Neulich war ich bei der Lesung des soeben erschienenen Buches „Sexworker“, ein Buch mit 33 Interviews von Frauen, die in irgendeiner Form mit Sexarbeit zu tun haben: u. a. eine Körperforscherin, eine Korsettherstellerin, die Porno Produzentin Petra Joy, Escort Coach Vanessa Eden, Tantra Masseusen, eine Sexualbegleiterin, Callgirls, Dominas kommen zu Wort. Ein guter Anlass, darüber bei Kaufmich zu berichten.

 

So erzählt die 69 jährige Domina Karolina Leppert von ihrem Einstieg in das Gewerbe im hohen Alter von 50 Jahren. Wie sie eine Beratungsstelle für Prostituierte aufsuchte, wo man sie allerdings nach Schulden fragte und ob ein Mann sie dazu zwingen würde. Nein, antwortete Karolina Leppert. Daraufhin wollte die Beraterin sie in eine Therapie schicken. Für die gleiche Organisation ist Leppert mittlerweile im Vorstand tätig.

 

Die Frauen, die porträtiert werden, können unterschiedlicher kaum sein. Sie sind verheiratet, geschieden, Mütter, sogar Grossmütter; Frauen, die eines eint: sie sind glücklich mit ihrem Job, ihrem Beruf, ja Berufung.

 

Bei der Lesung selbst kommen einige Frauen aufs Podium, die im Buch vorgestellt werden. Da ist das Sub Escort, die auch „sexological bodywork“ anbietet, namens Mara; da ist Marlen, die Tantra und BDSM kombiniert sowie Anna, die sinnlich-erotische Massagen anbietet. Als Anna sich beruflich neu orientiert, stellte sie sich die Frage, wofür wollen und können Menschen in Zukunft Geld ausgeben. Ihre eigene Antwort war „Erotik“ und dies ihr Einstieg in das erotische Gewerbe. Sie begann zunächst in einem Massagestudio, wollte dort allerdings nicht ihr „Leben mit Warten“ verbringen und machte sich selbständig mit einem eigenen Massagestudio. Zu ihr kommen Männer zwischen 40-60 Jahren. Sie sagt, Sexualität und Erotik gehören zum Menschsein dazu. Und dass manche Männer keine Berührungsspezialisten seien; man muss sie anleiten. Anna findet es faszinierend, wenn die Fassaden fallen; in ihrem geschützten Raum „berührt sie keine Fassaden“. Sie trinkt zunächst gemeinsam Tee mit ihren Kunden, bevor er ins Bad verschwindet.

 

Marlen’s Kapitel im Buch ist mit dem Titel überschrieben: „Der Mensch ist ein wüstes Untier“. Sie sagt, dass sie alle Seiten der Sexualität zelebrieren möchte. Dies schafft sie, indem sie Tantra mit SM Elementen verbindet. Ihre Sessions finden auf der Grundlage des tantrischen Berührungsrituals statt. Mittlerweile hat sie sich auf Fesselkunst spezialisiert. In ihrem früheren Leben war sie Physiotherapeutin, eine schlecht bezahlte noch dazu. Deshalb war sie sehr glücklich, als sie mit ihrer ersten sexuellen Dienstleistung mehr Geld verdient hat.

 

Marie, eine 26 Jährige Akademikerin beschreibt ihren Körper als Medium. Sie hat Theaterwissenschaften und Performance-Kunst studiert und darin ihre Master-Arbeit abgeschlossen. Sie bringt Erotik in der Philosophie ins Spiel und verweist auf ihr Studium von Georges Bataille. Sie ist sichtlich irritiert, dass ihre Performance-Kunst auf der Bühne der Sexarbeit zugeschrieben wird.

 

Die schon oben kurz vorgestellte Mara, die als Sub Escort arbeitet (also „Sub“ wie submissive, der passive Part bei einem SM-Spiel) berichtet über ihr weiteres Angebot: nämlich „sexological bodywork“: damit sind Coaching und sanfte Berührungen gemeint. Sie nutzt die Methode der Körperarbeit nach Reich aus den USA, die davon ausgeht, dass, wie wir denken, fühlen, handeln, alles im Körper abgespeichert ist. Sie erzählt, dass sie früher als „Hobbyhure“ gearbeitet hat und wie sie sagt „fremde Männer für wenig Geld“ getroffen hat. Das hat sich ja nun geändert. Im Bereich „sexological bodywork“ bietet sie auch ‚genitale Meditation‘ an, ein Berührungsritual, dass die genitale Empfindungs- und Genussfähigkeit erhöht.

 

In der anschliessenden Diskussion wird auch das neue „Prostituiertenschutzgesetz“ gestreift, dass bei den Anbieterinnen gar nicht gut ankommt. Insbesondere Marlen hat zu dieser politischen Entscheidung, die auf eine Kondom-, Melde- und Beratungspflicht abzielt, was zu sagen; eben, dass sie diese Pflichten rundheraus ablehnt. Warten wir mal den Gesetzestext ab, der in den nächsten Monaten erscheint und wie weit Interessenvertretungen von SexarbeiterInnen dagegen mobil machen. Ich bin gespannt!

 

 

 

Das Buch, um das es geht, heisst:

 

Sexworker - 33 Frauen, die mit Lust arbeiten - Porträts und Interviews Hrsg. Cornelia Jönsson, Tanja Steinlechner, Silke Maschinger bestellbar hier:

 

http://www.amazon.de/Sexworker-Frauen-arbeiten-Porträts-Interviews/dp/3862653919/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1424096339&sr=1-1&keywords=sexworker  

 

Written by Ariane G.


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