Job online zu verrichten, die Präsenztermine fingen jedoch sehr schnell an, mir zu fehlen.

Aber ich kann Dir beipflichten, Evelyn, dass es zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstreflexion gab. Es bleibt immer jedem überlassen, wie er/sie sie nutzen will. Das ist immer abhängig von sehr vielen, sehr individuellen Faktoren. Es ist mir aber gelungen, den einen oder anderen Menschen aus meiner Umgebung zu trösten, aufzurichten und hier auch positive Akzente zu verdeutlichen, damit diese Menschen mit der Situation wieder etwas besser zurecht kamen.

Heute ist das Thema, Gott sei Dank, nicht mehr akut, wir können shoppen, feiern, uns treffen. Aber wir sind gewarnt und sicher bei einer nächsten solchen Situation besser gewappnet.

  • Sexy 1
Link zu diesem Kommentar
×
×
  • Neu erstellen...