Paysex zwischen persönlichem Mehrwert und Selbstzerstörung
Mir ist jetzt schon öfter ein interessantes Phänomen begegnet: Gar nicht so wenige Sexworkerinnen sind in Wahrheit lesbisch oder entdecken in der Sexarbeit mit Männern, dass sie eigentlich lesbisch leben möchten. Manche Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass der Prozentsatz lesbischer Frauen in der Prostitution höher sei als in der Gesamtbevölkerung. Wie kann das sein, dass Frauen, die Frauen lieben mit Männern für Geld ins Bett gehen?
In dem einen oder anderen Männerprofil lese ich manchmal die Vorliebe “Lesben”. Ich denke, dass damit primär die erotische Interaktion zweier Frauen gemeint ist, bei der der Mann stiller Voyeur spielen möchte. Oder der heterosexuelle Mann empfindet es als ein Feuerwerk der Erotik von einer Anzahl schöner Frauen begehrt zu sein oder an der autonomen Leidenschaft sexuell aktiver Frauen teilhaben zu dürfen.
Aber abgesehen von dieser Phantasie ist es doch schon komisch, wenn der Mann mit einer Frau ins Bett geht, im hiesigen Beispiel im Rahmen von Paysex, und die Frau das eigentlich gar nicht wirklich möchte oder sogar in Wahrheit abstoßend findet ohne dies zu zeigen. Entsprechende Frauen können sich dann hinterher umso eher als Opfer der Sexarbeit inszenieren und ihrem Ekel gegenüber Männer ein Gesicht verleihen. Wobei dieses Phänomen nicht nur in der Sexarbeit vorkommt sondern auch im privaten Datingrahmen stattfinden kann.
In einem Zeitungsartikel gaben lesbische Frauen an, dass es nicht immer so leicht sei andere Frauen ad hoc zu finden mit denen sie intim werden könnten andererseits suchten sie auch ganz einfach Nähe und kämen so auf den Mann, weil das einfacher sei, auch wenn das Gefühl danach schlecht ist. Andere spalten ihre emotionale Ebene vollkommen von der sexuellen ab. Sie hätten mit Männern Sex, weil das einen Zweck erfüllt, aber nicht mehr. Einen erheblichen Stellenwert scheinen auch sehr negative Erfahrungen mit Männern zu haben. Wobei ich mir denke, dass es dann trotzdem auch schon vorher eine lesbische Veranlagung gegeben haben muss, die sie nicht wahrhaben wollen.
Weitere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass lesbische Frauen häufiger komplex traumatisiert seien, die Selbstachtung im Einzelfall niedriger wäre und da kann dann die Prostitution ein weiteres Mosaikstückchen einer Selbstzerstörung sein. Im Einzelfall sei die Prostitution so mancher lesbischer Frauen mit dem Konsum von n vergleichbar. Wieder andere lesbische Sexworkerinnen, etwa Straßenprostituierte, seien mitunter in Mädchenheimen groß geworden und der Umgang mit dem gleichen Geschlecht vertraut.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass feministische Forscherinnen gar nicht selten ein negatives Bild von Frauen in Sexarbeit zeichnen, weil diese häufiger lesbische Sexworkerinnen kennen dürften.
Im Prinzip ist es natürlich eine ganz persönliche Entscheidung, wer wann was und mit wem macht, sofern sie dabei niemanden verletzt. Dabei sollte aber nicht der Blick auf sich selbst vergessen werden.


Zu "Dabei sollte aber nicht der Blick auf sich selbst vergessen werden." ... Mit "Die Fragen sind so traumatisiert, dass ein Blick auf sich selbst nicht möglich ist" wird dann der Grundstein für die Entmündigung der Sexworkerinnen gelegt. Ich will nicht ausschliessen, dass feministische Forscherinnen - gefangen in diesem Verständnis - sogar in besten Absicht handeln. Zu traurig, wenn damit der beidseitig fruchtbaren Austausch in der Zwischenwelt erschwert wird.
Ob Menschen immer in guter Absicht handeln das glaube ich nicht.
Das sind interessante Hypothesen. Es wird schwer sein, sie zu belegen. Immerhin ist es eine mögliche Erklärung dafür, warum manche Aussteigerinnen so aggressiv gegen Sexarbeit argumentieren. Eine Frau, die Männer nicht anziehend findet, sollte keine Sexdienstleistungen für Männer anbieten. Das passt nicht. Wer eine Allergie gegen Mehl hat, wird auch nicht Bäcker.
