Wie Jochen Werner, einer der Kuratoren des Filmfestivals, sagte, werde bei solchen Events auf „Massentauglichkeit“ geachtet - also bloß nicht zu experimentell und „funny & sexy“. Heute jedoch erwarte das Publikum „sehr Experimentelles“, aber nicht weniger „funny and sexy“. Er sollte Recht behalten.
Gezeigt wurden acht Kurzfilme, die rein gar nichts mit dem sogenannten „Mainstreamporno“ gemeinsam hatten. Und doch war alles dabei, was man von einem Pornfilmfestival erwartet: die Verbindung von „einfachem Sex und Schmerzen“, in „Action Paiting No. 1 / No. 2“. Eine brasilianische Produktion, ästhetisch und ekstatisch inszeniert, wenn auch sehr geradlinig. „La Mascara“ thematisiert Objektfetische mit Exhibitionismus. Einen „Liebesbriefwechsel“ zweier Frauen erzählt „Tell me when you die“, der die vaginale Wahrnehmung und Präsenz in expressiver Art in den Fokus des Films setzt. Sehr ungewöhnliche Fetische (wo fangen Fetische an, ungewöhnlich zu sein?) werden in „Family Business“ thematisiert: Highheels als Gartenwerkzeug. Es gibt Gartenschuhe, Erde, Trans-Darsteller*innen und Speichel. Das ist höchst experimentell und Avantgarde, beklemmend und befreiend zugleich.
Mehr eine gefilmte Kunstinstallation als ein tatsächlicher Film wurde mit „Break“ gezeigt: Zwei quadratische Leinwände zeigen 14 Minuten lang - untermalt von einer verzerrten Trip-Hop'esquen Musikkulisse - Polaroidfotos von verliebten Pärchen und Meereswellen. Verliebt, romantische Aufnahmen wechseln sich mit phonografisch-expliziten Momentaufnahmen ab.
Der „Klassenkasper“-Film der Auswahl, mit etwa zwei Minuten der kürzeste, ist eine Hommage an die 80er Jahre und VHS-Kassetten: „The Shadow of your Smile“. Wer kennt das nicht: Wie oft wurden die relevanten Ausschnitte in Filmen von Bandschäden in Form von Störungen überlagert? Die daraus entstandene Situationskomik wurde im Publikum, das VHS nicht mehr kennen dürfte, lachend honoriert.
So geht das weiter: Si-Fi, Cyberpunk und Porno, das passt wie die Faust aufs Auge. Das dachten sich wohl auch zwei recht „nerdige“ Jungs aus Berlin. Sie filmten einen Dreiteiler über „Cybersex“, wie ihn sich die meisten vorstellen würden: Erlebnisse werden digital aufgezeichnet, gespeichert und jemand Drittes kann sich dieses „Erlebnis“ über seine digitalen Implantate, die eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer herstellen, einspeisen und nacherleben. Schade nur, dass da ein Orgasmus schon mal ein paar Synapsen im Hirn durchbrennen lassen kann. Inspiriert von Neuromancer, „The Matrix“ und diversen Videospielen wie beispielsweise „System Shock“ wurde der Film in zwei Tagen gedreht, gefolgt von einer neunmonatigen Postproduktion. Dem hier gezeigten zweiten Teil „Neurosex Pornoia, Episode 2“ soll im Herbst dieses Jahres bei Pornflimfestial der dritte und letzte Film dieser Trilogie folgen.
Der wohl interessanteste Beitrag war ein „mit Tänzer_innen eingespielter Pornofilm“, sagte David Bloom, Produzent und Regisseur. Diese Idee war ursprünglich für die Bühne gedacht. Bloom merkte aber schnell, dass solch explizite Szenen schwer einem Bühnenpublikum zu vermitteln sind. So entstand der erste Film mit fünf Tänzer_innen: zwei Männer, drei Frauen, eine von ihnen schwanger. In wenigen Worten: Urban_Berlin – Hipster – Polyamorie - Jede_r liebt Jede_n – BDSM. Eine Amalgamierung mit zeitgenössischen Ausdruckstanzszenen und einer düsteren musikalischen Untermalung.
Beeindruckend umgesetzt, obwohl dieses „Böhrlin-poly-Hipster-Flair“ mittlerweile einen leicht fahlen Nachgeschmack hinterlässt. Dennoch darf man auf Blooms zweiten und dritten Film gespannt sein. Der dritte, ebenfalls ein Tanzfilm, aber eingespielt mit Pornodarsteller_innen. Dafür sucht er noch Produzent_innen.
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