Als mein Großvater noch ganz jung war, zur Zeit der Weimarer Republik, schien es in seinem Elternhaus bereits ein Telefon gegeben zu haben. Wenn er mir alte Geschichten von damals erzählte, berichtete er mir einmal, wie sie Klingelmännchen bei Adele Sandrock machten. Die war vor 100 Jahren eine berühmte Schauspielerin mit einer sehr markanten Stimme.
Berlin hat sich seit dieser Zeit stark verändert. Zwar stehen noch manche der alten Häuser und wenn ich mit der U1 fahre, sehe ich gelegentlich noch das alte Wohnhaus mit dem Erker am Landwerkanal, in dem er damals lebte, aber die Welt ist eine völlig andere geworden. Was sich jedoch nicht verändert hat, ist das Phänomen der Klingelmännchen.
Vor ein paar Jahren war es noch nicht so heftig wie heute. Schuld daran sind vermutlich diese Flatrates. Mittlerweile bekomme ich manchmal bis zu 15 in Worten: fünfzehn unangenehme Telefonanrufe am Tag. Dabei verfolgen diese Anrufer ganz unterschiedliche Strategien:
Der Ping-Anruf: Es wird genau einmal kurz geklingelt, um direkt danach eine wenig aussagekräftige WA-Nachricht zu schicken.
Der Klassiker: Jemand ruft an, sagt aber keinen Ton. Manchmal hört man nur ein schweres Atmen.
Die Gruppenanrufe: Es beginnt wie eine normale Anfrage, doch irgendwann hört man im Hintergrund, dass die Person nicht alleine ist.
Die Orientierungslosen: Der Anrufer klingt zunächst ganz normal und möchte ein Date vereinbaren. Frage ich dann aber, wo er sich gerade befindet, kennt er weder seine eigene Wohnadresse noch den Namen oder die Straße seines angeblichen Hotels.
Die Sprachlosen: Manchmal reicht der Wortschatz meines Gegenübers nach einem kurzen Hinweis auf Verständigungsprobleme gerade noch für ein verächtliches „egal“ oder ein plumpes „Ich nur Sex“.
Bei manchen Anfragen weiß ich schon ohne mit der Person ein Wort zu sprechen, dass es Fake ist. Warum? Erfahrung... Keine Hellseherei.
Jetzt könnte man meinen, ich sei selbst schuld, wenn ich meine Telefonnummer öffentlich zugänglich mache. Letztlich ist das für mich aber ein persönlicher Sicherheitsanker. So nervig jeder einzelne dieser Anrufe auch ist: Der Spuk ist meist schnell vorbei. Ich finde innerhalb kürzester Zeit heraus, ob ich eine Person treffen möchte und kann, oder eben nicht.
