Fremde Menschen predigten mir seit Kindertagen, was ich alles nicht tun soll. Das nennen sie Moral. Hierzulande steht Moral überall hoch im Kurs. Schüler lernen von ihren Eltern, Familienmitgliedern, im Ethikunterricht oder in der Kirche viel über Moral. Auch Politiker und Promis hören sich selbst gerne darüber reden, so mein Eindruck. Nicht zu lügen und Frauen, welche einem anderen „gehören“, nicht zu wollen, sind beliebte moralische Ermahnungen. Vor meinem ersten Callgirl, also meinem ersten Pay6, schien mir eben dieser vollkommen unmoralisch zu sein. All die fremden Menschen mit ihren Morallehren würden mich für ein Pay6-Abenteuer ächten. Die eigene Familie würde es wenigstens unmoralisch von mir finden. Aber nach meinem ersten Callgirl, also meiner ersten eigenen Pay6-Erfahrung, dämmerte mir, wie ehrlich Pay6 ist. Es fängt damit an, dass ich keinen Ehebruch provoziere oder die Frau eines anderen stehle, sondern eine Dienstleistung in Anspruch nehme. Ich bin nicht gezwungen, einer attraktiven Frau falsch Zeugnis hinsichtlich meiner unendlich großen Liebe ihr gegenüber zu reden. Ich brauche sie nicht zu „verarschen“, um Sex mit ihr haben zu können. Sie sagt mir ehrlich, wie hoch ihr Honorar ist, damit ich über einen vorher festgelegten Zeitraum Sex mit ihr haben darf. Genauso ehrlich kommuniziert sie mir Art und Umfang ihres Angebots. Auf diese Weise bin ich vorher darüber informiert, welche sexuellen Spielarten möglich oder nicht möglich sein werden. Hinterher quält mich kein schlechtes Gewissen, weil es ehrlich nur um Sex gegen Geld ging. Außerdem kann ich ehrlich über meine ganz egoistischen Wünsche reden, ohne wirklich negative Folgen befürchten zu müssen. Ich brauche mich vor einem Callgirl nicht zu verstellen. Ich muss ihr nicht vorlügen, dass ich es wie sie auch ganz toll finde, „nur zu kuscheln“ oder „nur zu reden“. Durch diese ehrliche Beziehung zwischen dem Callgirl und mir entsteht von Beginn an ein viel entspannter Umgang mit Sex. Sie hat mit Sicherheit schon viel erlebt. Mögliche Unzugänglichkeiten in meiner Performance hängen nicht wie ein Damoklesschwert über meinem Schädel, wohlwissend, dass es sich gerade um die Inanspruchnahme einer bezahlten Dienstleistung handelt. Mir selbst gegenüber kann ich ehrlich sein, weil ich mich im Pay6 ausschließlich mit dem Typ Frau treffen darf, der mir zu 100 Prozent zusagt. Ich brauche mir also „Abstriche“ oder eine „2. Wahl“ nicht schön zu reden. Das ist oberflächlich, ja, aber ehrlich. Weil Pay6-Treffen keine „romantischen“ Langzeitbeziehungen sind, muss ich zur Beendigung auch keine wichtigen Gründe erfinden. Wo ich nun Freudespenderinnen, Seelenstreichlerinnen und eine tatsächlich wichtige Art von Dienstleistung sehe, bauen fremde Menschen ein mit ihren Moralvorstellungen durchzogenes Weltbild auf. Darin sind Prosituierte („SexarbeiterInnen“ klingt für sie zu sachlich) Personen, über welche hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, deren Arbeit unterdrückt werden und am besten ganz verschwinden sollte. Als Einzelner komme ich mir hilflos angesichts eines derartigen moralischen Bollwerks vor. Deswegen ist die Moral von der Geschicht für mich selbst, dass ich als Callgirl Caller ehrlich handle, aber für fremde Menschen eine total unmoralische Person bin. Auch wenn ich es schade finde, dass nicht alle dieser fremden Menschen meine Sichtweise kennen, kann ich ganz gut damit leben.