Bei Männern, die vorgeblich auf Lesben stehen, vermute ich solche, die glauben, eine Lesbe müsste nur mal richtig durchgef... zu werden, um ihren "Irrtum" einzusehen und "bekehrt" zu werden. Ich sehe das ähnlich wie Massel. Eine gute Freundin von mir hat sich mal mit ihrer Lebensabschnittspartnerin darüber unterhalten, wie eklig sie es finden, in einem Schulbus zu fahren, weil die pubertierenden Jungen so nach Testosteron stinken würden. Ich weiß nicht, ob man das verallgemeiern kann. Wikipedia beschreibt Testosteron als fast geruchlose Substanz. Sind lesbische Frauen besonders empfindlich dagegen? Wenn ja, dann müssten sie sich ja fürchterlich überwinden, mit einem Mann Sex zu haben. Ein Date dieser Art finde ich in keiner Weise wünschenswert.
In meinem Blog beschreibe ich, dass manche lesbische Frauen eine bestimmte psychische Disposition haben und die lassen gewisse Gedankenspiele Wirklichkeit werden und dann Verhaltensmuster zu, die für Außenstehende sehr paradox klingen. Genauso paradox ist Sexarbeit, wenn Sexarbeitende konstatieren, dass das nur wegen dem Geld sei. Man braucht eine gewisse Disposition um in die Sexarbeit zu gehen. Das machen "durchschnittliche Menschen" freiwillig einfach nicht. Für manche hat diese Disposition einen Leidenswert und für andere, wie mich, komischerweise nicht. Ich habe sogar nach dem Paysex theoretisch noch Lust auf andere Männer^^ Vielleicht hat die hier beschrieben lesbische Frau Lust auf Nähe, Aufmerksamkeit und den Tabubruch oder sie spürt sich gar nicht. Das gilt übrigens auch für nichtlesbische Frauen. Mir würde alles vergehen, wenn die Männer und Kontexte nicht stimmen. Manch andere ist da auch schmerzlos. Für mich ist Erotik Kommunikation und Lebensfreude. Für andere bedeuten Erotik und Sexualität Trauma und ein Machtgefälle. Trotzdem setzen sie das Spiel der Geschlechter praktisch um, weil das vielleicht auch ganz einfach ein menschliches stereotypes Verhalten ist.
Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind haben eine Veranlagung, die es ihnen ermöglicht einseitig einem vollkommen fremden Menschen gegenüber eine Nähe, ein persönliches Gefühl und zwischenmenschliche Interaktion zu geben, die man normalerweise nur in einem sehr vertrauten Umfeld im wechselseitigen Interesse umsetzt. Die Ursache, die ich hierfür sehe würde ich nicht so hart mit den o.g. Punkten charakterisieren, sondern das Kind hat schon früher mehr geben müssen als es empfangen hat. Dafür können die Ursachen vielfältig sein. Und darausn muss jetzt auch nicht die Sexarbeit als einzige logische Konsequenz folgen. Wenn jemand aber in einem supermusikalischen Elternhaus groß wird und schließlich auch Musik zu seinem Beruf macht, dann spricht man nicht von Missbrauch obwohl die Prägung genauso monoton verlief und dem Kind später einen Beruf ermöglicht. Es gibt bestimmt auch noch andere Berufstätigkeiten, die eine gewisse Prägung und Veranlagung benötigen. Schlimm wird die Sexarbeit erst, wenn sie nicht unter freien Motiven erfolgt. Andererseits denke ich, dass Sexarbeit einen Rahmen von tatsächlich stattfindender Sexualität und Erotik darstellt und befriedigt, der nicht erst durch einen ursächlichen Missbrauch erschaffen wurde, sondern der im Menschen evolutionär begründet ist. Sonst gäbe es das ja gar nicht. Eine Disposition hat hier auch nicht nur die Sexworkerin, sondern auch jeder Freier und auch jeder andere Mensch in dieser Gesellschaft. Bei der Sexworkerin wird damit nur die Bevormundung durch die bürgerliche Gesellschaft unterstrichen und legitimiert.
Dazu muss man aber auch sagen, dass die Quellen, die das belegen möchten meistens sehr tendenziell sind und den Geist einer Diskreditierung der sexarbeitenden Bevölkerung in der Tradition der Wiener Psychiatriebewegung des 19. Jh. atmen. In diesem Kontext bewegen sich dann auch jüngere feministische, d.h. im Kern behaviouristische Ansätze.
Höchst interessant ! Danke !
Vielleicht ist die eigentliche Krux nicht die Sexarbeit in Frage zu stellen sondern wer sich in Sexarbeit unter welchen Dingen befindet. Andererseits wird es schwer sein mündige erwachsene Menschen in ihrem individuellen Sexualverhalten zu beeinflussen.
