Kürzlich stellte ein vom Familienministerium gefördertes Modellprojekt zum Ausstieg aus der Prostitution seine Ergebnisse vor. Ganze drei Beratungsstellen waren in Deutschland daran beteiligt. 362 Prostituierte haben an diesen Ausstiegsprojekten teilgenommen; nur 68 Frauen konnten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt werden. Ein maues Ergebnis für ein mehrjähriges Projekt, das nun ausgelaufen ist.
Offenbar ist es so, dass die meisten Frauen in der Prostitution ohne Hilfe von Beratungsstellen aussteigen. Anders sind die niedrigen Zahlen nicht zu erklären, wenn man von Schätzungen zwischen 200.000 bis 400.000 Frauen in der Branche ausgeht.
Was sind die Gründe, einen Ausstieg in Betracht zu ziehen?
Zum einen ist Sexarbeit eine körperliche und geistige grosse Herausforderung und mitunter seelisch belastend. Der Job ist üblicherweise nicht für die Ewigkeit angelegt. Man macht es nur über einen bestimmten Zeitraum und orientiert sich dann neu. Das Alter ist der häufigste Grund, sich neu zu orientieren. Auch in der Prostitution gibt es wie in anderen Berufen die Möglichkeit eines Burn-Outs. Oft resultiert er daraus, dass man ein Doppelleben führen muss, was sehr kräftezehrend ist. Dies über viele Jahre durchzuhalten, ist eine enorme Anstrengung. Hinzu kommt das Risiko der Gewalt. Irgendwann kommt einfach das Bedürfnis nach einem Job, der Sicherheit, Anerkennung und Geborgenheit, ein regelmässiges Einkommen verspricht.
Laut der Forschungsergebnisse im erwähnten Modellprojekt braucht deshalb jede zehnte Frau beim Ausstieg Unterstützung, bei einem Drittel länger als ein Jahr. Viele, die aussteigen, befinden sich demnach in einer schwierigen Situation; sei es psychisch, körperlich und finanziell. Um sich neu zu orientieren, müssen daher erst einmal die aktuellen Lebensverhältnisse gefestigt werden. Schliesslich stellt sich bei der beruflichen Neuorientierung die Frage, wie man die Lücken im Lebenslauf schliessen soll. Besser ist es dabei, nicht die Wahrheit zu sagen und kreative Antworten zu finden. Es ist leider Tatsache, dass man bei einem Outing viele Türen verschliesst und d.h. Jobperspektiven wegbrechen. Man muss schon einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber haben, wo dies nicht der Fall ist.
Es gibt auch viele Hindernisse bei einem Ausstieg. Da ist zum einen das finanzielle Problem: oftmals will man nicht Hartz IV beantragen und zum Jobcenter gehen. Auch weil dort oftmals unterstellt wird, dass man als Escort so gut verdient hat, um Geld auf die Seite zu schaffen. Dabei ist durch eine Studie belegt, dass der durchschnittliche Nettoverdienst eines Voll-Profis bei etwa 1.200-1.500 Euro im Monat liegt. Bei dieser Studie wurden 300 Frauen bundesweit befragt.
Welche Fähigkeiten hat man sich in der Zeit der Prostitution nun angeeignet, mit denen man beruflich punkten kann? Da die allermeisten Frauen selbständig sind, sind sie meist grosse Organisationstalente und verfügen über sehr viel Selbstdisziplin. Auch Kommunikationsstärke ist ein weiteres Plus. Wo, wenn nicht in diesem Job, wird über alle Kanäle und vor Ort mit Kunden soviel miteinander kommuniziert?
Wenn man sich nicht ganz von seinem alten Job trennen möchte, könnte man auch in Beratungsstellen arbeiten und soziale Arbeit machen. Sofern die Beratungsstellen für (ehemalige) Prostituierte Jobs schaffen könnten und man sich entsprechend weitere Qualifikationen aneignet. Es gibt vereinzelt sogenannte Peer-Projekte wie in Berlin, wo Prostituierte in der aufsuchenden Sozialarbeit am Strassenstrich oder im Bordell eingebunden sind und anderen Kolleginnen mit Rat und Tat beiseite stehen.
Häufig ist es auch so, dass man die Prostitution verlässt, aber wieder einsteigt, weil man woanders nicht Fuss fasst oder nicht so viel verdient. Wie in der Gastronomie.
In jedem Fall ist es daher sinnvoll, so früh wie möglich an Vorsorge zu denken und zu Zeiten, wo es in der Sexarbeit gut läuft, Geld zu sparen, um es an anderer Stelle investieren zu können. Am besten auch, diesen Job nicht hauptberuflich zu machen, sondern nur nebenbei und in eine Ausbildung Zeit zu investieren. Dies kann man nicht oft genug sagen, da man bei einem Ausstieg häufig ohne berufliche Perspektiven und Geld dasteht.
In diesem Sinne drücke ich allen die Daumen, die den Gedanken haben auszusteigen. Glück braucht man, denn Hilfestellung ist dabei von staatlichen Stellen kaum zu erwarten. Es gibt vereinzelt Beratungsstellen für Prostituierte, die auch in Fragen des Ausstiegs beraten. Erkundigt Euch in Eurer Stadt!
Hier im Kaufmich Magazin in der Rubrik Gesundheit & Sicherheit findet Ihr Kontaktadressen sowie auf unseren Infoseiten findet Ihr eine Auswahl von Beratungsstellen in Eurer Nähe.
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