Das Mittelalter war gar nicht so dunkel wie es oft beschrieben wird. Interessant ist, wie die damalige Gesellschaft in Europa mit der Prostitution umging. Es war ein Hin und Her zwischen Duldung und Verbot. Die vorherrschende Haltung war vom Kirchenlehrer Augustinus formuliert worden: Prostitution ist das kleinere Übel. Das größere Übel wäre, wenn die Ehe als Institution durch außerehelichen Verkehr gefährdet würde. Es gab nämlich zahllose Männer, die nicht heiraten konnten oder es nicht durften. Diese würden nach der Vorstellung von Augustinus ihren Trieb durch Sex mit Jungfrauen oder gar verheirateten Frauen befriedigen. Das war das größere Übel.
Also wurden in den Städten Bordelle gegründet, die zum Teil vom Stadtrat oder gar von der Kirche betrieben wurden. Der Trend dazu verbreitete sich in ganz Europa. Die Prostitutierten (die vorher von Ort zu Ort wanderten) unterschrieben in den Bordellen eine strenge Ordnung, die regelte wie viel Kunden sie zu bedienen hatten, wann sie keine Kunden bedienen bräuchten ( etwa während ihrer Regel), und was ihre Rechte waren. Rechte gab es nicht viele, aber ein Recht war, dass sie zum Gottesdienst gehen durften. Immerhin. Das war damals sicher sehr geschätzt.
Verheirateten Männern war der Gang ins Bordell streng verboten. Der Zweck war ja, dem Trieb der unverheirateten Männer ein Ventil zu schaffen, damit diese nicht die bürgerliche Ehe beschädigten. Die Prostitutierten hatten ein geringes Ansehen. Sie mussten sich mit farbigen Schleifen (meist in der liederlichen Farbe Gelb) kennzeichnen.
Die Blütezeit der mittelalterlichen Prostitution war das 15. Jahrhundert. Zu den Kontrollen kamen nicht nur Bischöfe, sondern über tausend Prostituierte. So etwa zum Konzil in Konstanz.
Nach 1500, also zu Beginn der Neuzeit, setzten sich die Kräfte, die ein Verbot der Prostitution anstrebten, mehr und mehr durch. Die offiziellen Bordelle wurden geschlossen. Die Prostitutierten müssten wieder untertauchen. Dazu kam ein unangenehmes Mitbringsel aus dem neu entdeckten Amerika: die Syphilis.
Irgendwie wiederholt sich die Geschichte...

