Die Frau, die nun mit weit aufgerissenen Augen in der offenen Fahrstuhltür stand, entsprach in jeder Hinsicht dem Bild, das ihre Selbstbeschreibung in seiner Fantasie ausgelöst hatte. Oder genauer, das Bild in seiner Fantasie hatte er sich offenbar ausgemalt nach dem Aussehen einer Frau, die er bereits kannte. Und eben diese Frau stand nun vor ihm und starrte ihn wortlos an.
Ihre Mails hatten so sympathisch geklungen, so vertraut, auch wenn sie sich Mühe gegeben hatte, ein bisschen cool und geschäftig zu wirken. Dass ihr dies nicht überzeugend gelang, hatte er irgendwie süß gefunden. Warum war er nicht gleich darauf gekommen, woher diese Vertrautheit wirklich kam? Da stand sie nun vor ihm, bestellt, vertraut, versteinert. Dabei hatte sie bei ihrem kurzen Mailwechsel durchaus routiniert gewirkt, hatte zielsicher das Nötige geklärt und rasch zugesagt. Das hatte ihm gefallen, er mochte es in jeder Hinsicht, mit Profis zu tun zu haben. Mit Profis!! Und nun stand sie vor ihm und brachte keinen Laut hervor.
Heimlich hatte er sie ein bisschen begehrt, seit sie ihm vor einigen Jahren als neue Kollegin aus der Rechtsabteilung vorgestellt worden war. Eine schöne, reife Frau, offenbar eine fähige Juristin und eine charmante Kollegin, auch wenn er nur hin und wieder mit ihr zu tun hatte. Natürlich hatte er sich jede Annäherung untersagt, professionell eben. Und während sie nun mit weit geöffneten Augen dastand und sich mit einer verlegenen Handbewegung die Brille zurecht rückte, dachte er noch, dass auch ein vorheriger Bildertausch ihn um Verwirklichung seines heimlichen Begehrens gebracht hatte.
Doch nun machte sie Anstalten, in den Fahrstuhl zurückzutreten, um wieder nach unten zu fahren. Morgen würden sie sich wieder im Büro begegnen. „Warten Sie doch, Frau Weber, kommen Sie erstmal herein, wir müssen reden. Bitte!“