Gastautor C.Onnaisseur über seine Rolle als Kunde und wie er damit umgeht, dass Familie und Gesellschaft käuflichen Sex moralisch verurteilen: ein ehrliches Wort aus dem Mund eines Kunden. Wie geht Ihr mit diesen moralischen Verurteilungen um, als Escort und als Kunde? Habt Ihr Euch damit arrangiert und ist euch der gesellschaftliche Blick vielleicht sogar egal? Erzählt es uns in unserem Kommentarbereich!  

 

Fremde Menschen predigten mir seit Kindertagen, was ich alles nicht tun soll. Das nennen sie Moral. Hierzulande steht Moral überall hoch im Kurs. Schüler lernen von ihren Eltern, Familienmitgliedern, im Ethikunterricht oder in der Kirche viel über Moral. Auch Politiker und Promis hören sich selbst gerne darüber reden, so mein Eindruck. Nicht zu lügen und Frauen, welche einem anderen „gehören“, nicht zu wollen, sind beliebte moralische Ermahnungen. Vor meinem ersten Callgirl, also meinem ersten Pay6, schien mir eben dieser vollkommen unmoralisch zu sein. All die fremden Menschen mit ihren Morallehren würden mich für ein Pay6-Abenteuer ächten. Die eigene Familie würde es wenigstens unmoralisch von mir finden. Aber nach meinem ersten Callgirl, also meiner ersten eigenen Pay6-Erfahrung, dämmerte mir, wie ehrlich Pay6 ist. Es fängt damit an, dass ich keinen Ehebruch provoziere oder die Frau eines anderen stehle, sondern eine Dienstleistung in Anspruch nehme. Ich bin nicht gezwungen, einer attraktiven Frau falsch Zeugnis hinsichtlich meiner unendlich großen Liebe ihr gegenüber zu reden. Ich brauche sie nicht zu „verarschen“, um Sex mit ihr haben zu können. Sie sagt mir ehrlich, wie hoch ihr Honorar ist, damit ich über einen vorher festgelegten Zeitraum Sex mit ihr haben darf. Genauso ehrlich kommuniziert sie mir Art und Umfang ihres Angebots. Auf diese Weise bin ich vorher darüber informiert, welche sexuellen Spielarten möglich oder nicht möglich sein werden. Hinterher quält mich kein schlechtes Gewissen, weil es ehrlich nur um Sex gegen Geld ging. Außerdem kann ich ehrlich über meine ganz egoistischen Wünsche reden, ohne wirklich negative Folgen befürchten zu müssen. Ich brauche mich vor einem Callgirl nicht zu verstellen. Ich muss ihr nicht vorlügen, dass ich es wie sie auch ganz toll finde, „nur zu kuscheln“ oder „nur zu reden“. Durch diese ehrliche Beziehung zwischen dem Callgirl und mir entsteht von Beginn an ein viel entspannter Umgang mit Sex. Sie hat mit Sicherheit schon viel erlebt. Mögliche Unzugänglichkeiten in meiner Performance hängen nicht wie ein Damoklesschwert über meinem Schädel, wohlwissend, dass es sich gerade um die Inanspruchnahme einer bezahlten Dienstleistung handelt. Mir selbst gegenüber kann ich ehrlich sein, weil ich mich im Pay6 ausschließlich mit dem Typ Frau treffen darf, der mir zu 100 Prozent zusagt. Ich brauche mir also „Abstriche“ oder eine „2. Wahl“ nicht schön zu reden. Das ist oberflächlich, ja, aber ehrlich. Weil Pay6-Treffen keine „romantischen“ Langzeitbeziehungen sind, muss ich zur Beendigung auch keine wichtigen Gründe erfinden. Wo ich nun Freudespenderinnen, Seelenstreichlerinnen und eine tatsächlich wichtige Art von Dienstleistung sehe, bauen fremde Menschen ein mit ihren Moralvorstellungen durchzogenes Weltbild auf. Darin sind Prosituierte („SexarbeiterInnen“ klingt für  sie zu sachlich) Personen, über welche hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, deren Arbeit unterdrückt werden und am besten ganz verschwinden sollte. Als Einzelner komme ich mir hilflos angesichts eines derartigen moralischen Bollwerks vor. Deswegen ist die  Moral von der Geschicht für mich selbst, dass ich als Callgirl Caller ehrlich handle, aber für fremde Menschen eine total unmoralische Person bin. Auch wenn ich es schade finde, dass nicht alle dieser fremden Menschen meine Sichtweise kennen, kann ich ganz gut damit leben.

