Ein paar persönliche Gedanken zur Frage, was ich eigentlich bekomme, wenn ich für Sex bezahle.
Auf einer amerikanischen Escortseite las ich einmal die Aussage eines Kunden: „Ich bezahle eine Frau nicht dafür, dass sie zu mir kommt, sondern dafür, dass sie wieder weggeht.“ Diese Aussage fand ich zunächst empörend: Was bildet der Kerl sich ein? Denkt er, er sei so unwiderstehlich, dass jede Frau, die mit ihm einen Abend verbringt, gleich bei ihm bleiben möchte? Und ich fand diese Aussage schlichtweg falsch: Bezahlen für das Ende des Dates? So ein Blödsinn! Ich bezahle doch für ihre Anwesenheit und genieße doch die gemeinsame Zeit, die Zärtlichkeit, die Zuwendung!
Aber diese Aussage hat mich nachdenklich gemacht: Was will ich eigentlich und was will ich nicht?
Ich muss vorweg erklären, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, die sich gelegentlich einen kleinen Ausbruch aus ihrer langweiligen Ehe gönnen und mit einem Escort das erleben wollen, was sie in ihrer Ehe zu vermissen meinen. Dies sei ihnen gegönnt.
Ich dagegen bin Single. Mein Leben ist ausgefüllt bis an den Rand - und ich liebe es genauso. Eine unglückliche Ehe und verschiedene gute und weniger gute Partnerschaften habe ich hinter mir. Und auch wenn es ein bisschen abgedroschen klingt: Ich habe einfach keine Zeit, aber auch überhaupt keine Lust mehr auf das Balzen und Buhlen und Werben und Bemühen, mit denen die Suche nach einer neuen Partnerin verbunden ist.
Ich habe es durchaus versucht: Wenn man sich in meinem Alter auf Partnerbörsen bewegt, dann wird man geradezu angefallen von Zuschriften von Frauen desselben Alters. Sie sind einerseits furchtbar kompliziert und in ihren Lebensdetails fahren sie wie auf Schienen (sie suchen dann Skorpione, die gern wandern, sich vegan ernähren und gern grünen Tee trinken… und wehe, du beichtest dann, dass du stattdessen Löwe bist, lieber Kaffee trinkst und schon mal ein Steak genießt und Wandern einfach schrecklich findest!) und scheinen gleichzeitig so verzweifelt zu sein, dass sie eine sofortige Antwort auf ihre Anfrage erwarten und dich als respektlosen und grobschlächtigen Klotz einordnen, bloß weil du dir für eine charmante Antwort ein oder zwei Tage Zeit nehmen wolltest.
Ich habe diese Spielchen satt: Sich mal wieder hoffnungsfroh verabreden, sich bei gemeinsamen Ausstellungsbesuchen beäugen, sich fragen, ob und welche Lebensansichten man teilt, ob und wann man mich den Freundinnen vorstellen könnte, ob ich mich mit ihrem großen Hund oder ihrer haarenden Katze anfreunden würde, ob man gar den Lebensabend zusammen verbringen könnte, Hand in Hand in den Sonnenuntergan. Nein, das muss ich alles nicht mehr haben.
Ich bin ein zufriedener Single. Wenn ich für Sex bezahle, dann möchte ich in besonderen Momenten das erleben, wonach sich jeder Mensch sehnt: Hautkontakt, Nähe, Zuwendung, gemeinsame Lust. So weit, so banal.
Aber da ist noch etwas, das sich vielleicht seltsamer anhört, als es ist: Ich vermisse eine kleine Prise Weiblichkeit in meiner eher funktionellen Männerwohnung. So wenig ich mich selbst für Dekoration, Blümchen und hübsche Arrangements interessiere, so herrlich finde ich es, wenn eine Frau zu mir kommt und sich nur für mich zurecht gemacht hat, weil sie mir gefallen will. Vielleicht hat sie mich im Vorwege sogar gefragt, welches Outfit ich mir wünsche, hat meine Wünsche mit ihren Möglichkeiten und Vorlieben in Einklang gebracht und möchte dafür Komplimente hören. Vielleicht fragt sie mich jetzt, wie ich ihre neue Handtasche finde, während sie meinen Umschlag hineinlegt, und sei es nur, um diesen kurzen Augenblick der „Käuflichkeit“ zu überspielen. Diese Sorge um Ausdruck, Gestaltung und Wirkung ist so unendlich weiblich! Und sehr gern nehme ich ihr Bemühen wahr, mache Komplimente, kommentiere die neue Handtasche und bin ganz gerührt von der Frage, ob sie den Lippenstift nicht doch abtupfen soll, bevor wir uns küssen… Ich liebe die Themen, Düfte und Rituale, die zusammen mit der Frau in meine Wohnung kommen, - bald darauf liegen in meiner wohlgeordneten Männerwelt hier zwei Pumps, da ein Halstuch, dort ein Kleid und ganz woanders süße Dessous, und für einen Augenblick ist es, als ob mein Leben um eine ganze Dimension bereichert worden wäre.
Ja, ich liebe Frauen, und ich habe sie gern bei mir, ich genieße ihren Duft, ihre Stimme, ihren Charme und ihre überaus dekorativen Accessoires, die in kürzester Zeit meine Wohnung vereinnahmen!
Wenn sie dann wieder gegangen ist, vermisse ich sie. Man war sich so nah, im besten Fall hat sie sich ganz wunderbar an meinen Wünschen orientiert, auch ich habe mir redlich Mühe gegeben, damit der Moment für sie interessant und lustvoll war – und es reißt eine kleine Wunde, wenn sie dann wieder weggeht. Ich muss dann immer einen kleinen Dank an die Dame senden, das brauche ich, das heilt die kleine Wunde.
Aus meiner Wohnung sind dann auch herumliegende Pumps und Duft und weibliche Themen zusammen mit der schönen Frau spurlos wieder verschwunden, im Bad stehen dann ganz bestimmt keine fremden Tiegelchen, und eine zweite Zahnbürste ist auch nicht hinzugekommen. Es ist alles wieder wie sonst. Und – jetzt kommt’s – das ist auch gut so! Mein Leben geht nach dem schönen Erlebnis wieder seinen gewohnten Gang, ich denke gern an sie zurück und lade sie vielleicht wieder zu mir ein, sicherlich, aber weder habe ich mich verliebt noch hat mein Singleleben irgendeine Wendung genommen. Auch sie muss sich nicht weiter mit meinen Vorlieben und meinen kleinen Macken beschäftigen, auch ihr Leben geht so weiter wie bisher. Und ob sie nun gern wandert oder welches Sternzeichen sie ist, musste ich mir nicht merken. Wahrscheinlich hat sie es mir auch gar nicht erzählt, das spielte dann keine Rolle.
Bin ich herzlos? Klingt das verächtlich? Ich glaube nicht. Es war vereinbart, dass wir uns in der Lust begegnen und nicht mehr. Klarheit ist fair. Wir haben gegenseitig darauf geachtet, dass der andere nicht zu kurz kommt. Gegenseitigkeit ist ebenfalls fair. Und wenn das Date zu Ende geht, ist unsere Vereinbarung erfüllt. – Insofern ist der Ausspruch, den ich oben angeführt habe, gar nicht so verkehrt: Ich bezahle für Sex und nicht für Beziehung. Ich würde es nur nicht so furchtbar cool ausdrücken wie jener Amerikaner und benötige dafür, wie man sieht, ein paar Sätze mehr, weil ich dann zusätzlich darstellen kann, was alles Wertvolles in meinem Leben geschieht zwischen ihrem Ankommen und ihrem Weggehen.