Sin-Dee Rella und Alexandra sind zwei Transfrauen am Strassenstrich von Los Angeles. Die eine ist verliebt in ihren Zuhälter Chester und die andere träumt von einer Karriere als Sängerin. Nachdem Sin-Dee eine Gefängnisstrafe von 28 Tagen abgesessen hat, erzählt ihr ihre Freundin Alexandra, dass Chester sich zwischenzeitlich mit einer anderen Hure vergnügt hat, und zwar mit einer Frau namens Dinah. Wutentbrannt und eifersüchtig macht Sin-Dee sich auf der Suche nach dieser Frau, findet sie in einem Motel-Zimmer, das zu einem Bordell umfunktioniert wurde, und zerrt sie durch die ganze Stadt, um Chester damit zu konfrontieren. Zwischenzeitlich bewirbt Alexandra mit Flyern ihren abendlichen Gesangsauftritt in einer Bar, aber niemand kommt, bis auf Sin-Dee mit Dinah im Schlepptau. Traurig: Alexandra muss dafür zahlen, um überhaupt auftreten zu dürfen.

 

Parallel dazu taucht immer wieder der armenische Taxifahrer Razmik auf, der seltsame Fahrgäste hat, die ihm u.a. das Auto vollkotzen. Razmik führt ein Doppelleben, denn er ist Kunde und steht darauf, die Schwänze von Transfrauen zu blasen. Er ist verheiratet, hat ein Kind und die Schwiegermutter zu Besuch. Trotz Familienfeier am Weihnachtsabend treibt es ihn wieder vor die Tür, geil und auf der Suche nach den Transhuren. Der Showdown ist das Zusammentreffen aller Protagonisten, inklusive Chester und Schwiegermutter, die das Doppelleben ihres Schwiegersohns enttarnt. Chester ist es auch, der verrät, dass er zwischenzeitlich etwas mit Alexandra hatte. Enttäuscht wendet sich Sin-Dee von ihrer Freundin ab. Es kommt zu einer transphoben Attacke: Sin-Dee wird von einem Kunden aus dem Auto heraus mit Urin übergossen und als schwule Transe beschimpft. Die Nacht endet im Waschsalon und die beiden Freundinnen sind wieder versöhnt.

 

Die ganze Handlung spielt an einem einzigen Tag, nämlich ausgerechnet am Heiligabend unter der gleissenden Sonne Kaliforniens. Dieser Transgender Film ist halb Drama, halb Komödie, eine Milieustudie und Episodenfilm zugleich. Untermalt ist Tangerine mit cooler Dubstep Musik, zwischendurch sogar Beethoven. Sin-Dee und Alexandra, gespielt von Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor, haben auch im echten Leben am gleichen Ort auf Kunden gewartet. So fand der Regisseur Sean Baker seine Darstellerinnen am Santa Monica Boulevard in L.A. Bei der Recherche am Strassenstrich erzählten ihm die Sexworker von ihren schockierenden Erfahrungen, allerdings mit viel Humor. Witz und Humor ist eben eine gute Strategie, manches zu verarbeiten, wie ich selber weiss. Der Film spiegelt genau diesen Humor wieder und macht ihn an vielen Stellen ungeheuer komisch.

 

Tangerine L.A. wurde vor allem dadurch bekannt, weil er mit dem iPhone (5s) gedreht wurde. Das waren reine Kostengründe, die den Regisseur dazu veranlassten. Ausserdem kommt man so an die Laiendarsteller näher heran, anstatt sie mit grosser technischer Ausrüstung zu verunsichern, und man kann authentischere Momente einfangen. Tangerine hatte letztjährig beim Sundance Film Festival - das grösste Independent Film Festival der USA - Premiere. In Deutschland ist er jetzt erst in den Programmkinos angelaufen, in amerikanischer Originalfassung und mit deutschen Untertiteln.

 

Sean Baker hat übrigens schon einige Filme gedreht, darunter auch zwei Filme, in denen Sexwork eine Rolle spielt: Der Film „Starlet“ hat mit der Porno-Industrie zu tun sowie „Prince of Broadway“, der von einer New Yorker Strassenhure erzählt.

 

Written by Susi


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