 

Written by Gastautor


7 Kommentare

Anonymous

Geschrieben

Wer nicht den Arsch in der Hose hat zu sich selbst zu stehen, der muss sich halt nach der Meinung der Masse richten. Ganz einfach. Wenn ich schon lese "was könnten Freunde, Familie, Nachbarn und Arbeitgeber denken..." rollen sich mir die Fußnägel auf! Ja, wenn Dir (Kunde/Hure) DAS so wichtig ist, dann leb doch einfach das Leben dieser Leute. Aber verschone mich mit Gelaber über Doppelmoral. DU (wer auch immer sich angesprochen fühlen mag) bist nämlich KEIN Stück besser! Das einzige Argument, welches ich diesbezüglich gelten lasse, ist, dass den eigenen Kindern daraus ein Nachteil entstehen könnte. Denn DIE können sich nicht wehren. Aber was Leute über MICH sagen, ist mir schon seit Jahrzehnten schei***egal. Spätestens, wenn 3 verschiedene Menschen wollen, dass Du Dein Fähnchen in ihre Windrichtung drehst, hast Du ein Problem.

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Anonymous

Geschrieben

Was ist Moral? Hat Moral Vorteile oder Nachteile? Zwei Fragen auf die ich nicht die Antwort kenne. Aber ich kenne die Verlogenheit meiner lieben Mitmenschen. Der Klassiker: wenn Nachbar A schlecht über Nachbar B redet, dann kannst du sicher sein das Nachbar A, wenn du nicht dabei bist, schlecht über dich redet. So sind sie nun einmal, die Arschlöcher. Paysex-Frauen und Paysex-Männer sind ein gefundenes Fressen für die Schandmäuler. Das hat dann mit Moral - was immer das auch sein mag - nichts zu tun. Moral ist nur das Wort hinter dem sie üble Nachrede verstecken. Der Pfarrer ist ja bekannt dafür Wasser zu predigen und Wein zu saufen - und ja es gibt Ausnahmen, aber die bestätigen nur die Regel. Von den "Moralischen" gibt es bestimmt viele die selbst in den Puff gehen aber vor der Ehefrau/Freundin/Lebensgefährtin den "Moralischen" raus-hängen lassen. In diesem Sinne: Schandmäuler gab es immer, gibt es immer und wird es immer geben. Und die Schandmäuler werden ihre echten Motive wie Missgunst, Bigotterie und Gehässigkeit immer hinter "Moral" verstecken. Das Durchschauen ist nicht schwer. Und wie singen die Ärzte in "Lasse reden": "Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres. Und ein wenig Heuchelei kannst du dir durchaus leisten. Bleib höflich und sag nichts - das ärgert sie am meisten".

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Anonymous

Geschrieben

Schön wäre es schon wenn man damit offen umgehen könnte, scheitert aber an der gesellschaftlichen Doppelmoral und Verweigerung. Einerseits setzen meiner Erfahrung viele Menschen Sex mit Liebe gleich, und umgekehrt. Alle hier wissen das das purer Unsinn ist, und wer sich mal offenen Auges umsieht wird feststellen das selbst im eigenen Bekanntenkreis "Wildgevögelt" wird ohne Ende was ja aber offiziell nicht sein darf....Andrerseits werden Beziehungen die nur auf Vorteil geschlossen werden akzeptiert solange nur ein Partner im Spiel ist. Beste Beispiele sind die 20 jährige und der alte Sack oder Scheinehen etc...Solange hier nicht Ehrlichkeit einzieht das man Sex zum Vorteil haben kann (wie der Vorteil aussieht ist individuell verschieden) wird die ach so moralische Gesellschaft auf die schwächsten herabblicken. Schade

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Anonymous

Geschrieben

@Susi Ja das wäre wünschenswert. Als Single und ungebunden würde einem das natürlich leichter fallen mit der öffentlichen Präsenz beim Kampf um politische Rechte der Sexworker und Aktivistinnen. Allen Anderen bleibt wahrscheinlich, wenn sie sich gegenüber ihrem Partner nicht outen wollen oder können, nur der Inkoknito-Einsatz für dieses Ziel, zum Beispiel im Internet (#Petitionen unzerzeichnen). Aber grundsätzlich muss man die Situation auch erst einmal erkennen, als untragbar einstufen und dann letztendlich auch bereit sein, etwas dagegen tun zu wollen. Der kleinste Schritt dahin wäre, so glaube ich, den Sexworkern bei einem Treffen und auch in Foren oder Chats mit Anstand und Repekt zu begegnen und in der Gesellschaft anerkennend über sie zu reden. Wenn das ein Großteil der Kunden beherzigen würde, wäre schon ein ordentlicher Schritt in die richtige Richtung getan, denn Kunden gibt es sehr, sehr viele.

