Mein Interesse am Mittelalter rührt von der Faszination für die Strukturen her, die schon immer das Begehren formen. In meiner Welt begegne ich den Sehnsüchten von Männern und stelle fest, dass wir die Mechanismen der Regulierung nicht neu erfunden haben. Ein oft zitiertes Bild für den Versuch, die Lust zu bändigen, ist der Keuschheitsgürtel, doch er zeigt mir, wie Mythen unsere Wahrnehmung verzerren. Er findet sich in den Sammlungen des 19. Jahrhunderts, denn im 11. Jahrhundert war eine dauerhafte Nutzung technisch kaum möglich. Ohne Antiseptika hätte das Metall die Haut innerhalb weniger Tage zerstört.
Anstatt auf physische Barrieren vertraute man auf bürokratische Regeln, die mich an die modernen Dynamiken erinnern. Was mich an dieser Epoche fesselt, ist die Abwesenheit von der Privatsphäre. Man liebte sich in engen Räumen, durch einen Vorhang vom Vieh oder den Kindern getrennt. In den Hütten schlief man auf einem Lager nackt, Haut an Haut, um die Wärme zu nutzen. Die Physiologie war kein Geheimnis, sie war Alltag, daher war der Kirchenkalender so wichtig. Unter Berücksichtigung aller Fastenzeiten blieben für die legale Nähe weniger als fünfzig Tage im Jahr. Die Kirche fungierte dabei als Buchhalter der Lust.
Während die Priester Enthaltsamkeit forderten, warnten die Ärzte vor den Gefahren des Verzichts. Die Medizin jener Zeit besagte, dass die Gebärmutter ein Lebewesen im Körper sei, das nach Erfüllung dürste. Bei langem Verzicht könne sie im Körper umherwandern und Herz oder Lunge einschnüren, was Anfälle auslöse. Die Ärzte verschrieben das Vergnügen oft als das einzige Heilmittel: ein Rezept, das mir charmant erscheint.
Selbst das Kirchenrecht bot eine Gleichstellung. Die körperliche Nähe wurde als eine juristische Schuld beschrieben. Im Moment der Trauung unterzeichneten die Partner einen Vertrag über den Austausch ihrer Körper. Ein Mann hatte kein Recht, seiner Frau den Dienst zu verweigern, um ihre Seele nicht in Versuchung zu führen. Vernachlässigte er seine Pflichten, konnte die Frau ihn vor Gericht bringen, wo seine Potenz von Hebammen physisch geprüft wurde.
Doch nicht nur das Gesetz, auch der Aberglaube übte eine Macht aus. Nichts fürchtete ein Bräutigam mehr als die magische Bindung seiner Kraft durch einen Rivalen. Man glaubte, dass ein Knoten in einer Schnur, während der Priester den Segen sprach, die männliche Macht blockieren könne. Diese angst vor dem Zauber des Knotens war so tief verwurzelt, dass manche Männer vor dem Altar jede Schnur an ihrer Kleidung lösten, um sicherzustellen, dass keine Barriere ihre Männlichkeit gefangen hielt.
Dieses System betraf den Klerus. Viele Priester lebten offen mit Frauen zusammen, die als Haushälterinnen galten. Zur Legalisierung dieser Zustände erhoben die Behörden eine Gebühr, was faktisch einer Lizenz für das Familienleben der Geistlichen entsprach.
War die Intimität bis dahin ein streng verwaltetes Gut, so änderte die Pest im 14. Jahrhundert diese Wahrnehmung. Da der Schwarze Tod fast die Hälfte der Bevölkerung raubte, verlor die Moral der Kirche ihren einschüchternden Charakter. Wenn das Leben morgen enden kann, spielt die Moral keine Rolle mehr. Dies rückte den Körper ins Zentrum: Männer trugen Schamkapseln, um ihre Potenz zu zeigen, während die Frauen auf eng anliegende Kleider setzten.
Wenn ich heute auf diese Geschichte blicke, sehe ich, wie subjektiv unsere Vorstellungen von Tabus sind. Es ist ein Kontrast, dass das Aufsuchen käuflicher Liebe in Frauenhäusern damals als normale soziale Maßnahme zum Schutz der Ehe galt, während es heute als undenkbar gilt. Vielleicht ist es das Erbe der viktorianischen Ära oder eine globale Moral, die uns heute in engere Grenzen zwingt. Wir halten uns für freier, doch wir haben die alten Begriffe lediglich durch neue Konzepte ersetzt. Der Mechanismen der Regulierung bleibt gleich, und man kann die Biologie nicht einfach abschalten: sie findet immer ihren Weg. ✨


Hätte – hätte – Fahrradkette!! Ja, hätte Jesus sich auch zu Sexualität geäußert, dann wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. In der Bibel ist viel über die Liebe zu lesen, aber wenig bis nichts über Sex. Es gibt zwar vage Hinweise darauf, wie mit Prostituierten verfahren wurde. Aber keine eindeutigen Aussagen zur Homosexualität und zum unehelichen Geschlechtsverkehr. In diese Lücke stieß die „heilige Mutter Kirche“ mit ihrer Sexualmoral. Der Klerus betrachtete es als seine Aufgabe, den Leuten zu erzählen, dass Sex ihre Seele bedrohte. Man fand also Gründe, die zum Ausschluss aus dem Paradies führten: u. a. Homosexualität, Ehebruch oder Sex nur aus Spaß. Aber zum Glück gab es ja die Möglichkeit zur Sühne …… Wer von den übrigen, interessierten Leserinnen und Lesern möchte an dieser Stelle den Faden aufnehmen und weiterschreiben? Vielleicht mit einem Ausflug in die Sexualmoral des 19.Jahrhunderts?
Hätte, hätte... aber im Ernst: Zur Zeit Christi gab es sicher noch keine Fahrradketten. 😉
Mir ist diese Redewendung durchaus bekannt, doch ich halte sie für viel zu flach für das gehobene Thema, das ich in diesem Blog gesetzt habe. Es ist bedauerlich, dass Ihnen die Eleganz meines kleinen Scherzes entgangen ist.
Da Sie so gerne Literaturlisten teilen, habe ich auch eine Empfehlung für Sie: Jan Weiler, „Das Pubertier“. Ein wunderbares Werk zur Selbstanalyse für alle, die in einer verzögerten Pubertät feststecken. Viel Erfolg beim Lesen.
und Sie sollten sich vertrauensvoll an Paula Ebner wenden!
Interessanter Einblick, heute ist es kaum noch vorstellbar wie man früher gelebt hat, und es hat doch funktioniert mit oder ohne Fahrradkette... Was sicher war früher war ein autarker Lebensstil einfacher möglich als heute, und ja auch das Liebesleben war auch anders, wahrscheinlicher noch erfüllender als heute. Eine Fortsetzung des Blogs wäre sicher interessant, soll dann auch von allen geschätzt werden. Da doch schnell einige Stunden an Recherchen draufgehen.
Hallo falkenflieger, herzlichen Dank für Deine schönen Worte. Es freut mich sehr, dass Du die Zeit und die Leidenschaft spürst, die ich in meine Texte lege. Die Recherche ist für mich wie eine Reise in eine andere Welt, und es ist ein Kompliment, wenn Leser diese Reise mit mir teilen. Als kleinen Ausblick: Ich bereite gerade einen Beitrag über die Bordelle des Mittelalters vor. Es ist ein faszinierendes Thema, das viel tiefer geht, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Schön, dass Du dabei bist. Ich freue mich auf Deine Gedanken zu meinen nächsten Texten.