Warum ich keine Wanderhure geworden bin
In der Sexarbeit gibt es unzählige Formen sich aufzustellen. Manche Frauen sind Dominas und brauchen dafür ein Studio. Der ganze SM-Bereich ist deshalb ohne eine sogenannte „Prostitutionsstätte“ kaum denkbar.
Wieder andere empfangen ihre Klienten privat zu Hause. Gerade dieses Nischenangebot scheint besonders gefragt zu sein, doch in der Realität ist so ein Konzept heute schwer umzusetzen. Wer in den eigenen vier Wänden empfängt, riskiert schnell Ärger: mit dem Vermieter, mit Nachbarn etc. Was nach einer gemütlichen Lösung klingt, kann als Zweckentfremdung gelten und im schlimmsten Fall zur Wohnungskündigung führen. Der häusliche Frieden ist dann schnell passé.
Dann gibt es Frauen, die im Auto Liebesdienste offerieren, manche empfangen ihre Freier in Wohnwagen. Outdoor-Dates scheinen irgendwie immer en vogue zu sein. Ich bekomme regelmäßig Anfragen für eine „erotische Zerstreuung“ auf dem Beifahrersitz. Aber ehrlich gesagt: Das ist für mich tabu. Ich würde mich nicht einmal mit Männern, die ich kenne, in einem Auto verabreden, selbst wenn es ein Rolls-Royce wäre. Straßenstrich, Dates im Auto oder im Freien kommen für mich grundsätzlich nicht infrage.
Viele Kolleginnen reisen von Stadt zu Stadt, mieten sich irgendwo ein und bieten dort ihre Dienste in der Hoffnung an, als „die Neue“ mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Das habe ich früher auch mal gemacht, weil ich eigentlich reiselustig bin. Aber selbst wenn man als frisch auf dem Markt gilt, konkurriert man mit zahlreichen anderen Frauen, die ebenfalls unterwegs sind. Das ist eine Milchmädchenrechnung, bei der am Ende der Vermieter oder Hotelier immer verdient. Solche Touren fressen viel Geld. Die Unterkunft muss bezahlt werden, man lebt aus dem Koffer, improvisiert beim Waschen und Kochen und lebt ein ständiges Abenteuer.
Normale Hotels sind langfristig eher ungeeignet. Und Ferienwohnungen? Da hat man dasselbe Problem wie bei einer privaten Wohnung. Es gibt natürlich auch sogenannte Terminwohnungen oder Etablissements wie Clubs, Laufhäuser und Bordelle. Ich war nur mal bei einer befreundeten Domina im Studio privat zum Kaffee eingeladen, aber da kenne ich nur die Küche. Bordelle, Laufhäuser etc. sind nicht mein cup of tea. Nie probiert. Kein Interesse.
Terminwohnungen habe ich früher ein paar Mal genutzt. Die Idee klingt praktisch, aber für mich hat es sich nie so richtig super angefühlt. Ich bin ein eher individueller Mensch, und wenn das Interieur nach typischer Erotikbranche aussieht, bekomme ich Augenschmerzen. Gespräche mit anderen Mieterinnen aus der Erotikbranche? Können nett sein, aber oft fehlt die gemeinsame Basis und ein angenehmes WG-Feeling hatte ich da nur einmal.
Für mich war und ist klar: Ich möchte keine fremden Wohnungen mieten, keine Betten teilen und auch keine Dauerpräsenz in Clubs anbieten. Der Markt ist sowieso überlaufen, und ich habe keine Lust ständig unter Strom zu stehen, mich einem Konkurrenzdruck aussetzen zu müssen, Hinz und Kunz zu empfangen oder mich werbetechnisch an teure Portale, Vermieter und Betreiber zu binden. Werbung ist by the way auch ein sehr teurer Spaß, wenn man viel unterwegs ist.
Jedenfalls bin ich keine Wanderhure geworden. Und ich will auch keine mehr werden. Was für mich stimmig erscheint, muss nicht für andere gelten. Wichtig finde ich, dass man für sich selbst herausfinden kann, was sich richtig anfühlt.


Aus Kundensicht: ich habe Treffen mit einer Sexworkerin. Es hat mir gefallen und ich würde sie gerne wieder treffen. Sie ist aber ab der nächsten Woche hunderte Kilometer entfernt und wird vielleicht in ein paar Monaten für genau eine Woche in meiner Gegend sein. Mit einer standorttreuen Sexworkerin lässt sich eine Wiederholung einfach und spontan einrichten. Bei einer Wanderhure braucht man das Glück, dass sie gerade da ist, wenn man gerade will.