Wie man im Barock über Sexarbeit dachte
Wir leben in einer Zeit, in der es immer noch fast normal ist, auf Menschen in der Sexarbeit mit dem Finger zu zeigen. Die üblichen Vorurteile kennt jeder. Vor diesem Hintergrund habe ich in einem alten Lexikon aus dem 18. Jahrhundert rumgeblättert. Und zwar im berühmten Universal-Lexicon von Johann Heinrich Zedler, das ab 1731 in Leipzig erschien und als das größte Lexikon des europäischen Barock gilt. Mich hat interessiert, wie früher die Vorurteile aussahen.
Im 18. Jahrhundert bezeichnete „Prostitution“ noch keinen reinen Sexbegriff, sondern ganz grob eine Rufschädigung an sich selbst. Erst später verengte sich der Blick auf das Feilbieten des eigenen Körpers. Der Begriff Prostituierte findet sich in diesem Lexikon noch nicht. Jedoch eine ganze Menge in Richtung Hure.
Angefangen mit dem berühmten Pythagoras. Der steht nicht nur für Dreiecke. Er war, laut Zedler, der festen Überzeugung, sich an seine früheren Leben zu erinnern. In einer dieser Seelenwanderungen will er eine antike Hure gewesen sein.
Da die Heilige Schrift das Alltagssleben massiv beeinflusste, finden sich sämtliche alttestamentlichen Textstellen zum Thema Hure. Als Hurerei wurde dort auch das Paktieren mit fremden Mächten betrachtet oder sich den üblichen Gepflogenheiten nicht anzupassen.
Man findet viele antike Hetären im Lexikon. Eine hieß Lais. Die rief so hohe Preise auf, dass der Redner Demosthenes trocken ablehnte: Er wollte das, was er danach bereut, nicht so teuer einkaufen.
Man erfährt von einer tugendreichen griechischen Hure namens Leaena. Die wurde für ihre Verschwiegenheit gefeiert. Ein Denkmal auf der Akropolis scheiterte aber schon damals an den Vorurteilen.
Thonis war eine ägyptische Hure, in die sich ein junger Mann verliebte. Sie forderte astronomische Summen, worauf er davonging. Im Schlaf erschien ihm Thonis, umarmte und heilte ihn von seinem Verlangen. Als Thonis davon erfuhr, verlangte sie erneut eine Bezahlung...
Als Nächstes schaue ich mir damalige "Fachartikel" an.
Alle Arten von unehelichem Beischlaf wurden als Hurerei bezeichnet. Der Hurenwirt hieß auch Gelegenheitsmacher. Wer Zuneigung nur vortäuschte, verteilte einen "verhurten Kuss".
Ein "Prostibulum" war eine öffentliche Hure, die sich zügellos verhielt. Das zielte damals aber nicht primär auf finanzielle Interessen ab, sondern vor allem auf die laxe Partnerwahl.
Unter "Meretrix" verstand man nicht nur Prostituierte, sondern alle unmoralischen Frauen. Das führte zum Verlust aller Ehrenrechte. Die Definition schloss auch fremdgehende Ehefrauen ein.
"Behuren" beschrieb den männlichen Part in diesem barocken Bildnis eines Sittenverfalls. Wer eine unverheiratete Frau beschlief, machte sie zur Hure. Ihr gesellschaftlicher Stand war damit futsch.
Der Hauptartikel zum Thema Hure stellt klar: Armut sei keine Ausrede. Nicht nur finanzielle Interessen machen eine Frau zur Hure, sondern auch unschickliches Verhalten.
Illustriert werden auch die "Fachartikel" mit antiken Hinweisen. Ehrbare Frauen trugen im Alten Rom lange Kleider. Römische Huren mussten kurze Röcke tragen. So wollte es die Kleiderordnung. Bordelle durften erst ab 15 Uhr per Glockenschlag öffnen. Die jungen Männer sollten schließlich vormittags nicht von ihren Studien abgehalten werden.
Last but not least erfahren wir, dass mittelalterliche Professoren sich der Frage annahmen, ab wie vielen Männern eine Frau eigentlich eine Hure sei. Man kam damals auf die Zahl 23.000, was der Autor des Lexikons aber für völlig "impossibilium" hielt.
