Die Autorin Nora Bossong hat ein neues Buch vorgelegt: Rotlicht. Es ist ein Reportageband über kommerzialisierte Sexualität in Deutschland. Bossong leuchtet das Sexgewerbe aus und lässt die verschiedensten Protagonisten zu Wort kommen. Dafür hat sie ein Jahr lang recherchiert, u.a. die Sexmesse Venus, Pornokinos, Swingerclubs und Bordelle besucht und mit Sexarbeiterinnen gesprochen. Auch ein Pornoproduzent, eine Sozialarbeiterin sowie eine Prostitutionsgegnerin kommen zu Wort. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Geschichte hinter dem Dortmunder Sperrbezirk, der vor einigen Jahren ausgeweitet wurde. Die Autorin verdient ein Fleisskärtchen. Hat sie sich doch vorgewagt in eine Realität, die mitten in der Gesellschaft stattfindet und nicht ausserhalb. „Normale“ Frauen haben zu dieser Welt kaum Zutritt, weshalb Bordellführungen oder Table Dance Schnupperkurse im Frankfurter Bahnhofsviertel bei neugierigen Besucherinnen auch regelmässig reissenden Absatz finden.

 

Aber wie das bei Aussenstehenden, Journalisten und Autoren oft so ist, man kann sich noch so bemühen, hinter die Fassaden zu blicken: um Antworten auf kritische Fragen zu finden, blickt man doch immer durch einen Filter eigener Vorannahmen. Eine Vorannahme ist z.B. das Prostitution prinzipiell eine Domäne männlicher Lust ist und Frauen in dieser Domäne zwangsläufig untergeordnet sind und nicht als selbstbestimmte Akteure auftreten. Eine Ausnahme soll dabei die Tantra Massage sein: hier sei man auf Augenhöhe und es geht nicht um ‚benutzte Körper‘, sondern um saubere statt schmutziger Sexualität. Als ob es Sex auf Augenhöhe in der Sexarbeit nicht gäbe. Übrigens das neue Prostituiertenschutzgesetz macht da keine Ausnahme und rechnet Tantra den sexuellen Dienstleistungen zu.

 

Benutzte Körper: so sieht es jedenfalls die Autorin, die die Sexmesse Venus besucht oder mit ungarischen Frauen vom Strassenstrich spricht. Was fehlt sind auch transidente und queere Sexworker, Callboys sowie Kunden, die auch nicht über einen Kamm zu scheren sind. Das Hauptaugenmerk sind also Frauen, da sie prozentual die Mehrheit im Sexgewerbe ausmachen. Zwar begibt sich die Autorin gelegentlich in die Rolle einer Kundin, aber weniger um Sex zu haben, sondern um dem Gegenüber gegen Bezahlung Antworten zu entlocken. Sich in eine Sexarbeiterin einzufühlen, gelingt dann eben doch nicht.

 

Überraschend mag für einige sein, dass nicht wenig Frauen, am Strassenstrich tätig, auch über einen Escortservice buchbar sind. Diese Sphären, die häufig in der Theorie und Vorstellungswelt so strikt getrennt sind, sind es in der Praxis nämlich nicht. Als Ex-Hure teile ich mit der Autorin aber durchaus den kritischen Blick auf das Gewerbe: während ich mich immer als Beischlafbeobachterin bezeichnete, die keine Höhen und Tiefen ausgelassen hat, kommt mir ihre Reportage dann doch eher flach vor: als würden seltene Tiere im Zoo bestaunt.

 

Allerdings ist die Realität doch etwas bunter, als man aufgrund des Buchs annehmen könnte. Man hätte sich u.a. Gespräche mit Aktivistinnen auf Seiten der Prostitutionsbefürworter gewünscht, die durchaus ein differenziertes Bild ihres Gewerbes zeichnen können. Zum Beispiel gibt es ja ein regelrechtes Klassendenken zwischen Strassenstrich und High Class Escort, aber nur, weil die individuelle Stellung vor allem von Privilegien und Marketing abhängt. Das mittlerweile mehrheitlich Migrantinnen in der Sexarbeit tätig sind, ist auch bei Aktivistinnen kein Geheimnis.

 

Immerhin kommt die Sozialarbeiterin Joanna von der Beratungsstelle und Hurenorganisation HYDRA in Berlin zu Wort, die wie andere von früheren Zeiten schwärmt, wo die „Freier in Berlin noch respektvoll mit den Frauen umgegangen sind.“ Dies habe sich in den letzten zehn Jahren zum Nachteil geändert, da mit Dumpingpreisen auch ein verändertes Kundenverhalten einhergeht. Nichts wirklich neues auch die weit verbreitete Klage, dass die „EU Osterweiterung die Preise kaputt gemacht hat“. Dabei gab es in nicht wenigen Berliner Wohnungsbordellen bereits vor 20 Jahren für 30€ Französisch und Verkehr und wenn man es genau betrachtet gibt es über die letzten Jahrzehnte kaum Preissteigerungen im Gewerbe. Manch eine wirbt noch „mit Preisen wie zu 1977“. Und das Wohnungsbordelle, die von einer Frau geleitet werden (die früher meist selbst Hure war) automatisch bessere Arbeitsbedingungen haben, das wag ich zu bezweifeln. Ich selbst hab in drei Bordellen unter weiblicher Leitung auch sehr negative Erfahrungen gemacht, wo es weder Security noch Alarmknopf gab und auch niemand zu Hilfe eilte. Wie sagte eine Puffmutter kaltschnäuzig zu mir: bei diesem Job darf man nicht zimperlich sein.

