Was in der gutbürgerlichen, gesellschaftlichen Mitte vielleicht noch als anrüchig und ordinär wahrgenommen wird, bahnt sich seit Anfang der 90er Jahre langsam den Weg in die Köpfe und Herzen vieler Menschen abseits davon: Polyamorie. Mehr als einen Menschen lieben. Nicht mit dem Ziel so viele Menschen wie möglich ins Bett zu bekommen, sondern liebevolle, ernsthafte und auf Vertrauen basierende Beziehungen zu mehreren Menschen gleichzeitig. Klingt komisch? Ist aber so. Willkommen in einer liebevollen Welt.
„Die Grundregel dieser Lebensform ist die Einvernehmlichkeit“, sagt die Psychologin Lisa Fischbach. Viele Paare benötigen vielleicht neue und alternative Beziehungsmodelle. Monogame Beziehungen scheitern oft daran, dass neben dem Bedürfnis nach Sicherheit und Exklusivität auch eine Sehnsucht nach Abenteuer und Neuem entsteht. Das wird spätestens dann deutlich, wenn einer der beiden Partner dieser zweiten Sehnsucht nachgibt und fremdgeht.
Polyamorie oder Freie Liebe?
Polyamorie ist ein Kunstwort, dass sich aus dem griechischen Wort für viel oder mehrere und dem lateinischen Wort für Liebe zusammensetzt. Menschen, die nach diesem Konzept Beziehungen führen, vertreten die generelle Einstellung, dass es möglich ist, mehr als nur einen Menschen zur selben Zeit zu lieben. Sie leben mit mehreren Partnern gleichzeitig in liebevollen und langfristig angelegten Beziehungen und das im Einverständnis aller Beteiligten. Der Austausch von Zärtlichkeiten oder Sexualität im Allgemeinen stehen dabei allerdings nicht notwendigerweise im Mittelpunkt dieser Beziehungen. Gerade das ist von zentraler Bedeutung und differenziert Polyamorie von dem insbesondere in den 1960ern verstärkt praktizierten Trend der Freien Liebe. Bei diesem geht es im Kern darum, dass Sex auch ohne eine langfristige Beziehung möglich ist, ganz nach dem Motto “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment” (Sponti-Spruch, um 1970). Grundsätzlich hinterfragen polyamor lebende Menschen das Konzept von Zweierbeziehungen, lehnen dieses aber nicht komplett ab. Vielmehr erkennen sie an, dass es jedem Menschen freigestellt sein sollte, sich für eine Beziehung mit einem oder mehreren Menschen zu entscheiden. Über die kleineren, persönlichen Netzwerke, die durch polyamore Beziehungen entstehen, hinaus, gibt es etwa seit den 1960er Jahren Erfahrungs und Kommunikationsnetzwerke (z.B. den deutschen PAN e.V. - PolyAmores Netzwerk e.V.), die auch regionale und überregionale Treffen veranstalten. Hier tauschen sich Menschen aus und stehen sich in Problemen z.B. dem Umgang mit dem gesellschaftlichem Druck gegenseitig bei. 2011 lag die Zahl der polyamor Lebenden in Deutschland einer Schätzung nach bei ca. 3.300.
Die machen es sich doch nur einfach!
Für viele unerfahrene Personen ist das polyamore Konzept eine bloße Vereinfachung des monogamen Beziehungsalltags. Polyamor lebende Menschen scheinen den Problemen schlicht aus dem Weg zu gehen, mit denen sich diejenigen, die in 1:1 Beziehungen leben, auseinandersetzen müssen, wenn sie versuchen, trotz der eingeschränkten Partnerauswahl spannende und abwechslungsreiche Beziehungen zu gestalten. Tatsächlich erfordern polyamore Beziehungsnetzwerke aber viel Pflege und Achtsamkeit, was teilweise aus den gleichen Kausalitäten resultiert wie bei monogamen und auf Sexualität basierenden Beziehungen. Insbesondere das Thema Eifersucht gilt es durch ein offenes Miteinander und immer unter Beachtung der Informationsgleichheit aller Beteiligten so unproblematisch wie möglich zu halten. Das heißt in einem Netzwerk von drei oder mehr Personen immer aufmerksam mit den Gefühlen und Reaktionen seiner Partner umzugehen, so oft wie möglich selbst zu reflektieren, wo man gerade steht und Probleme anzusprechen, bevor zu Krisen werden. Das nimmt bei steigender Anzahl der Personen in einem polyamoren Netzwerk vermehrt Kraft und Zeit in Anspruch und dessen sollte man sich bewusst sein, gerade bevor man in bestehende Gemeinschaften eintritt. Eifersucht kann jedoch durch ein gewisses Maß an Vertrauen, Mut und Verständnis aller Partner gemeistert werden, was sich auch auf alle anderen Bereiche des eigenen Lebens positiv auswirkt, beispielsweise eine grundsätzliche Gelassenheit im Alltag, dort wo sich andere Menschen damit eher schwer tun.
Vom Dreirad bis zum Regenbogen
Die typische Dreiecksbeziehung, oder Triade, ist nur eine von vielen möglichen Konstellationen, in denen polyamore Personen Beziehungen eingehen. Grundsätzlich ist alles denkbar und auch in Deutschland gibt es bisweilen polyamore Beziehungen, in denen sogar Kinder ähnlich wie in vielen ‘Regenbogenfamilien’ in erweiterten Familien aufwachsen. Mit der Möglichkeit, sich über das Internet verstärkt auch über größere, räumliche Abstände zu vernetzen, haben sich viele unter dem Oberbegriff ‘responsible non-monogamy’ bekannte Netzwerke gebildet, in denen sich polyamore Menschen austauschen und sich in Problemen jeder Art gegenseitig unterstützen. Damit einhergehend ist eine Terminologie entstanden, wie es bei Soziokulturen meistens der Fall ist und über die sie sich zum Teil auch definieren. ‘Frubbelig’ zum Beispiel beschreibt im polyamoren Sprachgebrauch eine Gefühlsebene, bei der man sich im Gegensatz zu Eifersucht für seinen Partner freut, dass er oder sie eine andere Person für eine polyamore Beziehung gefunden hat.
Polyamorie, das bedeutet Offenheit und Toleranz
Grundsätzlich ist Polyamorie ein vielseitiges und komplexes Beziehungskonzept, das entgegen der Annahmen vieler nicht polyamorer Menschen auf zentralen Werten wie Treue, Loyalität, Gleichberechtigung, Hingabe und Ehrlichkeit beruht. Die sexuelle Selbstbestimmung wird als oberste Priorität eingeräumt und es dreht sich nicht um ein rein promiskes Verhalten. Auf einer abstrakten Ebene steht das polyamore Konzept für eine offene und tolerante Lebensweise, die unsere Welt insgesamt vielleicht zu einer besseren machen könnte.
Wie steht ihr zu Polyamorie? Kann man mehr als nur einen Menschen wirklich lieben? Habt ihr selbst schon Erfahrungen in polyamoren Gemeinschaften gemacht? Wir sind gespannt auf eure Meinung in den Kommentaren.
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