Warum Selbstbestimmung mehr ist als nur ein Wort in der Sexarbeit
Ich habe in den letzten Jahren vieles gesehen und erlebt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir: Der schlechte Ruf, den Sexarbeit oft hat, liegt selten an den Menschen, die sie ausüben. Er entsteht durch die Bedingungen, unter denen sie stattfinden muss, und durch Menschen, die von außen darüber sprechen, ohne Teil davon zu sein.
Ich gehöre zu den selbstbestimmten Sexarbeitenden. Ich bin allein, gestalte meine Dates selbst und habe keine Dritten im Hintergrund. Das ist mein Weg. Ich weiß aber, dass nicht alle diese Freiheit haben. Viele landen nicht zufällig in der Sexarbeit, sondern durch äußere Umstände und sozialen Druck.
Was mich immer wieder irritiert: Wenn über Sexarbeit gesprochen wird, sitzen oft gerade die mit am Tisch, die nie oder kaum in diesen Kontexten unterwegs waren. Manche kennen diese Branche nur aus ihrem Vorurteil, andere kommen aus völlig anderen Berufen und sprechen trotzdem stellvertretend.
Es überrascht nicht, dass echte Erfahrungen dabei oft untergehen. Vor Kurzem habe ich versucht, mich in eine Gruppe einzubringen, die sich mit Themen beschäftigen will, die uns als Sexarbeitende direkt betreffen. Mein Anliegen war konkret. Wie gehen wir als Betroffene mit Freierforen um? Also mit den Orten im Internet, wo anonym über uns geschrieben wird. Häufig verletzend und manchmal schlimmer. Ein Thema, das viele betrifft, unabhängig davon, wo und wie sie tätig sind.
Doch das Gespräch driftete schnell ab. Es ging kaum noch um unseren Alltag, sondern um Themen von außen. Viel Blabla, wenig Substanz. Ich hörte zu und wartete, dass ich endlich zu Worte komme.
In Gruppen setzen sich oft diejenigen durch, die am lautesten reden oder am schnellsten reagieren. Nicht die, die etwas aus Erfahrung sagen könnten. Ich weiß, dass ich kein Gruppenmensch bin. Ich funktioniere besser im Gespräch zu zweit oder wenn ich meine Gedanken für mich ordne. In größeren Runden fühle ich mich schnell fehl am Platz, besonders wenn es mehr um Selbstdarstellung geht als ums Zuhören.
Was ich aus dieser Erfahrung mitnehme? Sexarbeit wird sehr unterschiedlich gelebt. Nicht alle verfolgen dieselben Interessen. Für manche ist es eine Überlebensstrategie, für andere ein Geschäft, für viele einfach ein Job. Und dann gibt es jene, die nur darüber reden.
Ich glaube, Selbstbestimmung beginnt da, wo man eigene Entscheidungen trifft. Mündigkeit heißt, Dinge beim Namen zu nennen. Solidarität bedeutet, einander zuzuhören, statt nur das eigene Thema in den Vordergrund zu stellen.
Ich mache diesen Job, weil ich ihn mag. Natürlich gibt es auch Erfahrungen, die Kraft kosten. Aber das Spannende an Sexarbeit ist für mich, wie unmittelbar und ehrlich sie ist. Da ist wenig Platz für Fassaden. Ich weiß, wer ich bin und was ich will. Und vielleicht ist das schon mehr Selbstbestimmung, als viele von außen vermuten würden.