Mel, das ist leider sehr wahr. Einmal habe ich vermehrt von einer Frau §Kritik gegenüber Kunden§ wahrgenommen, die ich nicht so wirklich nachvollziehen konnte. Ich dachte so bei mir, warum bietet sie sich an - sie hasst Männer.^^ Monate später hat sie verkündet, sich abzumelden und eigentlich sei sie lesbisch. Muss ich nicht verstehen, aber gutes bringt das nicht. Es gab auch schon viele Fälle, wo nicht Homosexuelle Männer ausgetickt sind -Moshammer z.B. Ganz ehrlch, man sollte nur das anbieten, was man selbst mag!
Vielleicht bin ich manchmal etwas naiv oder beschäftige mich zu sehr mit mir selbst aber so klar war mir das bis vor kurzem noch nicht mit den lesbischen Sexworkerinnnen. Aber ich finde das Freierbashing und die Vertäufelung der Sexarbeit macht aus einer gewissen Ecke vor diesem Hintergrund Sinn. Sinn einer bestimmten destruktiven Argumentationstaktik. Ich könnte mir NIEEEE vorstellen irgendwas mit einem Typie umzusetzen, was ich nicht kenne oder nicht mag. Und ich habe ganz gewiss meine Grenzen. Ich finde es reizvoll mit unterschiedlichen Männern "zu verkehren" aber ich bin trotzdem jetzt nicht so "heftig drauf" und neben der erotischen Spielerei interessiere ich mich auch für eine gute Zeit zum Selbstzweck. In London war ich früher manchmal bei einem Sexworker Breakfast und manchmal kam ich mir da vor wie in einer queeren Szenerie. Das finde ich im Kontext von Sexworker Breakfast aus meiner Perspektive etwas ungünstig, weil die Zielgruppe von uns zu 100% ja eben das totale gegenteil davon ist und ich dann kaum weiß worüber ich mich mit manchen Leuten unterhalten sollte, weil das Thema Heterosexualität in queeren Kreisen ja auch überwunden werden soll. So a la Postgender. Ist nicht meine Baustelle. ich bin da auch eine andere Generation.
So absurd ist die These mit der lesbischen Sexworkerin gar nicht. Es kann viel leichter die emotionale Distanz in allen Belangen gehalten werden. Und was die körpernahe Komponente angeht: O.k. - Kein Sex aber es gibt ja auch andere Berufe, wo Frauen sehr nah an Männern arbeiten müssen. (z.B. Kranken/Altenpflege - Und das sind auch teilweise echt eklige Sachen) - Ich persönlich hätte gar kein Problem mit einer lesbischen Sexworkerin. (denn es geht mich als Kunden definitiv nichts an, ob sie hetero ist oder nicht) Wenn sie nett ist und ihren Job macht: Dann ist doch alles gut. :-)
ja, genau WENN sie den job GERNE macht...
Also ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die Dame ihren Job gerne macht. Nebenbei: Der Job hätte für sie auch den Vorteil, dass es keine Eifersucht von Seiten der Partnerin gibt.
naja, scheinbar ist das nicht immer so.
Es gibt heterosexuelle Männer, die in schwulen Pornos arbeiten, sie tun es für das Geld. Gleiches gilt für Lesben und asexuelle Frauen. Es gibt Veganer, die auch bei Macdonald arbeiten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Person ihren Job nur für das Geld macht, nicht nur beim Paysex. Ich persönlich kann Emotionen vom Sex trennen, und ich muss mich nicht von Männern angezogen fühlen, um meinen Job zu machen. it's about the illusion and money There Is heterosexual men that work in gay porn, they do it for the money. same with lesbians and asexual women. theres vegans who work at Macdonald too. its not uncommon that a person does their job only for the money, not only in paysex I personally can separate emotions from sex, and I don't need to be attracted to men to do my job
Nunja, nicht jeder heterosexuelle Mann würde so mal eben in einem schwulen Porno mitspielen. Die männliche Errektion kann man nämlich nicht spielen, d.h. es sind eher Männer, die dann doch auch eine gewisse bisexuelle Veranlagung haben. Zum anderen ist der "heterolike" Typus in schwulen Pornos, wie auch in der schwulen Wirklichkeit und auch in der Sexarbeit nicht unbedingt die Ausnahme sondern als solcher die Regel. Das geht sogar so weit, dass der heterosexuelle Mann in schwulen Pornos ein eigenes Genre darstellt. Ich kenne jetzt auch nicht so viele kritische Auseinandersetzungen mit den Darstellungen von heterosexuellen Männern in schwulen Kontexten. Obwohl die mit Sicherheit auch kritikwürdig sein könnten, weil die schon tendenziell in Richtung Umpolungsphantasien gehen bzw. in die Überschreitung der geschlechtlichen Integrität der Heterosexualität per se.