 

In diesem Zusammenhang sei auch das Gespräch mit Huschke Mau erwähnt. Huschke Mau hat sich zur Prostitutionsgegnerin gewandelt, nachdem sie als Prostituierte Gewalt und Erniedrigung erfahren hatte. Wer will ihre Erfahrungen leugnen? Die daraus folgende Logik aber, die sie und andere Prostitutionsgegnerinnen ziehen, ist haarsträubend. Als Folge des Sexkaufverbots, für das auch sie plädiert, konnten sich schlechtere Arbeitsbedingungen erst entwickeln, einhergehend mit Gewalt an Sexarbeiterinnen, da die guten Kunden fern bleiben. Warum will man Verbote, die mehr Opfer schaffen? Werden sie einfach als Kollateralschaden hingenommen wie in den USA? In Ländern mit Prostitutionsverboten haben Sexworker keine Rechte. Rechte sind aber die Grundlage, um gut und sicher zu arbeiten. Ich vermisse dabei eher die uneingeschränkte Solidarität von feministischer Seite und den Informationsaustausch z.B. mit der schwedischen Sexworker Organisation Rose Alliance, die die Situation vor Ort am besten einschätzen kann sowie weiteren Aktivisten in Ländern mit Sexkauf Verbot wie Frankreich oder Nordirland. Alles in allem wird ein deprimierendes Bild gezeichnet, dass in Teilen ja zutrifft. Und damit meine ich nicht nur Bossongs Beschreibung von spiessigen Berliner Swingerclubs, wo sich die Autorin umringt von Aldiletten Trägern und Nudelsalat wiederfindet, sondern miserable Arbeitsbedingungen, unter denen viele werkeln.

 

Deutlich wird ihr Standpunkt, wenn sie folgendes sagt: „Das jedenfalls, was ich in der Tabledance Bar und auf der Sexmesse gesehen habe, schien mir doch beide Male eine eklatante Entzauberung von Sexualität darzustellen. Wirkliches Be­gehren dagegen erzählt für mich immer auch eine Geschichte und hat dadurch etwas Einmaliges. Handel läßt sich damit nicht treiben. Letztlich muss ich mir eingestehen, interessiere ich mich für nichts so sehr wie für vollkommen unverkäuflichen Sex, bei dem mich das Gegenüber tiefer als nur rein physisch berührt…“Aber diese Erfahrungen bleiben nicht nur der Autorin vorbehalten: viele Sexdienstleisterinnen unterscheiden klar zwischen ihrem eigenen Begehren, das ihrem Privatleben vorbehalten bleibt und der Sexdienstleistung mit einem Kunden. Im übrigen wissen viele SexarbeiterInnen von guten Kunden zu berichten und empfinden sogar echte Lust während einer bezahlten Begegnung. Und das ist nicht nur Werbung.Und was heisst Entzauberung von Sexualität? Klar ist, dass das Rotlicht-Gewerbe durchökonomisiert ist, aber welche Branche ist es nicht? Sexarbeit ist Arbeit und in der Praxis ziemlich weit weg von jeglicher Sozialromantik.

 

Unterm Strich betrachtet fördert das Buch kaum neue Wahrheiten zutage, wenn man die Branche gut kennt. Aber das Anrüchige findet natürlich immer seine Leser, die „fasziniert oder vielleicht sogar mitleidig, aber immer sicher auf der Couch zurückgelehnt“ sitzen.

 

 

 

  • Nora Bossong: Rotlicht, Hanser Verlag, München 2017, 240 Seiten, 20 Euro

 

Written by Susi


2 Kommentare

Anonymous

Geschrieben

Hätte ich mich damals bei den Interviews für mein Buch "Abenteuer Hure" bezahlen lassen, hätte ich selten die Wahrheit gehört, aber elle möglichen Gefälligkeitsaussagen bekommen. Wie kann man nur so naiv sein.

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Anonymous

Geschrieben

Das Buch hatte ich auch schon im Focus.... Interessant finde ich die völlig außenstehende, weibliche Betrachtungsweise einer immerhin Bachmann-Preisträgerin. So ganz unrecht hat sie nicht mit "...dass Prostitution prinzipiell eine Domäne männlicher Lust ist und Frauen in dieser Domäne zwangsläufig untergeordnet sind". Ebenfalls nachvollziehbar, dass die Autorin nach ihren Recherchen und so viel Realismus (Gang Bang etc.) erstmal zum Cleaning in ein Kloster mußte. Auf jeden Fall verändert das Metier seine Teilnehmer und das nachhaltig.

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