Gütesiegel für Bordelle

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Stephanie Klee, engagierte Aktivistin, Sexarbeiterin, Gründerin des Bundesverbandes sexuelle Dienstleistungen (BSD e.V.) in Berlin, hat ein Gütesiegel für Bordelle auf den Markt gebracht. Wir wollten wissen, was es damit auf sich hat. Die Fragen stellte Susi.

Der BSD (Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V.) vergibt seit kurzem Gütesiegel für Bordelle. Wie kam es zu dieser Initiative und warum brauchen Bordelle Gütesiegel?

Seit unserer Gründung im Jahre 2002 haben wir uns immer wieder mit dem Thema Qualitätssicherung, Image und Realitäten in der Prostitutions-Branche auseinandergesetzt und bei Mitgliederversammlungen und Seminare über ein eigenes Gütesiegel – z. T. sehr kontrovers – diskutiert. Dabei war immer die entscheidende Frage: was können wir damit erreichen? Mit dem BSD-Gütesiegel bestätigen wir Qualität, zeigen Transparenz, bieten einen gewissen Service an Informationen für SexarbeiterInnen, Kunden, Behörden und sonstige Interessierte und
zeigen Seriosität.

Das BSD-Gütesiegel bestätigt:
Der hier zertifizierte Betriebe wird nach bestimmten Mindeststandards geführt und distanziert sich klar gegen die ständig vorgeworfenen Klischees von Gewalt, Zwang und Kriminalität. Es war an der Zeit offensiv eigene Standards zu setzen und aktiv für ein gutes Image einzutreten!

Nach welchen Kriterien wird über die Vergabe von Gütesiegeln entschieden?

Das BSD-Gütesiegel der Stufe I
– beinhaltet einen Fragekatalog mit unseren Mindeststandards, wie den Stammdaten des Betriebs, Angaben über die Ausstattung, wie z. B. einen Feuerlöscher
– und die Selbstverpflichtungserklärung, die im Betrieb öffentlich aushängt und eine klare Positionierung gegen jegliche Gewalt und Kriminalität darstellt.

Das BSD-Gütesiegel der Stufe II wird dann ab nächstem Jahr zusätzliche Differenzierungen vornehmen und 1-6 Kronen (ähnlich den 5 Sternen der Hotels) vergeben.

Werden durch das Gütesiegel Mindeststandards für gutes und sicheres Arbeiten definiert?

Bei dem Gütesiegel geht es zunächst „nur“ um Rahmenbedingungen der Arbeit, die natürlich entscheidenden Einfluss auf die Arbeitssituation, die Arbeitsatmosphäre und die Arbeitsbedingungen haben. Und Fragen wie z. B.
Wird die Selbstständigkeit von SexarbeiterInnen gewährleistet? oder wird ihre Professionalität z. B. mit Infos und Workshops unterstützt, bewegen sich in die Richtung von Kriterien für gutes und sicheres Arbeiten. Doch letztendlich sind dies große Worte, die in der sonstigen Arbeitswelt meist eine andere Bedeutung haben und in unserer Branche noch weitestgehend entwickelt werden müssen.

Welche Interessen verfolgen Bordellbetreiber, sich nach Mindeststandards klassifizieren zu lassen? Ist doch auch gute Werbung oder?

Natürlich geht es den Betrieben um gute Werbung. Jede Imagekampagne ist auch Werbung. Und es geht um Kundenbindung, die der SexarbeiterInnen und deren Kunden. Und: das Gütesiegel stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar. Aber es ist auch ein klares, öffentliches Bekenntnis zu der Branche und ein Auftreten, wie es im sonstigen Wirtschaftsleben normal und üblich ist.

Wie viele Betriebe erhalten derzeit  Gütesiegel?

In einem ersten Schritt sind deutschlandweit 24 Betriebe zertifiziert worden, dabei sind kleine und große Wohnungsbordelle, Fensterprostitution, Terminwohnungen, Laufhäuser, Clubs und Bars. Alle sind in unserer Datenbank aufgeführt: http://www.bsd-ev.info/guetesiegel/datenbank/index.php Weitere stehen schon in den Startlöchern und deren Zertifizierung wird kontinuierlich folgen.

In welcher Beziehung steht die Vergabe von Gütesiegeln mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz?

Eine Beziehung zwischen dem BSD-Gütesiegel und dem ProstSchG gibt es nicht, obwohl wir natürlich die Mindestanforderungen nach § 18 ProstSchG integriert haben. Und natürlich können sich die Behörden, die die Prostitutionserlaubnisse neu vergeben, sich am Gütesiegel orientieren und dies als einen Beleg der Mindestanforderungen annehmen. Aber das Gütesiegel steht für mehr!

Wie wird vor Ort über die Vergabe des Gütesiegels entschieden? Finden Gespräche mit den Betreibern sowie Sexarbeiterinnen statt? Findet eine Ortsbesichtigung statt?

Selbstverständlich wird die Situation vor Ort bewertet, was natürlich auch Gespräche mit allen Anwesenden einschließt. Denn die hier anwesenden SexarbeiterInnen und BordellbetreiberInnen haben es auch nach der Zertifizierung mit den Fragen zu tun. Allein das Gütesiegel ist sehr auffällig und animiert zu Fragen, aber auch zu Diskussionen und letztendlich zur Einhaltung der Kriterien und zu deren Fortentwicklung.

Du bist langjährige Aktivistin in Sachen Rechte für Sexarbeiterinnen und Gründerin des BSD. Welche Aktivitäten planst Du derzeit?

Mir ist es insgesamt wichtig, dass alle Beteiligten, also SexarbeiterInnen, BordellbetreiberInnen und Kunden die gleichen Rechte haben, wie alle anderen Menschen und Gewerbetreibenden sie haben. Ich wende mich gegen jegliche Diskriminierung und Stigmatisierung. Folglich unterstütze ich aktiv die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ für die Abschaffung des ProstSchG, die auch der BSD mitträgt. Doch zunächst bin ich noch damit beschäftigt, das BSD-Gütesiegel der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und weitere Anfragen von Betrieben „abzuarbeiten“.
Spannend wird auch die Evaluation der Stufe I und die Einführung der Stufe II mit den 1- 6 Kronen. Das wird sicher wieder in ein passendes Event eingebunden.

Vielen Dank Stephanie für das Interview!

 

Euer FeedbackWer Kontakt mit Stephanie Klee aufnehmen möchte, der kann das über den BSD gerne tun. Hier könnt Ihr auch den Info Flyer zum Gütesiegel abrufen.

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