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Anonymous

Geschrieben

Genau das ist es und darin liegt das Problem. Diese Doppelmoral kann einen fertig machen und manchmal sogar wichtige Beziehungen kosten! Ich will dir die Doppelmoral keinesfalls unterstellen, da ich dich nicht kenne und dein Blog auch Reflexion verspricht, jedoch erlebe ich im Alltag oft genau diese Unstimmigkeit. Sex und Liebe trennen kann/möchte nicht jeder und das empfinde ich auch als total gut so! Jeder wie er sich selbst fühlt, liebt und lebt. Es gibt genug Menschen, Meinungen und Ansichten. Für jedes Da- sein gibt es ein "Deckelchen" Jeder Mensch ist unterschiedlich aufgewachsen, hat einen anderen Horizont und andere Wertvorstellungen bzw. Zielsetzungen... Meiner Meinung nach hat die Kirche ("Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens, in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit. Bis das der Tod uns scheidet") unterbewusst noch die Zügel in der Hand. Passt überhaupt gar nicht in unsere schnelllebige Welt mit ach so viel Informationen & News. BTW.: ich war 10 Jahre auf einer Mädchen Klosterschule, habe Krankenschwester gelernt und habe trotzdem den größten Spaß an Escort ;) Also- sei weiter unmoralisch, genieße genau das eine Leben und mach deine Erfahrungen zu deiner wahrhaftigen Moral. Ich verzichte inzwischen auf Menschen, die mein Glück nicht wahrhaben oder verstehen wollen. Ist manchmal zwar hart, aber bringt einen ungemein weiter! Unsere Kinder oder Enkel :D bepissen sich über solche Diskussionen, da bin ich mir sicher! Hab unvergessliche Dates, denn vermutlich lebst du wirklich nur einmal

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Anonymous

Geschrieben

Schön wäre es, wenn Kunden wie Du in der Lage wären öffentlich dazu zu stehen und gemeinsam an der Seite von streitbaren Sexworkern und Aktivistinnen für politische Rechte zu kämpfen. Es gibt leider sehr sehr wenig Kunden, die bereit sind, das zu tun. lg Susi

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Anonymous

Geschrieben

Danke @C.Onnaisseur für diesen guten Beitrag und die interessanten Gedanken zum Thema Moral und Pay6. Mir geht es da ähnlich wie Dir. Ich bin noch nicht so lange im Pay6-Bereich unterwegs und zu Beginn hab ich mir auch eher Sorgen um mich selbst gemacht, ob ich mich traue, einfach so zu einer fremden Frau hinzugehen und Sex mit ihr zu haben. Erst einige Dates später fing ich dann intensiver an, darüber nachzudenken, was wohl Andere, wenn sie es erfahren würden, über das, was ich da von Zeit zu Zeit mache, denken würden, die Familie, Freunde oder die Nachbarn. Mir war und ist überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, das könnte eines schönen Tages irgendwie herauskommen. Und die Gründe dafür sind in deinem Betrag recht gut aufgeführt. . Jedoch frage ich mich auch, woher kommen diese prüden Moralvorstellungen, die Verurteilung des Pay6 und ihrer handelnden Personen, und wer befeuert Diese? Gerade vor dem Hintergrund, dass täglich in Deutschland ca. 1 Million bezahlte Sex-Dates stattfinden sollen, wer sind diese Menschen und wo begegnet man Diesen? Es will immer keiner sein oder zugeben, aber wahrscheinlich sind es Leute, die mir oder dir tagtäglich begegnen und man ahnt es noch nicht einmal. Genau so wenig, wie jemand ahnt, was ich so manchmal „Unmoralisches“ treibe. . Ich habe mich auch manchmal schon gefragt, was die Anderen dann über einen denken würden, wenn das rauskäme. Verurteilung und Demütigung wären wohl unausweichlich. Jedoch könnte ich mir auch vorstellen, dass der eine oder andere brave Ehemann neben seiner vielleicht mir gegenüber bezeugter Missachtung heimlich neidisch sein könnte/dürfte. Hätte er doch vielleicht auch die Möglichkeit und den Mut dazu, das mal durchzuziehen, einfach so für Geld mit den schönsten Frauen (die man(n) am Tage ja nirgendwo zu Gesicht bekommt, da sie ja arbeiten) Spaß zu haben. . Ich möchte nicht in meinem eigenen Saft schmoren, ich möchte etwas erleben, interessante Frauen treffen und mit ihnen meine sexuelle Sichtweise erweitern und Spaß haben. Wir leben alle nur einmal. Und deshalb habe ich moralisch gesehen da der Öffentlichkeit und den Anderen gegenüber keine Probleme. Ich mach das einfach für mich und fühle mich wohl dabei. Und das ist auch gut so.

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